Was das menschliche Bewusstsein ist, ist wirklich nicht leicht zu erklären. Das bewusste Leben ist wie ein Live-Stream mit Spitzentechnik. Der Mensch ist als Hauptfigur mittendrin. Franca Cerutti ergänzt: „Während du dich in Echtzeit durch deinen Film bewegst, ploppen laufend kleine Einblendungen auf. Beispielsweise mit Assoziationen oder Erinnerungen aus deiner Vergangenheit, oder auch „Was wäre wenn“-Fensterchen mit alternativen Handlungssträngen.“ Ziemlich komplex, aber auch unterhaltsam. Gleichzeitig läuft parallel noch eine Spur, die einen Menschen Dinge empfinden lässt. Dazu zählen Berührungen, Geruch und Geschmack, Hunger, Durst und Müdigkeit, aber auch Emotionen. Dieser Film verfügt über sämtliche sinnliche Qualitäten. Franca Cerutti arbeitet in eigener Praxis am Niederrhein als Psychotherapeutin mit den Schwerpunkten Verhaltenstherapie und Coaching. Sie moderiert zwei Podcasts: „Split – Happens – Der Scheidungs-Guide“ und „Psychologie to go!“
Unbewusstes
Der Geist muss sich aussprechen
Mit Philosophie hat Sigmund Freud wenig am Hut. Er reiht sich in die positivistische Tradition des puren Wissenschaftlers ein. Gleichwohl, so stellt er fest, erfordert der Geist eine besondere Untersuchungsmethode, für welche die spekulative Physiologie Franz Joseph Galls und seiner Schüler viel zu oberflächlich ist. Ger Groot erklärt: „Psychologische Beobachtung ist weniger eine Frage des Sehens als des Zuhörens. Der Geist muss sich aussprechen, auch und vielleicht sogar von allem, wenn man seine tiefsten, unbewussten Abgründe ausloten will.“ Ein solches Ausloten ist unumgänglich, will man den Geist nicht nur verstehen, sondern auch seine Krankheit heilen können. Ger Groot lehrt Kulturphilosophie und philosophische Anthropologie an der Erasmus-Universität Rotterdam und ist Professor für Philosophie und Literatur an der Radboud Universität Nijmegen.
Gustave Le Bon analysiert die Massen
Die erste wissenschaftliche, in ihren Grundzügen bis heute gültige Theorie zum kollektiven Verhalten stammt vom französischen Soziologen Gustave Le Bon. Reinhard Haller konkretisiert: „In seinem 1895 veröffentlichten Hauptwerk „Psychologie der Massen“ versucht er, das landläufig bekannte Phänomen des oft irreal erscheinenden Verhaltens von Menschenansammlungen wissenschaftlich zu fundieren.“ In der Anonymität der Menschenmenge fühlt sich der Einzelne geschützt, gibt seinen individuellen Willen auf und unterliegt den ansteckenden Gefühlen der Masse. Daraus entwickelt sich eine eigene Dynamik, die irrationales Handeln intendiert, etwa panisches Agieren bei geringen Auslösern. Gustave Le Bon, der die Massen und ihr Verhalten eigentlich zu verachten scheint, weist bereits auf die zentrale Rolle des Unbewussten hin und beklagt, dass man darüber so wenig wisse. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.
Träume sind spannender als Video-Clips
Eine Zeit, die so von Bildern geprägt ist wie die heutige, müsste die inneren Bilderwelten ebenso zu schätzen wissen wie die äußeren. Daher ist es für Georg Milzner merkwürdig, dass Menschen stundenlang Youtube-Videos ansehen können, sich oft für ihre Träume wenig interessieren: „Denn Träume sind allemal spannender als Clips, und überdies haben sie etwas mit uns zu tun.“ Ob man sie als Botschaften des Unbewussten liest oder ob man, wie der Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend einmal sagte, beim Träumen bloß die „Show“ genießt, ist dabei zunächst einmal unwesentlich. Als Psychologe des Unbewussten arbeitet Georg Milzner oft mit Träumen. Und er macht dabei immer wieder dieselbe Erfahrung: Menschen, die sich um ihre Träume jahrelang nicht gekümmert haben, ja, sich nicht einmal sicher waren, ob sie überhaupt träumen, werden plötzlich neugierig. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.
Das Unbewusste sollte mit Respekt behandelt werden
Der berühmte amerikanische Schriftsteller Norman Mailer hielt sein Unbewusstes für einen vollwertigen Partner bei seinen schriftstellerischen Projekten. Er sah in ihm einen Gefährten, der es verdiente, mit Respekt behandelt zu werden. John Bargh weiß: „Er war der festen Überzeugung, dass er eine verlässliche, vertrauensvollen Beziehung zu den verborgenen Sphären seines Geistes eingehen musste.“ Das Unbewusste erkennt die wichtigen Ziele eines Menschen daran, wie oft er bewusst an sie denkt und wie viel Zeit und Mühe er für sie aufwendet. Die persönlichen Werte, Gefühle und Entscheidungen werden dann vor allem bei wichtigen Zielen so zurechtgebogen, wie es zur Erreichung dieser Ziele am dienlichsten ist. Das hat zur Folge, dass sich die eigenen Ansichten und Einstellungen in einigen Punkten radikal ändern können. Prof. Dr. John Bargh ist Professor für Psychologie an der Yale University, wo er das Automaticity in Cognition, Motivation, and Evaluation (ACME) Laboratory leitet.
Die Seele besteht aus einer Triade
Mit seiner Studie „Das Ich und das Es“ legte Sigmund Freud 1923 das Gefüge der Seele erstmals als Triade fest. Begründet wird es durch drei Kräfte, die in wechselseitiger Abhängigkeit stehen. Keine dieser Kräfte ist selbstständig, keine kann allein die Überhand gewinnen. Peter-André Alt ergänzt: „Es und Über-Ich streben auf unterschiedliche Weise nach Erfüllung der in ihnen angelegten Potentiale, sind aber aufeinander angewiesen.“ Energetische Tendenz und ökonomische Organisation der drei Instanzen fallen sehr unterschiedlich und auch in sich spannungsreich aus – das ist der Grund für die seelische Instabilität des Menschen. Bereits in Sigmund Freuds Traumtheorie ist das Unbewusste vom Vorbewussten und Bewusstsein zwar räumlich – im übertragenen Sinn – getrennt, jedoch wirken die Bereiche ineinander. Peter-André Alt ist Professor für Neuere Deutsche Literaturgeschichte an der Freien Universität Berlin.