Selbstentfremdung prägt die moderne Welt

Die moderne, schnelllebige, technisierte und an den Erfordernissen des globalen Kapitalismus ausgerichtete Welt hat eine Selbstentfremdung möglich gemacht, die Georg Milzner erschreckt. Diese Selbstentfremdung ist nicht überall akut und sie betrifft nicht jeden. Aber das ist bei Epidemien auch so und macht diese nicht weniger gefährlich. Entscheidend ist nur, dass die Problematik ganz offenbar immer weitere Kreise zieht und dadurch den Status einer gesellschaftlichen relevanten Problematik bekommt. Georg Milzner erklärt: „Gesellschaftlich relevante Krankheitsbilder lassen erkennen, was im Unbewussten einer Lebensform gärt und arbeitet. Sie verweisen auf die Fehler dieser Lebensform, die von den Betroffenen nicht beachtet werden oder sie in ihrem Handlungsspektrum überfordern.“ Das bedeutet zwar, dass jede betroffene Person zunächst einmal individuell leidet. Es bedeutet aber auch, dass ihr Leiden nicht ihr Privatproblem ist. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.

Weiterlesen …

Skandale bringen schlechte Eigenschaften hervor

Über Skandale können die Schattenseiten des Daseins ausagiert werden. Alle Menschen kennen die Gefühle des Neids, können eifersüchtig sein, haben sexuell Fantasien, sind von Gier getrieben oder kämpfen mit Gelüsten der Rache. Allan Guggenbühl fügt hinzu: „Solche Empfindungen gestehen wir uns jedoch nicht ein. Wir lassen sie nicht zu, da sie im Widerspruch zu unserem Selbstbild stehen.“ Die meisten Menschen versuchen gut zu sein und verdrängen Eigenschaften, die zwar menschlich, aber unerwünscht sind. Skandale bringen diese zum Vorschein. Statt über sich selbst nachzudenken, regt man sich über das finstere Treiben anderer Menschen auf. Man kann sich dann mit seinen Mitmenschen im Kampf gegen diese unheimlichen Seiten verbünden und sich gleichzeitig selbst beweisen, dass man eben nicht so ist. Allan Guggenbühl ist seit 2002 Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich tätig. Außerdem fungiert er als Direktor des Instituts für Konfliktmanagement in Zürich.

Weiterlesen …

Machtlosigkeit ist eine der größten Bedrohungen

In den Diskussionen über soziale Themen fehlt etwas: die Psychologie der Machtlosigkeit. Die ökonomische Ungleichheit in den Städten, Ländern, Staaten und Nationen führt zu einem Mangel an Vertrauen. Zudem kommt es zu unbesonnenem Verhalten, zu einem verringertem Sinn für Gemeinschaft, zu schlechter Gesundheit, Depressionen, Ängsten und Gewalt. Dacher Keltner fügt hinzu: „Machtlosigkeit verstärkt die Anfälligkeit der Menschen gegenüber Bedrohungen. Machtlosigkeit führt zu vermehrten Reaktionen des Körpers auf Stress. Sie verstärkt den Ausstoß von Cortisol und zerstört das Gehirn.“ Diese Auswirkungen beeinträchtigen die Fähigkeit eines Menschen zu denken und zu reflektieren, sich in der Welt zu engagieren, sich gut zu fühlen und hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen. Dacher Keltner ist Professor für Psychologie an der University of California in Berkeley und Fakultätsdirektor des UC Berkeley Greater Good Science Center.

Weiterlesen …

Groll oder Hass führt zur Rache

Racheakte verüben Menschen aus aggressiven Emotionen unterschiedlicher Färbung und Intensität. Hans-Peter Nolting erklärt: „Man ist verärgert, ist wütend, ist empört, empfindet Groll oder gar unbändigen Hass – ausgelöst durch ein Verhalten, das der Rächer zumindest als Provokation, nicht selten aber als Demütigung und Kränkung auffasst.“ Das Selbstwertgefühl ist eine besonders empfindliche Stelle des menschlichen Seelenlebens. So sehr die Emotionen „im Bauch“ zu rumoren scheinen – der Kopf spielt hier eine entscheidende Rolle. Es kommt nämlich immer darauf an, wie man den auslösenden Anlass interpretiert, insbesondere, wie man ihn sich erklärt. In der Psychologie spricht man hier von Attribution. Dr. Hans-Peter Nolting beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Themenkreis Aggression und Gewalt, viele Jahre davon als Dozent für Psychologie an der Universität Göttingen.

Weiterlesen …

Eine Belohnung kann sich in Bestechung verwandeln

Es ist fast unmöglich, einen Artikel zur Kindererziehung zu lesen, ohne über das Prinzip der „positiven Verstärkung“ belehrt zu werden. Aber die Sache hat für Reinhard K. Sprenger einen gewaltigen Haken: „Genügten bei Ihren Kindern anfangs noch ein paar neue Turnschuhe, mussten es vor zwei Jahren schon die Inlineskates sein. Im letzten Jahr war es dann ein einwöchiger Surfkurs auf Sylt. Und wehe, die Belohnung lässt sich in diesem Jahr nicht irgendwie steigern.“ Wenn man auf diese Weise Menschen antreiben will, muss das Reizniveau immer leicht nach oben geschraubt werden. Das Spiel verliert mit jeder neuen Runde, denn Belohnungen haben kurze Beine. Denn es liegt auf der Hand, dass nur der Preis permanenter Wiederholung oder Steigerung der Belohnung motiviert. Reinhard K. Sprenger ist promovierter Philosoph und gilt als einer der profiliertesten Managementberater und Führungsexperte Deutschlands.

