Destruktivität kann selbstzerstörerisch sein

Sigmund Freuds Überlegungen zur Destruktivität konzentrieren sich auf die Möglichkeit der Zerstörung anderer Leben. Insbesondere ist das im Krieg mit seiner waffentechnologischen Erweiterung menschlichem Zerstörungsfuror der Fall. Die Kriegsneurotiker durchlebten die seelischen Folgen des Krieges immer wieder. Sie erlaubten es Sigmund Freud darüber nachzudenken, wie sich Destruktion nicht nur gegen andere, sondern auch gegen einen selbst richtet. Judith Butler weiß: „In der Kriegsneurose setzen sich die Kriegsleiden als durch unerbittliche Wiederholdung geprägte traumatische Symptome fort.“ Man wird bombardiert, attackiert, belagert – alles Metaphern eines Krieges, der auf dem posttraumatischen Schauplatz weitergeht. Sigmund Freud sieht hier den Wiederholungscharter der Destruktion. Beim Patienten führt das zu Isolation und weiter gefasst nicht nur zur Schwächung des sozialen Bandes, das Gesellschaften zusammenhält, sondern auch zur Selbstzerstörung bis hin zum Suizid. Judith Butler ist Maxine Elliot Professor für Komparatistik und kritische Theorie an der University of California, Berkeley.

Der Beweis für den Todestrieb findet sich im Sadomasochismus

Judith Butler erläutert: „In dieser Art der Destruktion spielen Libido oder Sexualität eine verminderte oder verschwindende Rolle, und die für das politische Leben zentralen sozialen Bindungen lösen sich auf.“ Gegen Ende seinen Buchs „Jenseits des Lustprinzips“ stellt Sigmund Freud nicht nur fest, dass jeder menschliche Organismus in einem bestimmten Sinn seinen eigenen Tod anstrebt, sondern auch, dass sich diese Neigung nicht auf die Sexualtriebe zurückführen lässt.

Der Beweis für den Todestrieb, sagt Sigmund Freud, findet sich im sexuellen Sadismus und allgemeiner im Phänomen des Sadomasochismus. Obgleich die Sexualisierung des Todestriebes seine Destruktivität den nach Freud nicht destruktiven Zielen der Sexualität unterordnen kann, kann es auch zur Vorherrschaft des Todestriebes kommen, eine Situation, die klar im Fall sexueller Gewalt zum Ausdruck kommt. Sowohl die Selbstzerstörung wie die Zerstörung des anderen sind potenziell im Sadomasochismus am Werk.

Der Sadismus ist ein „Vertreter“ des Todestriebes

Flüchtig und opportunistisch bemächtigt sich der Todestrieb des sexuellen Begehrens, ohne offen zutage zu treten. Judith Butler erklärt: „Eine sexuelle Beziehung mit dem ursprünglichen Begehren der Vereinigung wird von zahllosen Formen der Selbstzerstörung durchbrochen, die in manifestem Gegensatz zu den ausdrücklichen Zielen der Liebenden stehen.“ Das zutiefst Beunruhigende an offensichtlich selbstzerstörerischen Handlungen, die gerade die Bindungen auflösen, die man am meisten beibehalten will, ist nur eine alltägliche Spielart des Scheiterns, im dem sich der Todestrieb im Sexualleben kundtut.

In seinem Buch „Das Unbehagen in der Kultur“ führt Sigmund Freud den Sadismus erneut als „Vertreter“ des Todestriebes ein, verknüpft ihn aber in diesem Spätwerk deutlicher mit den Konzepten der Aggression und der Destruktivität. Darin kann man laut Judith Butler eine zweitere oder spätere Fassung der Todestriebtheorie sehen. Dabei wird die Aggression nicht mehr ausschließlich im Kontext des sexuellen Sadomasochismus gesehen, da man, so Freud, „die Ubiquität der nicht erotischen Aggression und Destruktion nicht länger übersehen und versäumen kann“. Quelle: „Die Macht der Gewaltlosigkeit“ von Judith Butler

Von Hans Klumbies

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