Die heutige Schülergeneration wird teilweise von ihren Eltern vernachlässigt. So argumentiert auch der Sozialforscher und Leiter der Shell-Jugendstudie Klaus Hurrelmann. Er ist der Meinung, dass die Gesellschaft den Eltern heute die absolute Schlüsselrolle bei der Erziehung zubilligt. Das beruht im Vertrauen darauf, dass sie alles richtig machen. Das funktioniert aber nur bei einem Drittel der Eltern. Andreas Salcher nennt die Gründe: „Nur diese haben die notwendige erzieherische Kompetenz und Bildung sowie auch die wirtschaftliche Basis.“ Ein weiteres Drittel kämpft sich irgendwie durch. Und dann gibt es das untere Drittel. Klaus Hurrelmann beschreibt es: „Wenn ich in diese Familien hineinschaue, sträuben sich mir die Nackenhaare. Die großen Potenziale der Kinder werden leichtfertig verschüttet.“ Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestseller-Autor und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.
Hans Klumbies
Eine Lebenskrise hört nie wirklich auf
Wer heute noch von einer Midlife-Crisis redet, der zeigt laut Andreas Salcher, dass er wirklich alt ist. Der Begriff ist de facto ausgestorben, das Phänomen der Lebenskrise dagegen nicht. Die Lebenskrise beginnt heutzutage nur meist schon Mitte 20 und hört nie mehr wirklich auf. Andreas Salcher erläutert: „Die nächste Krise bricht oft in einer Phase auf, in der wir endlich zu wissen glauben, wie das Leben funktioniert.“ Dieser Prozess des ständigen Wechsels zwischen Stabilität und Entwicklung der Persönlichkeit ist zwar durchaus lehrreich, aber auch ziemlich anstrengend. Was versteht man überhaupt unter Persönlichkeit? Unter den unzähligen gilt das „Big-Five-Modell“ heute international als das universelle Standardmodell in der Persönlichkeitsforschung. Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestseller-Autor und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.
In jeder Ehe gibt es Gipfel und Täler
In jeder Ehe gibt es Höhen und Tiefen. Auf dem Weg von den Flitterwochen über die anstrengenden Jahre der Erziehung der Kinder bis zum leeren Nest gibt es Gipfel und Täler. Die besonderen Stressfaktoren und Freuden, die jede Phase des Familienzyklus begleiten, verursachen Schwankungen in der ehelichen Zufriedenheit. Es macht Shirley P. Glass Mut zu hören, dass die Mehrheit der unglücklichen Paare, die die ehelichen Stürme überstehen, letztendlich im sicheren Hafen ankommen. Es ist ihrer Meinung nach wichtig, besonderes Augenmerk auf neue Stressfaktoren oder wesentliche Veränderungen der familiären Umgebung während der zwei Jahre vor Beginn einer Affäre zu richten. Dr. phil. Shirley P. Glass war niedergelassene Psychologin und Familientherapeutin. Sie starb im Jahr 2003 im Alter von 67 Jahren an einer Krebserkrankung.
Gedanken verändern Gefühle und Handlungen
Die bewussten Gedanken eines Menschen spielen eine große Rolle. Sie sind kausal. Das heißt, sie haben die Macht, die persönlichen Gefühle und Handlungen zu verändern. Das mag den meisten Menschen ziemlich klar erscheinen. John Bargh weist aber darauf hin, dass noch vor 100 Jahren die Hauptströmung der Psychologie genau das Gegenteil behauptete. John Watson, der Begründer des Behaviorismus, behauptete damals: „Das Bewusstsein ist tot.“ Warum tat er das? Weil es zu seiner Zeit keine zuverlässigen Methoden zur Messung bewusster Gedanken gab. John Watson hatte nur die introspektiven Berichte freiwilliger Probanden über das, was sie sahen und dachten. Und diese erwiesen sich nicht als sehr zuverlässig. Prof. Dr. John Bargh ist Professor für Psychologie an der Yale University. Dort leitet er das Automaticity in Cognition, Motivation, and Evaluation (ACME) Laboratory.
Fanatismus wird oft mit Hass genährt
Ein Fanatiker kann sich seines Fanatismus nicht in jedem Augenblick völlig sicher sein. Fanatismus verebbt ohne Nahrungszufuhr, daher muss er immer wieder aufs Neue genährt werden. Seine Nahrung sind flammender Hass und selbstwertbezogene Gefühle. Ernst-Dieter Lantermann ergänzt: „Beide zwingen das Denken unter ihre Regie und ermöglichen jene Vereinfachungen, Abschottungen, Verabsolutierungen, Zuspitzungen und Polarisierungen, die den Kern eines jeden Fanatikers ausmachen.“ Ebbt die innere Erregung des Fanatikers ab, sei es durch Gewöhnung, Erschöpfung, nachlassende Wachsamkeit, mangelnde äußere Bedrohung oder durch Beschwichtigung oder Rückzug der Gegner, besteht die Gefahr einer Erosion des fanatischen Grundes durch Abkühlung des Denkens. Kaltes Denken geht einher mit Differenzierung, Reflexion, Abwägung, Überprüfung und Perspektivenvielfalt. Ernst-Dieter Lantermann war von 1979 bis 2013 Professor für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie an der Universität Kassel.
