Psychische Störungen können bösartig sein

Wenn man von der Psychopathologie des Bösen spricht, darf man die „Bösartigkeit“ mancher Symptome nicht unberücksichtigt lassen. Ähnlich wie bei einer malignen Erkrankung im körperlichen Bereich können auch psychische Störungen von bösartiger Natur sein. Das hat aber nichts mit einer moralischen Wertung zu tun, sondern spricht den Krankheitscharakter der psychischen Symptomatik an. Psychiatrische Erkrankungen können einen guten, also in der Ausheilung mündenden Verlauf nehmen. Oder sie führen in ihrer bösartigen Form zur Katastrophe, Chronifizierung oder gar zum Tod. Die Symptome können eher harmlos und „benigne“ oder schwerwiegend und „bösartig“ sein. Reinhard Haller stellt fest: „Eigenartigerweise fällt es uns weit weniger schwer, von einer bösartigen körperlichen als einer derart beschriebenen psychischen Erkrankung zu sprechen.“ Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

Paranoia führt zur Fehlbeurteilung der Wirklichkeit

Psychiater können zwischen bösen, fanatischen und kranken Ideen unterscheiden. Bei bösen Ideen setzen sie ein hohes Maß an freiem Willen voraus. Das heißt, die Idee ist trotz ihrer Verwerflichkeit nicht Folge von krankhaften Gedankengängen oder von schweren emotionalen Einflüssen. Vielmehr entspricht sie einer normalen Psyche und dem freien Denken. Sie wird somit zur Grundlage dessen, was im Strafrecht als „böser Wille“ bezeichnet wird.

Bei kranken Ideen ist hingegen keine freie Willensbildung mehr möglich. Der Betroffene ist seiner pathologischen Vorstellung mehr oder minder hilflos ausgeliefert und kann sich nicht mehr frei entscheiden. Reinhard Haller weiß: „Während beim Fanatismus noch eine gewisse Korrektur und Selbststeuerung möglich ist, dominiert der Wahn das Denken, Fühlen und Wollen in absoluter Weise.“ Diese schwerwiegende, auch als Paranoia bezeichnete Erkrankung führt zu einer Fehlbeurteilung der Wirklichkeit. Diese wird mit absoluter Gewissheit verteidigt.

Für Wahnkranke existiert kein Zweifel

Die wahnhafte Idee kann der Betroffene nicht korrigieren. Selbst dann nicht, wenn sie klare Widersprüche zur objektiven Realität aufweist und mit dem Urteil gesunder Mitmenschen nicht in Übereinstimmung zu bringen ist. Charakteristisch am Wahn ist die unerschütterliche Überzeugung, an der ohne ausreichende Begründung festgehalten wird. Der Wahnkranke weiß, dass es so und nicht anders ist. Seine Erklärung lautet: „Es ist so, es gibt überhaupt keinen Zweifel.“ Wahnhaft zu empfinden und zu denken heißt, Dinge ohne jeglichen Anlass miteinander in Beziehung zu setzen.

Oft wird das Böse zum Inhalt eines bösartigen Symptoms, etwa beim Verschuldungs-, Versündigungs- oder Besessenheitswahn. Ähnlich einer Krebserkrankung wuchert der Wahngedanke immer hemmungsloser. Er nimmt den Organismus der Seele weitgehend gefangen und beherrscht die Ideen, Vorstellungen und schließlich auch das Handeln der erkrankten Person. In „wahnhafter Wehrlosigkeit“ ist diese der Paranoia ausgeliefert, sie kann gar nicht mehr anders handeln. Sie ist nicht mehr zurechnungsfähig. Quelle: „Das Böse“ von Reinhard Haller

Von Hans Klumbies

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