Charles Pépin schreibt: „Begegnung ist auch dies: ein Zunichtemachen unserer Repräsentationen, unserer vorgefasste Meinungen zur Welt und zu den Lebewesen durch die Wirklichkeit.“ Der Zustand der Bereitschaft erfordert also auch, dass man seine Erwartungen lockert, seine Kriterien und Vorurteile aufweicht. Letztere verengen gleich Scheuklappen des Blickfeld und hindern einen Menschen, in Erwägung zu ziehen, was ihn glücklich machen könnte. Man sollte sich seiner Vorbehalte entledigen, seine Überfügungen und Gewissheiten infrage zu stellen. Wie oft verwechselt man überstürzte Urteile, die nach einer schlechten Erfahrung auf der Außenhaut des eigenen Geistes deponiert werden, konformistische Gedanken und verformte Widerklänge einer gehörten Geschichte mit authentischen Überzeugungen. Diese bröckeligen Meinungen zu entlarven und darüber hinaus imstande zu sein, die eigenen Gewissheiten gegen Zweifel einzutauschen, darin liegt das Geheimnis der Bereitschaft. Charles Pépin ist Schriftsteller und unterrichtet Philosophie. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
Hans Klumbies
Burnout ist ein berufsbedingtes Problem
Die Schattenarmee der Überanstrengten ist riesig. Anna Katherina Schaffner weiß: „Erschöpfung im Allgemeinen und Burnout im Speziellen gehören zu den vorherrschenden Epidemien unserer Zeit. Weil unser Leben und Denken tendenziell von unserem Berufsleben dominiert wird und sich viele Menschen sowieso fast alle wie Arbeit anfühlt – auch unsere Beziehungen, unsere persönliche Entwicklung und unsere Sorge um den Zustand der Welt –, ist Burnout zu den intensivsten thematisierten Erschöpfungssyndrom der Gegenwart geworden.“ Genaugenommen ist Burnout ein berufsbedingtes Problem – ein Erschöpfungszustand, der von chronischem Arbeitsstress verursacht wird. Auch wenn uns die Glücksindustrie etwas anderes weismachen will, zeigen Untersuchungen, dass suche Zustände in der Mehrheit der Fälle nicht an mangelhaften Bewältigungsstrategien der Betroffenen liegen. Die Wurzeln des Problems reichen tief in unsere Arbeitswelten. Anna Katherina Schaffner ist Kulturhistorikerin und zertifizierter Burnout-Coach.
Erinnerungen sind nur ganz subjektive Ideen
Wörter stehen nie für sich allein, sondern man setzt sie über seine Erfahrung automatisch in Verbindung mit seinem Wissen über die Welt. Thorsten Havener erläutert: „Das beeinflusst unsere Erinnerung so weit, dass wir schon kurze Zeit später denken, die mit den einzelnen Wörtern verbundenen Assoziationen und Erinnerungen nicht nur gedacht zu haben, sondern sie sogar gehört oder gesehen zu haben.“ Das zeigt übrigens auch, dass unsere Erinnerungen mit den tatsächlichen Geschehnissen, an die wir uns erinnern, nicht übereinstimmen müssen. Letztlich sind unsere Erinnerungen nur ganz subjektive Ideen, wie das erinnerte Erlebnis wohl war. Es ist also möglich, sich über Worte zu Gedanken und auch Handlungen zu bewegen, ohne dass man sich dessen überhaupt bewusst ist. Thorsten Havener ist Deutschlands bekanntester Mentalist.
Kindern und Alten sollte man zuhören
Andreas Salcher schreibt: „Für ein Kind ist fast alles neu und es geht mit Staunen und Verwunderung an Situationen heran. Kinder leben ihr Leben nicht auf der Grundlage einer vorgefassten Meinung darüber, wie es sein sollte. Wenn Sie das nächste Mal mit Kindern zusammen sind, achten sie darauf, wie diese auf die Welt um sich herum reagieren.“ Kinder sind nie fertig mit dem Lernen. Fangen Sie an Fragen zu stellen, wie Kinder es tun: Was ist das, warum ist es so, wie funktioniert das? Sobald Sie anfangen, derartige Fragen zu stellen, werden Sie mehr über Themen und Situationen lernen, von denen Sie glauben, dass Sie diese bereits kennen. Dr. Andreas Salcher ist Mitgebegründer der „Sir Karl-Popper-Schule“ für besonders begabte Kinder. Mit mehr als 250.000 verkauften Büchern gilt er als einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren Österreichs.
Mit guten Motiven kann man andere überzeugen
Wenn man andere Menschen davon überzeugen will, noch einmal nachzudenken, geht es nicht einfach darum, gut zu argumentieren – es geht darum, zu beweisen, dass man dies auf der Grundlage der richtigen Motive tut. Dabei muss man versuchen die Wahrheit herauszufinden. Auseinandersetzungen sind oft viel aggressiver und feindlicher als nötig. Man muss bereit sein, zuzuhören, was ein anderer sagt, und seine Aussage gebührend würdigen. Dadurch klingt man wie ein vernünftiger Mensch, der alles berücksichtig. Adam Grant erläutert: „Vernünftig sein bedeutet, dass man mit uns vernünftig reden kann, dass wir offen dafür sind, unsere Ansichten im Lichte von Logik und Daten zu entwickeln. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der Wharton Business School. Er ist Autor mehrerer internationaler Bestseller, die in 35 Sprachen übersetzt wurden.