Es gibt eine dunkle Seite des Mitgefühls
Die dunklen Seiten der Empathie beziehen sich nicht auf den Menschen, sondern auf die Situation, in der er sich befindet. Heinz Bude erläutert: „Der empathische Beobachter schlüpft in die Haut des anderen, indem er sich die Umstände veranschaulicht, die die andere Person so und nicht anders erscheinen lassen.“ Man fühlt mit, wie der andere jetzt ist und im nächsten Augenblick sein wird. Zum Beispiel die Peinlichkeit einer Situation, das Ungeschick in der Rolle und das Bemühen um Haltung werden dem Beobachter zum erlebten Faktum. Auf dieses reagiert er mit Sorge, Bestürzung oder Durchatmen. Dabei besitzt der empathische Beobachter einen Vorteil an Klarheit und Voraussicht. Heinz Bude studierte Soziologie, Philosophie und Psychologie. Seit dem Jahr 2000 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Makrosoziologie an der Universität Kassel.
Angst und Panik sind in Deutschland sehr präsent
Angst und Panik sind heutzutage bei vielen Menschen allgegenwärtig und verstärken sich noch durch die aktuelle und medial hochgekochte Furcht vor Terroranschlägen, Finanzkrisen oder Flüchtlingswellen. Angst und Panik sind ebenso wie Depressionen und Burn-out heute keine psychischen Ausnahmetrips mehr, sondern sind sehr präsent. Sie sind ein öffentliches Thema und damit in der Wahrnehmung als Phänomen der Gegenwart schon fast hingenommen und akzeptiert. Richard Schneebauer schränkt allerdings ein: „Betrifft es jedoch einen selbst, fühlen sich dieses Zustände sicher nicht mehr so „normal“ an. Die meisten Betroffenen tun sich nach wie vor schwer, sich diese Gefühlszustände einzugestehen, darüber zu reden oder sind bereit, die Hintergründe genauer zu beleuchten. Vor allem wir Männer!“ Dr. Richard Schneebauer ist Soziologe und seit 17 Jahren in der Männerberatung tätig.
Nur der Mensch kann über die Zukunft nachdenken
Zwei aus individueller Sicht wichtige Aspekte scheinen Joachim Bauer beim Nachdenken über Wege zu mehr Selbststeuerung von besonderer Bedeutung zu sein. Sie betreffen zum einen die Dimension der Zukunft. Zum anderen betreffen sie die grundsätzliche Notwendigkeit, Stress zu reduzieren. Die Potentiale der Selbststeuerung, nämlich planendes Handeln, Kreativität und Selbstwachstum, lassen sich nicht nur als Fähigkeiten, sondern auch als Bedürfnisse beschreiben. Ein überaus wichtiger Aspekt der Conditio humana ist die Fähigkeit des Menschen, sich die Dimension der Zukunft zu erschließen und sie zu reflektieren. Joachim Bauer erklärt: „Keine andere Spezies ist dazu in einem derartigen Ausmaß wie der Mensch in der Lage.“ Diese Fähigkeit schließt sowohl die Hoffnung als auch die Erwartung künftigen Unheils, einschließlich der Möglichkeit, entsprechende Vorsorge zu treffen, mit ein. Der Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer lehrt an der Universität Freiburg.
Alles Unbewusste kann bewusst werden
Es gibt viele Modelle des Unbewussten. Manche widersprechen einander so fundamental, dass es für Georg Milzner wenig Sinn hat, sie alle aufzuführen. Daher möchte er vom Unbewussten in einer Minimaldefinition reden: „Das Unbewusste ist alles das, was uns jetzt, hier nicht bewusst ist, also auf der Benutzeroberfläche unseres Bewusstseins nicht erscheint.“ Manches ist dabei der Bewusstseinsoberfläche sehr nah. „Vorbewusst“ nannte Sigmund Freud das. Anderes ist versunkener, liegt weiter weg. Das muss nicht unbedingt mit Verdrängung zu tun haben, manches liegt einfach nur weiter entfernt. Alles Unbewusste kann jedoch bewusst werden. Entweder, indem es bewusst gemacht wird oder aber, indem es gleichsam aufsteigt und aus dem, was man das Unbewusste nennt, in die Sphäre des Bewusstseins überwechselt. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.
Absolute Macht führt zu Machtmissbrauch
Es gibt eine sehr subtile Form des Machtmissbrauchs: Es ist die Verletzung der Regeln der alltäglichen Höflichkeit und des Respekts. Diese sind aber auch wesentlich, um dauerhafte Macht zu erreichen. Verschwinden bei einem Menschen Empathie und moralische Gefühle, steigert sich die impulsive Selbstsüchtigkeit. Dacher Keltner stellt fest: „Es stellt sich heraus, dass in den sozialen Netzen die Mächtigen die Hauptquelle für Grobheit, Respektlosigkeit und Unhöflichkeit sind. Damit untergraben sie das Vertrauen in die Zivilgesellschaft und zerstören deren Zusammenhalt.“ Selbst kleinere Verschiebungen der Macht können Menschen dazu bringen, in einer Weise zu agieren, die dem Gemeinwohl schadet. Es zählt zu den großen Begabungen des menschlichen Geistes, diese moralischen Defizite wegzuerklären. Dacher Keltner ist Professor für Psychologie an der University of California in Berkeley und Fakultätsdirektor des UC Berkeley Greater Good Science Center.