Singles, die anscheinend selbstbestimmt ihr Leben meistern, sind durchaus gesellschaftsfähig geworden. Andreas Salcher vermutet: „Im Geheimen werden sie oft sogar von in Familien lebenden Menschen bewundert, wenn Letztere gelegentlich davon träumen, aus der Enge ihrer Verpflichtungen auszubrechen.“ Es sei für Menschen immer gesund gewesen, das gute Alleinsein zu beherrschen, sagt der Psychotherapeut Dietrich Munz. Ein Erwachsener sollte es eine Weile mit sich selbst aushalten können, ohne sich zu ängstigen oder zu langweilen. Auch die Melancholie, die Menschen in einsamen Stunden manchmal überfällt, hat eine helle Seite, die es ihnen ermöglicht, besonders tief in sich selbst hineinzufühlen, oder eine dunkle – das ist dann der Seelenschmerz, in dem sie sich verlieren. Dr. Andreas Salcher ist Mitgebegründer der „Sir Karl-Popper-Schule“ für besonders begabte Kinder. Mit mehr als 250.000 verkauften Büchern gilt er als einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren Österreichs.
Allgemein
Die Psyche gewöhnt sich irgendwann an alles
Leute mit Höhenangst gehen eben nicht auf Fernsehtürme, Leute mit Aufzugsangst fahren nicht mit dem Lift, Leute mit Platzangst gehen nicht über große Plätze. Die Angst im Kopf hat bei vielen Menschen mit den Jahren weiter zugenommen und sich oft auch auf andere Lebensbereiche übertragen. Manfred Lütz erklärt: „Die Methode, sich der Angst auslösenden Situation in sicherer Begleitung auszusetzen, rechnet mit der Eigenschaft der Psyche, sich irgendwann an alles zu gewöhnen.“ So nimmt der anfänglich angestiegene Angstpegel nach einigen Minuten ab und der Patient erlebt zum ersten Mal seit Langem diese völlig unvorstellbare Situation mehr oder weniger angstfrei. Auf solche Weise kann zum Beispiel die Höhenangst verschwinden – und so geht man auch viele andere Ängste an. Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz ist Psychiater, Psychotherapeut, Kabarettist und Theologe.
Destruktivität kann selbstzerstörerisch sein
Sigmund Freuds Überlegungen zur Destruktivität konzentrieren sich auf die Möglichkeit der Zerstörung anderer Leben. Insbesondere ist das im Krieg mit seiner waffentechnologischen Erweiterung menschlichem Zerstörungsfuror der Fall. Die Kriegsneurotiker durchlebten die seelischen Folgen des Krieges immer wieder. Sie erlaubten es Sigmund Freud darüber nachzudenken, wie sich Destruktion nicht nur gegen andere, sondern auch gegen einen selbst richtet. Judith Butler weiß: „In der Kriegsneurose setzen sich die Kriegsleiden als durch unerbittliche Wiederholdung geprägte traumatische Symptome fort.“ Man wird bombardiert, attackiert, belagert – alles Metaphern eines Krieges, der auf dem posttraumatischen Schauplatz weitergeht. Sigmund Freud sieht hier den Wiederholungscharter der Destruktion. Beim Patienten führt das zu Isolation und weiter gefasst nicht nur zur Schwächung des sozialen Bandes, das Gesellschaften zusammenhält, sondern auch zur Selbstzerstörung bis hin zum Suizid. Judith Butler ist Maxine Elliot Professor für Komparatistik und kritische Theorie an der University of California, Berkeley.
Begegnungen verändern die Innenwelt
Der innere Wandel, den Begegnung bewirkt, kann auch moralischer Natur sein. Charles Pépin erklärt: „Weil ich dir begegnet bin, weil wir uns plötzlich gegenüberstanden und mich deine Zerbrechlichkeit berührt hat, wurde ich von meinem natürlichen Egoismus oder zumindest von meiner Gleichgültigkeit losgerissen.“ Man fühlt sich dadurch für einen anderen als sich selbst verantwortlich. Die Begegnung mit einem Anderen offenbart die eigene Person als moralisches Wesen. „Sprechen heißt den Anderen erkennen und sich ihm gleichzeitig zu erkennen geben“, schreibt Emmanuel Lévinas in „Schwierige Freiheit“. Die eigene Verantwortung beginnt in dem Moment, in dem wir mit dem Anderen ins Gespräch kommen. Die banalste Frage könnte auf etwas Wichtiges hinauslaufen. Charles Pépin ist Schriftsteller und unterrichtet Philosophie. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
Für die Sexualität von Frauen gibt es Märkte
Die körperliche Attraktivität und Sexualität von Frauen sind austauschbare Waren. Eva Illouz erläutert: „Mittels einer breiten Palette von Konsumgütern zur Verbesserung und Formung ihres Körpers arbeiten Frauen an ihrem Erscheinungsbild.“ Dieses investieren sie wiederum in vielfältige Märkte, um Kapital zu produzieren. Der Geldumlauf in diesen Märkten stützt eine symbolische Ökonomie. Diese macht die Sexualität und sexuelle Attraktivität zu einem Attribut von Weiblichkeit als echter, für den Blick produzierter Ware. Seine Visualität macht den Körper zu einer Konsummaschine, die Konsumobjekte formen. Der Look ist eine Form von Eigeninvestition, die durch Netzwerke von Geld und Sexualität fließt. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Außerdem ist sie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.
