Gustave Le Bon analysiert die Massen

Die erste wissenschaftliche, in ihren Grundzügen bis heute gültige Theorie zum kollektiven Verhalten stammt vom französischen Soziologen Gustave Le Bon. Reinhard Haller konkretisiert: „In seinem 1895 veröffentlichten Hauptwerk „Psychologie der Massen“ versucht er, das landläufig bekannte Phänomen des oft irreal erscheinenden Verhaltens von Menschenansammlungen wissenschaftlich zu fundieren.“ In der Anonymität der Menschenmenge fühlt sich der Einzelne geschützt, gibt seinen individuellen Willen auf und unterliegt den ansteckenden Gefühlen der Masse. Daraus entwickelt sich eine eigene Dynamik, die irrationales Handeln intendiert, etwa panisches Agieren bei geringen Auslösern. Gustave Le Bon, der die Massen und ihr Verhalten eigentlich zu verachten scheint, weist bereits auf die zentrale Rolle des Unbewussten hin und beklagt, dass man darüber so wenig wisse. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

In der Masse verliert der Einzelne seine individuelle Persönlichkeit

In der Masse verliere der Einzelne seine Kritikfähigkeit, unterliege der enormen Suggestion, lasse sich affektiv aufschaukeln und reagiere barbarisch und primitiv. Die „Massenseele“ sei von Führern leicht zu lenken und zu manipulieren. Gustave Le Bon hält die Masse für grundsätzlich impulsiv, irritierbar, suggestibel, leichtgläubig, intolerant und besessen von übertriebenen Ideen. Die Mitglieder einer Masse verlieren ihre individuelle Kritikfähigkeit und ihre spezifische Persönlichkeit.

Die Masse sei unintelligent und denke einseitig, unlogisch und vorschnell. Reinhard Haller stellt erläutert: „Führer erhalten rasche einen charismatischen Nimbus, haben großes demagogisches Talent und herausragende rhetorische Fähigkeiten. Sie bedienen sich zur Beeinflussung der Masse dreier Methoden: der Behauptung, Wiederholung und Übertragung.“ Neben dieser Ansteckungstheorie hat in der Massenpsychologie jene der Annäherung an Bedeutung gewonnen. Diese besagt, dass das irrationale Verhalten nicht von der Masse ausgehe, sondern von den Einzelnen in diese hineingetragen werde.

Die Annäherungstheorie gewinnt an Bedeutung

Personen, die ähnlich denken oder dasselbe Anliegen haben, schließen sich zu großen Interessengruppen zusammen. Die Annäherungstheorie gewinnt in Zeiten der Immigration vermehrt praktische Bedeutung. Mit ihrer Hilfe lässt sich erklären, wie sich alteingesessene, starre Gesellschaften von Zuzüglern bedroht fühlen. Individueller, schon lange schlummernder Fremdenhass führt zur Annäherung von Menschen mit denselben Interessen und Bedingungen. Nach dieser Konvergenztheorie handelt die Masse nicht irrational, sondern verdichtet die individuell bereits seit Langem vorhandenen Gefühle.

Hinter kollektiven Kränkungen stehen letztlich immer „affektenergetische Motoren“, die vor allem auf Gruppen eine enorme denk- und verhaltensregulierende Kraft entwickeln können. So entfalten vergangene und aktuelle Emotionen eine gewaltige Wirkung auf die kollektive Aufmerksamkeit, das kollektive Gedächtnis und das kollektive Denken. Daraus können kollektive Logiken der Angst, Wut, Freude oder Trauer entstehen. Aus diesen bilden sich gruppen- oder kulturspezifische Mentalitäten oder Ideologien. Quelle: „Die Macht der Kränkung“ von Reinhard Haller

Von Hans Klumbies

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