Nach dem instinkttheoretischen Ansatz dient aggressives Verhalten der Erhaltung des Individuums. Die Triebtheorie sieht in der Aggression einen nach Entladung drängenden Trieb. Reinhard Haller ergänzt: „Die lerntheoretischen Erklärungen führen Aggression auf das Erlernen solchen Verhaltens am Vorbild aggressiver Menschen zurück.“ Die klassische Konditionierung sieht im „Lernen am Erfolg“ beziehungsweise Lernen durch Belohnung und/oder Bestrafung den entscheidenden Entstehungsmechanismus. Da Hass ebenso wie Ärger, Zorn und Wut zu den emotionalen Aggressionsarten gehört, ist für sein Verständnis die Frustrations-Aggressions-Hypothese hilfreich. Nach dieser Theorie wird auf Frustrationen mit Aggressivität reagiert, so auch mit Hass. Dieser macht sich gleichsam Luft nach außen. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).
Allgemein
Menschen fühlen sich oft als Hochstapler
Von Zeit zu Zeit mach sich bei vielen Menschen eine durch ein weniger lähmendes Gefühl des Zweifels geprägte Form des Hochstapler-Syndrom breit. Mehr als die Hälfte der Menschen, die man kennt, haben sich zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Berufslebens wie ein Hochstapler gefühlt. Adam Grant ergänzt: „Man nimmt an, dass dies bei Frauen und marginalisierten Gruppen besonders häufig der Fall ist. Seltsamerweise scheint es jedoch auch unter Überfliegern stark verbreitet zu sein.“ Zu Adam Grants Studenten gehören Leute, denen ein Patent erteilt wurde, noch bevor sie trinken konnten, und die Schachmeister wurden, bevor sie Auto fahren konnten. Dennoch kämpfen sie immer noch mit Unsicherheit und stellen ständig ihre Fähigkeiten infrage. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der Wharton Business School. Er ist Autor mehrerer internationaler Bestseller, die in 35 Sprachen übersetzt wurden.
Viele Männer sind ziemlich scheiße
Es gibt ein gutes Argument gegen das Buch „Der gekränkte Mann“. Viele Männer sind tatsächlich ziemlich scheiße: Adolf Hitler, Osama bin Laden, Donald Trump, Björn Höcke und viele andere. Terroristen, Taliban, Amokläufer sind in der Regel Männer. Tobias Haberl fügt hinzu: „Für eine böse Frau muss man lange überlegen. Beate Zschäpe? Vielleicht. Eine langweilige, anstrengende, oberflächliche? Kein Problem – ein Blick auf Instagram genügt.“ Aber eine, die kriminell oder sogar gewalttätig ist? Schwierig. Und wenn einem eine einfällt, ist meistens ihr Vater oder Ehemann schuld. Männer vergewaltigen mehr, töten mehr und verschicken definitiv mehr Fotos von ihrem Geschlechtsteil, die keiner haben will. Der Literaturwissenschaftler Tobias Haberl schreibt für das „Süddeutsche Zeitung Magazin“. Sein letztes Buch „Die große Entzauberung – Vom trügerischen Glück des heutigen Menschen“ wurde ein Bestseller.
Resilienz hilft bei der Bewältigung von Krisen
Unter Resilienz versteht man die Widerstandsfähigkeit, die man braucht, um Ausnahmesituationen und Krisen zu bewältigen. Markus Hengstschläger fügt hinzu: „Eine Bewältigungsstrategie – Coping – beruht unter anderem darauf, in solchen Situationen auf stabile Ressourcen zurückgreifen zu können.“ Folglich kann man Resilienz in unsicheren Situationen dadurch unterstützen, dass man laufend parallel bewährte stabile Konzepte verfolgt, auf die man immer wieder zurückgreifen kann. Durch die Wechselwirkung zwischen dem erwünschten Fehlermachen und der Verarbeitungsmöglichkeit von Rückschlägen kommt ein Prozess in Gang, bei dem man Resilienz erlernen kann. Das Experimentieren erlaubt es dem Menschen, Rückschläge als Instrumente der Weiterentwicklung zu akzeptieren und Schritt für Schritt die persönliche Resilienz zu erweitern. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUni Wien.
Die Rache ist ein äußerst vielfältiges Gefühl
Die Rache ist ein ungemein vielfältiges, nicht völlig durchschaubares und nur in Teilbereichen zu begreifendes Gefühl. Dies trifft auch auf die ihr zugrunde liegenden Ursachen und Motive zu. Reinhard Haller erläutert: „Diese sind oft ganz klar zu erkennen. Manchmal bleiben sie zweifelhaft, manchmal diffus. Nicht selten enthalten sie neben vordergründigen auch verdrängte Komponenten.“ Zu unterscheiden sind – auch bei der Rache – die Motive von den Ursachen, welche die sichtbaren äußeren Faktoren erfassen. Im Gegensatz dazu betrifft die Motivation die innere Seite, also das, was die rächende Person psychisch antreibt und zur Rache verlockt. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).