Weiterlesen …

Theodor W. Adorno erforscht den autoritären Charakter

Während seines Exils in Kalifornien betrieb Theodor W. Adorno 1943 empirische Studien zum autoritären Charakter. Philipp Hübl weiß: „Dabei hatte er den typischen deutschen Nationalsozialisten genau vor Augen. Da Faschisten ihre Gesinnung normalerweise ihrer Umgebung verhehlen, fragte Adorno sich, ob man sie auch über indirekte Hinweise verlässlich erkennen kann.“ Inspiriert war er durch die Vorarbeiten von Erich Fromm und durch Sigmund Freuds Studien zum „Analcharakter“. Sigmund Freud beschrieb damit einen Typen, der durch strenge Erziehung „ordentlich, sparsam und eigensinnig“ ist und zur Pedanterie und übermäßiger Reinlichkeit neigt. Diese Merkmalliste hat Theodor W. Adorno erweitert. Der autoritäre Charakter denkt seiner Meinung nach konventionell und ordnet sich den Autoritäten in der Gruppe unter. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).

Weiterlesen …

Das Gute wird am Ende immer gewinnen

In diesen Zeiten gibt es scheinbar viele Gründe, sich zu fürchten oder mit Sorge in die Zukunft zu blicken. Man hat das Gefühl, die Welt sei ein einziges Krisenszenario. Aber ist das wirklich so? Vielleicht entsteht dieser Eindruck auch dadurch, dass viele Menschen nur noch das Negative wahrnehmen. Georg Pieper erläutert: „Doch es gibt nicht nur das Dunkle, Schwere, Bedrohliche. Es gibt auch sehr Positives und Beglückendes in unserem Leben und auf der Welt.“ Man muss sich dabei folgendes klarmachen: Jeder kann selbst entscheiden, wohin er schauen und was er denken will. Natürlich wäre es naiv, das Schlechte einfach auszublenden. Es existiert nun einmal. Aber man sollte sich nicht einzig darauf fokussieren. Dr. Georg Pieper arbeitet als Traumapsychologe und ist Experte für Krisenintervention.

Weiterlesen …

So setzen Sie Vorsätze richtig um

Um die inneren Automatismen eines Menschen, die ihn zu einem bequemen, aber unklugen Verhaltensweise verführt, besser zu widerstehen, kann sich der freie Wille einiger kognitiver Tricks bedienen, um die Oberhand zu behalten. Auf die Frage, was Kinder und Erwachsene tun, um einer Versuchung zu widerstehen, antwortet Joachim Bauer: „Die dabei angewandten kognitiven Techniken unterscheiden sich entlang zunehmenden Alter.“ Ab dem etwa 8. Lebensjahr erwerben Kinder eine für die Selbstbeherrschung besonders interessante Fähigkeit. Sie lernen Dinge sozusagen mit anderen Augen zu sehen. Eine solche Abstandsgewinnung ist zudem eine überaus erfolgreiche Methode. Denn damit gewinnt man zu ungesunden oder schädlichen Konsumprodukten eine innere Distanz. Eine andere Frage lautet: Wie kann man überlegte und aus freiem Willen getroffene Entscheidungen – zum Beispiel Sport zu treiben – auch gegen innere Beharrungs- oder Verführungstendenzen durchsetzen. Der Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer lehrt an der Universität Freiburg.

Weiterlesen …

Kreativität hat man oder man hat sie nicht

Viele Menschen vergöttern die Kreativität, und sie wissen, dass sie selten ist. Wenn man sie verstehen würde, könnte man auch lehren. Und dann könnte jeder kreativ sein. David Gelernter erläutert: „Diese einfache, höchst begeisternde, ja zugleich rührende und zugleich alles andere als überzeugende Auffassung hat sich seit der Ära der absoluten Fortschrittsgläubigkeit, seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, erhalten.“ Damals war man sich in den Vereinigten Staaten sicher, dass jeder alles lernen kann. Kreativität ist so ein schwieriges Thema, weil man sie nicht Schritt für Schritt erlangen kann. Es ist das Verwirrende und Frustrierende an der Kreativität: Hier gibt es keinen Weg, um auch nur eine Grundkompetenz zu erwerben. David Gelernter ist Professor für Computerwissenschaften an der Yale University.

Weiterlesen …

Kinder sollten sich selbst erziehen

Das Erziehungsideal von Anne Franks Vater Otto lautete, dass Kinder sich am besten selbst erziehen sollten. Er hat das mündige Kind in Anne entdeckt und gefördert. Er hat sie zu etwas gemacht, das auch bei der zehnten Lektüre ihres Tagebuchs begeistert, erschüttert und verstört. Ulf Poschardt stellt fest: „Mehr Mündigkeit ist schwer vorstellbar.“ Und das unter Umständen, in denen jede Form der pathologischen Unmündigkeit nachvollziehbar gewesen wäre. Ähnlich beeindruckend entwickelte der Mediziner und Pädagoge Janusz Korczak eine Utopie der Mündigkeit für eine Erziehung der Zukunft. Auch er entwickelte sie unter denkbar schwierigsten und unmenschlichsten Bedingungen. Den von ihm geschilderten Klassenkampf zwischen Erwachsenen und Kindern löst er in einer Frühforderung jeglicher Mündigkeitsimpulse der Kinder auf. Seit 2016 ist Ulf Poschardt Chefredakteur der „Welt-Gruppe“ (Die Welt, Welt am Sonntag, Welt TV).

Weiterlesen …