Manche Menschen haben eine Mission
Morgan Housel schreibt: „Ich hatte einen Jugendfreund, der weder mit einem Silberlöffel im Mund noch mit bemerkenswerter Intelligenz gesegnet zur Welt kam. Aber er strengte sich an wie kein anderer. Von solchen Menschen lässt sich viel lernen, weil sie jeden Zentimeter des Wegs zum Erfolg aus eigener Anschauung kennen.“ Als Teenager träumte er davon, Arzt zu werden. Das war seine Mission. Dass die Chancen schlecht für ihn gestanden hätten, wäre eine gewaltige Untertreibung gewesen. Kein vernünftiger Mensch hätte ihm das damals zugetraut. Aber er strengte sich an du wurde schließlich Arzt – zehn Jahre später als eine Mitstudenten. Was für eine Erfüllung musste es gewesen sein, sich ins und durch das Medizinstudium zu kämpfen, und gegen alle Wahrscheinlichkeit einen der nobelsten Berufe zu ergreifen? Morgan Housel ist Partner bei der Risikokapitalgesellschaft The Collaborative Fund.
Die Immunsysteme sind äußerst lernfähig
Beide Immunsysteme, das körperliche und das mentale, sind äußerst lernfähig. Volker Busch erläutert: „Durch wiederholte Auseinandersetzung mit der Umwelt entwickeln sie sich weiter. Sie erhalten Upgrades, die sie im Laufe der Jahre immer leistungsfähiger, spezifischer und individueller machen.“ Dadurch entwickeln Menschen das, was man „Immunkompetenz“ nennt. Jedes Immunsystem schreibt dabei seine eigene Geschichte. Auch hier schaut Volker Busch zunächst auf die körperliche Verteidigung: Schon in den ersten Lebensjahren entwickeln Menschen sogenannte T-Zellen, die für die Abwehr von Viren und entarteten Zellen Sorge tragen, sowie sogenannte B-Zellen, die Antikörper produzieren, die sich gegen krank machende Bakterien richten. Auch das mentale Immunsystem entwickelt eine Reihe von beeindruckenden Abwehrmaßnahmen zur Verteidigung psychischer Belastungen, die über das Schreien hinausgehen. Prof. Dr. Volker Busch ist seit circa zwanzig Jahren als Arzt, Wissenschaftler, Autor und mehrfach ausgezeichneter Vortragsredner tätig.
Menschen ziehen Grenzen zwischen Gruppen
Man wäre schlecht beraten, die Identitätssynthese als inkohärent abzutun oder ihre Verfechter gar als unmoralisch zu verunglimpfen. Yascha Mounk erklärt: „Die neue Aufmerksamkeit für Fragen der Identität speist sich aus Wut und Enttäuschung über das Fortbestehen echter Ungerechtigkeiten. Die meisten Anhänger der Identitätssynthese wollen die Welt wirklich verbessern.“ Dennoch ist Yascha Mounk inzwischen überzeugt die sich die Identitätssynthese sich als äußerst kontraproduktiv erweisen wird. Der Grund für ihren Erfolg mag zunächst verständlich, die Beweggründe ihrer Anhänger mögen aufrichtig sein. Aber auch Menschen, die es noch so gut meinen, können unbeabsichtigt echten Schaden anrichten – und der Einfluss dieser neuen Ideologie wird den Weg zu einer besseren Zukunft erschweren. Yascha Mounk ist Politikwissenschaftler und lehrt an der Johns Hopkins Universität in Baltimore.
Erinnerungen sind von Emotionen abhängig
Einiges spricht dafür, dass die Genauigkeit von Erinnerungen, die Menschen abrufen können, auch von den emotionalen Gehalt abhängig ist, mit dem sie verknüpft sind. Kit Yates ergänzt: „Gefühle können Menschen dazu bringen, Aussagen zu akzeptieren, die sie sehr gern hören wollen, selbst wenn diese unlogisch sind – Psychologen sprechen dann von „Motivated Reasoning“ – Wunschdenken.“ Personen, die vor Kurzem einen gelebten Menschen verloren haben, befinden sich oft in einem derart emotional aufgewühlten Zustand. Viele Trauernde, die vielleicht nicht akzeptieren können oder wollen, dass der geliebte Mensch für sie nicht mehr erreichbar ist, sind geneigt, Wahrsager oder Medien aufzusuchen. Die Trauer, die mit dem Tod eines engen Freundes oder Verwandten einhergeht, ist ein schmerzhafter Prozess, und es ist nur allzu verständlich, dass sich die Leidtragenden nach tröstlichen Worten sehnen. Kit Yates lehrt an der Fakultät für mathematische Wissenschaften und is Co-Direktor des Zentrums für mathematische Biologie der University of Bath.
Rache soll den Selbstwert wieder herstellen
Reinhard Haller weiß: „Da Lieblosigkeiten, Benachteiligungen oder Entwertungen als Angriff auf den Kern der Persönlichkeit empfunden werden, soll durch Rache der Selbstwert wiederhergestellt und das ramponierte Selbstvertrauen verbessert werden.“ Der spätere Rächer, anfangs Opfer, führt sich durch eine gegen ihn gerichtete Ungerechtigkeit tief verletzt und sieht sich durch das Erleben seiner Erniedrigung, Schwächung und Hilflosigkeit gedemütigt. Wenn er nicht niedergeschlagen – im wahrsten Sinne des Wortes – bleiben will, muss er alles tun, um seine frühere Stärke wieder zu erlangen. Einer der am meisten begangenen Wege dazu ist jener über die Rache, mit der man das Gleichgewicht zum jetzt mächtiger gewordenen Schädiger einpendeln und die eigene Erniedrigung oder Schwächung beheben will. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).