Eine Gesellschaft braucht gemeinsame Werte
Längst ist die Notwendigkeit, bewusst den Blick auf die für den Gefühlshaushalt wesentliche Dinge im Leben zu richten, zu einem Thema von gesellschaftlicher Relevanz geworden und betrifft daher auch die Politik. Hans-Otto Thomashoff ergänzt: „Eine Diskussion ist in Gang gekommen, die zum Ziel hat, dass wir unsere Gesellschaft so umbauen, dass sie sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert.“ Das Teilen von Gefühlen, das zu zweit im direkten Austausch bestens funktioniert, klappt genauso in der Gesellschaft. Kulturell geteilte Umgangsformen und gemeinsame Werte führen zu einem Wir-Gefühl, das in der Resonanz wechselseitiger Bestätigung zum gemeinschaftlichen Lebensgefühl wird. Wo es einer Gesellschaft gelingt, durch gemeinsame Werte, Ziele und verbindende Umgangsformen ein positiv gestimmtes Miteinander zu etablieren, ist viel dafür getan, dass die Menschen sich wohlfühlen. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.
Die Psyche gliedert sich in drei Bereiche
Mit der Entfaltung eines Menschen ist es derzeit nicht so einfach, denn auch das Privatleben hat sich stark verändert. Erfahrungen verändern einen Menschen. Michaela Brohm-Badry erläutert: „Wir bestehen aus unserem Körper und unserer Psyche, die sich in drei Bereiche gliedert: Kognition, Motivation und Emotion – Denken, Wollen und Fühlen.“ Der Körper als Organismus ist der materielle Teil des Menschen, welcher der Seele – Emotion – beziehungsweise dem Geist – Kognition und Motivation – als immateriellem Teil Heimat gibt. Physiologisch ist er aus Blut und Wasser, Knochen, Muskeln, Eiweiß, Phosphor und all den anderen Bestandteilen zusammengesetzt. Den Menschen unterscheidet von den meisten anderen Säugetieren sein aufrechter Gang, sein überproportional großes Gehirn und seine dürftige Körperbehaarung. Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Professorin für Lernforschung. Sie war langjährige Dekanin des Fachbereichs Erziehungs- und Bildungswissenschaften, Philosophie und Psychologie an der Universität Trier.
Die Symptome der Bitterkeit sind aggressiv
Reinhard Haller stellt fest: „Die Symptome der Verbitterung ähneln jenen der Depression, sind aber wesentlich aggressiver und selbstzerstörerischer.“ Während die Depression lähmt, regt die Verbitterung auf. „Die Depression ist ein starrer, dunkler Klumpen. Die Bitterkeit schwingt, sie bewegt sich wie ein zirkulierendes Gift und ist leicht abzurufen“, sagt der Berliner Psychiater Michael Linden. Im Vordergrund der Beschwerden stehen Missmut und Freudlosigkeit, Gefühle von Hilflosigkeit, Schuldvorwürfe gegen anderen und sich selbst. Weitere Symptome sind aggressive und suizidale Fantasien, innere Unruhe, Schlafstörungen, psychosomatische Beschwerden wie Magen- und Gallenleiden, Rückenschmerzen sowie Druck auf der Brust. Verbitterte meiden zunehmend den sozialen Kontakt, sie erleben die Umwelt als verständnislos und kaltherzig. In vielen Fällen entwickeln sie Neid und Wut auf die scheinbar sorglose, fröhlichen und sie alleinlassende Gesellschaft. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.
Jeder Mensch besitzt Selbst-Netzwerke
Der Besitz eines Selbst-Systems macht den Menschen zu einer einzigartigen Spezies. Des ist eines mit zwei Perspektiven, ein Ich-Du-System und Sitz sowohl dessen, was man als eigenes Selbst erleben und erkennen kann, als auch Repräsentanz des signifikanten Anderen. Joachim Bauer erläutert: „Seine Eigenschaften sind einerseits psychischer Natur, wir können das Selbst subjektiv erleben und beobachten. Andererseits ist es neurobiologisch verankert und lässt sich aus der Sicht eines wissenschaftlichen Betrachters beschreiben.“ Die Selbst-Netzwerke überlappen sich auch mit den Netzwerken, die das Wir-Umfeld einer Person kodieren, und sind mit diesen Netzwerken teilweise identisch. Die Selbst-Netzwerke bilden sich in den ersten etwas achtzehn bis vierundzwanzig Lebensmonaten aus. Sie sind das Ergebnis der Resonanzen, mit denen der Säugling in dieser Zeit von seinen Bezugspersonen adressiert wurde. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.
Ein Konflikt ist kein Wettbewerb
Wer Konflikte als Gewinner-Verlierer-Modell spielt, will gewinnen. Und hat damit verloren: nämlich den Verlierer. Als Freund, als Kollegen, als Ehemann, als Kraft der Solidargemeinschaft. Reinhard K. Sprenger weiß: „Sie können sicher sein: Für Ihren Sieg werden Sie einen Preis bezahlen. An einem Ort, wo Sie es nicht für möglich halten. Zu einem Zeitpunkt, auf den Sie nicht vorbereitet sind. Aber Sie werden ihn zahlen.“ Denn niemand lässt eine Niederlage auf sich sitzen. Das „schlagende“ Argument ist nämlich bei Weitem nicht immer das Beste, was sich Menschen gegenseitig antun. Deshalb ist es wichtig – wenngleich ungemein schwer – Wettbewerbs-Mentalität aus einem Konflikt herauszuhalten und ihn mehr als einen Tanz der Energien zu verstehen. Reinhard K. Sprenger ist promovierter Philosoph und gilt als einer der profiliertesten Managementberater und Führungsexperte Deutschlands.