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Geschwister kleben regelrecht zusammen

Geschwister kann man sich nicht aussuchen. Man wird einfach hineingeboren in diese Beziehungen und bleibt für immer große Schwester oder kleiner Bruder. „In der Regel ist die Geschwisterbeziehung die längste, die wir im Leben haben“, sagt Psychologin und Psychotherapeutin Carola Hoffmann. „Sie ist länger als alle Freundes- und Liebesbeziehungen und länger als die Beziehung zu den Eltern.“ „Geschwister sind wie Gummibärchen“, titeln die Autorinnen Ursi Breidenbach und Heike Abidi. „Das Geschwister regelrecht zusammenkleben, habe ich mit meinen Schwestern erlebt und erlebe es jetzt auch bei meinen Söhnen“, so Ursi Breidenbach. „Aber man hat sie auch manchmal über“, sagt sie und zieht damit eine weitere Gummibärchen-Parallele. „Gerade in der Pubertät, wo man sich nicht nur von den Eltern, sondern sich auch von den Geschwistern ablösen muss.“

Kinder brauchen Reibung

Letzten Endes gilt aber in der Regel: „Man hat sie ein Leben lang lieb und nach der Ablösung entsteht auch oft wieder mehr Nähe.“ Heike Abidi empfindet Geschwister als eine Schicksalsgemeinschaft: „Man lebt räumlich eng zusammen und muss miteinander klarkommen, auch wenn manchmal die Fetzen fliegen. Und wenn es hart auf hart kommt, ist man füreinander da.“ Wenn sich Kinder oft heftig streiten, können Eltern schnell genervt sein. Dass solche Situationen aber auch wichtige Übungsfelder sind, ist vielleicht ein kleiner Trost.

„Kinder brauchen Reibung“, betont Carola Hoffmann. „Die suchen sie bei den Eltern, aber auch bei den Geschwisterkindern, um Auseinandersetzungen zu trainieren. Wenn wir als Eltern zu früh eingreifen, nehmen wir dieses Übungsfeld.“ Und Reibung erzeugt Wärme, stellt die Psychologin heraus. „Wenn es zu Reibung kommt, bezieht sich der andere auf mich, es entsteht Beziehung und dadurch letztlich so etwas wie Familiensinn.“ Gehen Kinder jedoch im Streit aufeinander los, sollten Eltern natürlich eingreifen.

Ohne Geschwister fehlt etwas

„Aber nicht, weil ich den Streit über die Sache nicht möchte, sondern weil es um die Art geht, wie man ihn austrägt.“ Heike Abidi sagt: „So lange man über Dinge reden kann, ist alles gut, auch wenn das Gespräch konfliktreich ist.“ Ohne Geschwister fehlt etwas. Das haben die Autorinnen in vielen Gesprächen für ihr Buch herausgefunden. Zwar hätten sich Geschwisterkinder oft gewünscht, das einzige Kind ihrer Eltern zu sein, um deren ungeteilte Aufmerksamkeit zu bekommen.

„Aber wenn man ein bisschen älter wird, ist es ganz schön, unter dem Radar bleiben zu können und nicht die ganze Aufmerksamkeit der Erwachsenen zu bekommen, sagt Heike Abidi. Auch durch viele Freunde ließen sich Geschwister nicht ausgleichen. „Es ist nicht dasselbe“, erklärt Ursi Breidenbach. „Einzelkinder konnten sich dann doch nicht vorstellen, wie es ist, wenn man sich die Eltern und Großeltern teilt und auf einen gemeinsamen Erinnerungspool zurückgreifen kann.“ Quelle: „Auf ewig verbunden“ von Christina Bachmann in der „Münchner Abendzeitung“ vom 5./6. November 2022

Von Hans Klumbies

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