Die Sprache hat zwei Funktionen
Menschen sind die einzigen Säugetiere, die eine Sprache entwickelt haben und nutzen können. Thomas W. Albrecht stellt fest: „Die Bedeutung unserer Sprache kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Alles, was wir Menschen erreicht haben, ist mit dem Gebrauch der Sprache verbunden.“ Sprache benutzen Menschen auf zwei unterschiedliche Weisen. Erstens repräsentieren sie damit, was sie erleben. Sie denken, fantasieren und schlussfolgern. Sie führen Selbstgespräche, überlegen, machen Pläne, sortieren ihre Erfahrungen und bewerten diese. So entwickeln sie fortlaufend ein Modell ihres Erlebens, das auf den Wahrnehmungen ihrer Sinnesorgane beruht. Zweiten benutzen Menschen Sprache, um das, was sie erlebt haben, anderen Menschen mitzuteilen. Diese Aktivitäten bezeichnet man als Reden, Diskutieren, Schreiben, Singen oder Lehren. Thomas W. Albrecht ist Experte für Kommunikation und Rhetorik.
Es gibt viele Arten von Narzissmus
Vor allem in der amerikanischen Selbsthilfeliteratur unterscheidet man inzwischen viele Spielarten des Narzissmus, die einzeln, abwechselnd oder auch in Mischformen auftreten können. Turid Müller möchte einige davon in aller Kürze skizzieren. Sie hat diejenigen ausgewählt, die sie für besonders verdeckt hält. Beispielsweise bedeutet „Gutartiger Narzissmus“: Die Betroffenen sind in der Jugend stecken geblieben und wirken etwas unreif. Trotzdem ist es möglich, viel Spaß mit ihnen zu haben. Turid Müller ergänzt: „Aber an dem Tag, an dem du versuchst, in die Tiefe zu gehen oder schwere Lebensthemen zu teilen, merkst du wie oberflächlich die Beziehung ist.“ Diese Oberflächlichkeit kann einen Menschen vor große Probleme stellen, wenn er eine engere Beziehung aufbauen möchte. Denn das wird kaum gelingen, wenn ein erwachsenes Einlassen nicht auf beiden Seiten möglich ist. Turid Müller ist Diplom-Psychologin und ausgebildete Schauspielerin.
Menschen wollen „von Bedeutung sein“
Wenn man annimmt, das Leben verstanden zu haben, sollte man auch in der Lage sein, eine Antwort auf die Sinnfrage geben zu können. Ganz egal, wie diese ausfällt. Maren Urner erläutert: „Die Frage nach einem möglichen Lebenssinn ist wohl so alt wie die Menschheit und philosophischer Natur. Eine Überprüfung der Frage „Ist das Leben sinnvoll?“ lässt sich kaum anhand von Daten durchführen.“ Anders aber die Frage nach einem sinnvollen oder bedeutsamen Leben. Dabei geht es um die Dinge, die Menschen am Sterbebett – insofern sie die Gelegenheit dazu haben – bereuen oder schätzen. Die Dinge, die sie rückblickend auf ihre Lebenszeit als wertvoll beziehungsweise wertlos betrachten. Dr. Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.
Alternative Fakten dienen der Verschleierung
Manchen Menschen ist schon aufgefallen, dass diejenigen Dinge und Sacherhalte, die man mit wohlklingenden neuen Begrifflichkeiten benennt, ihre eigentliche Bedeutung verlieren. Heidi Kastner nennt Beispiele: „Aus „alten Personen“ wurden „reifere Personen“, ohne dass gleichzeitig alle an Lebensjahren Reichen auch durch Lebenserfahrung reifer geworden wären.“ „Bürgernahe“ Argumente dienen der populistischen Verblendung, Arbeitskräfte werden im Rahmen von Umstrukturierungen „freigesetzt“ und nicht mehr entlassen. Probleme ersetzt man durch Herausforderungen. Die Werbung verwandelt sich in eine „Kundeninformation“, gestiegene Preise nennt man „Preisanpassung“ und nicht Preiserhöhung. Gebäude reißt man nicht ab, sondern baut sie zurück und wirtschaftlicher Stillstand führt trotzdem Wachstum im Namen, aber eben als „Nullwachstum“. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der forensischen Abteilung der Landesnervenklink Linz.
Probleme bei Paaren sind notwendig
Offensichtlich haben viele Paare miteinander Probleme. Diese Tatsache beurteilt man gewöhnlich als nachteilig. Michael Lehofer weiß: „In Wahrheit ist es aber notwendig, in Paarbeziehungen Probleme zu haben. Denn nur bei Problemen können wir reifen. Die Reifung bedeutet Wachstum und ist daher ein Lebenszeichen wie kein anderes.“ Wenn man in einer Paarbeziehung ein gravierendes Problem hat, hadert man gewöhnlich mit seinem Schicksal. Im Grunde poppt in diesem Zusammenhang aber meist nur ein bisher verdeckter Konflikt des Paares auf. Nicht das Konflikt ist das Problem, sondern die Weise, wie das Paar mit ihm umgeht. Wenn das Leben wie geschmiert läuft, kann man sich nicht entwickeln. Univ.-Prof. Dr. med. Dr. phil. Michael Lehofer ist ärztlicher Direktor und Leiter der einer Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Landeskrankenhaus Graz II.