Jeder Mensch besitzt Selbst-Netzwerke

Der Besitz eines Selbst-Systems macht den Menschen zu einer einzigartigen Spezies. Des ist eines mit zwei Perspektiven, ein Ich-Du-System und Sitz sowohl dessen, was man als eigenes Selbst erleben und erkennen kann, als auch Repräsentanz des signifikanten Anderen. Joachim Bauer erläutert: „Seine Eigenschaften sind einerseits psychischer Natur, wir können das Selbst subjektiv erleben und beobachten. Andererseits ist es neurobiologisch verankert und lässt sich aus der Sicht eines wissenschaftlichen Betrachters beschreiben.“ Die Selbst-Netzwerke überlappen sich auch mit den Netzwerken, die das Wir-Umfeld einer Person kodieren, und sind mit diesen Netzwerken teilweise identisch. Die Selbst-Netzwerke bilden sich in den ersten etwas achtzehn bis vierundzwanzig Lebensmonaten aus. Sie sind das Ergebnis der Resonanzen, mit denen der Säugling in dieser Zeit von seinen Bezugspersonen adressiert wurde. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.

Die Selbst-Netzwerke verändern sich zeitlebens

Die Grundstrukturen seines Selbst spiegeln die Resonanzerfahrungen wider, die der Säugling in den ersten Monaten des Lebens gemacht hat. Durch vertikalen Selbst-Transfer verinnerlichte Grundhaltungen seiner Bezugspersonen und implizite Botschaften, die man dem Säugling über sich selbst mitteilt, bilden im Kleinkind einen überdauernden Selbstkern. Joachim Bauer erklärt: „Sobald dieser Kern besteht, versucht das Selbst, an seiner eigenen Konstruktion und ständigen Weiterentwicklung mitzuwirken.“

Das Kleinkind entwickelt sich zu einem Akteur, bleibt aber weiterhin unter dem Einfluss von vertikalen und horizontalen Selbst-Transfers. Die Selbst-Netzwerke verändern sich zeitlebens. Sie sind und bleiben im Menschen der soziale Ansprechpartner. Sei reagieren – nicht nur psychisch, sondern auch neurobiologisch – auf das, was andere einem sagen. Das Selbst verändert sich – als Objekt – und dem Einfluss der von anderen empfangenen Botschaften und – als Subjekt – durch die Art und Weise, wie es diese Botschaften integriert und wie es mit ihnen umgeht.

Viele Menschen tun sich mit ihrem Selbst schwer

Das Selbst-System ist nicht nur sozialer Ansprechpartner, es hat auch eine biologische Steuerungsfunktion für den eigenen Körper inne. Joachim Bauer betont: „Das Selbst-System bildet die Schnittstelle zwischen sozialer Umwelt und der Biologie des Körpers. Ansagen und Botschaften, welche das Selbst aus seinem sozialen Umfeld erreichen, adressieren und verändern das Selbst-System, welches seinerseits die empfangenen Signale in den biologischen Körper hinein weiterreicht.“

Was einem Menschen ein anderer Mensch sagt, den er als sich nahestehend oder bedeutsam erlebt, kann eine gewaltige Wirkung haben. Viele Menschen tun sich mit ihrem Selbst schwer. Sei es, dass es ihnen als zu klein und unbedeutend vorkommt, oder sei es, dass sie ihre Vergänglichkeit nicht hinnehmen wollen. Manche Menschen leben in einem inneren Unfrieden. In ihnen vertragen sich die agierenden Selbst-Teilstücke nicht miteinander. Oder es herrscht in ihnen die Grundstimmung vor, sie seien schlecht. Quelle: „Wie wir werden, wer wir sind“ von Joachim Bauer

Von Hans Klumbies

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