Die stärkste Droge für den Menschen ist der andere Mensch. Joachim Bauer erläutert: „Die enormen Wirkungen, die Menschen auf andere haben, zeigen sich nicht nur im Privatleben, sondern auch im öffentlichen Raum. Zudem in den Medien und ganz besonders in den sozialen Netzwerken.“ Die Wirkungen, die von anderen Menschen ausgehen können, werden in den meisten Fällen nicht bemerkt. Denn die wechselseitige zwischenmenschliche Beeinflussung geht in der Regel sublim, schleichend und unmerklich vonstatten. Viele nehmen erst dann wahr, dass Einflüsse, die von Mitmenschen ausgehen, das eigene Selbst tatsächlich verändern, wenn sie mit einer gewissen Wucht daherkommen. Wie zum Beispiel bei einer Liebeserklärung oder im Falle einer groben Kränkung. Vor allem die spektakulären Beschädigungen, die durch körperliche Gewalt angerichtet werden, haben den Blick dafür verstellt, dass es keiner sichtbaren physischen Einwirkung bedarf, um einen anderen Menschen biologisch zu verändern. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.
Hans Klumbies
Die Gefühle beeinflussen den Geist
Wenn ein Mensch verletzt ist und Scherzen hat, kann er etwas dagegen tun. Ganz gleich, was die Ursache der Verletzung ist oder wie sich der Schmerz im Einzelnen anfühlt. Antonio Damasio fügt hinzu: „Das Spektrum der Situationen, die beim Menschen Leid verursachen können, umfasst nicht nur körperliche Wunden. Sondern sie umfasst auch die Verletztheit, die wir empfinden, wenn wir einen geliebten Menschen verloren oder eine Demütigung erlitten haben.“ Die Fülle derartiger Erinnerungen erhält das Leiden aufrecht und verstärkt es zugleich. Das Gedächtnis trägt dazu bei, dass ein Mensch die Situation in eine imaginäre Zukunft projizieren und sich die Folgen ausmalen kann. Antonio Damasio ist Professor für Neurowissenschaften, Neurologie und Psychologie an der University of Southern California und Direktor des dortigen Brain and Creative Institute.
Wut kann viel Leid erzeugen
Aristoteles, der sich durchaus bewusst war, welche Bedeutung Zorn im menschlichen Leben spielt. Er schrieb in seinem Werk „Politik“: „Jeder kann wütend werden, das ist einfach. Aber wütend auf den Richtigen zu sein, im richtigen Maß, zur richtigen Zeit, zum richtigen Zweck und auf die richtige Art, das ist schwer.“ Aus evolutionärer Sicht soll die Wut einem Menschen zwar nützen, aber häufig schadet sie ihm auch. Nicht nur wegen des psychischen Leidens, das Wut auslösen kann. Daneben auch wegen möglicher Auswirkungen auf die Beziehungen zu jenen Menschen, auf die der Unmut zielt. Eyal Winter ergänzt: „Häufig können wir unsere Wut nicht zügeln, wenn sie uns nicht nur nicht nützt, sondern sogar schadet.“ Eyal Winter ist Professor für Ökonomie und Leiter des Zentrums für Rationalität an der Hebräischen Universität von Jerusalem.
Die Wohlstandsverwahrlosung breitet sich aus
Auch Kinder aus wohlhabenden Verhältnissen können sehr arm sein – innerlich arm. Es fehlt ihnen an Zuwendung durch die Eltern, an Zeiten, in denen ihnen einfach nur zugehört wird, an Interesse an ihrem Leben, Fühlen und Denken und vor allem mangelt es ihnen an Zuneigung. Eltern, die keine Zeit für ihre Kinder haben, versuchen das häufig durch materielles Verwöhnen auszugleichen. Klaus Biedermann weiß: „Oft leben Kinder, die unter Wohlstandsverwahrlosung leiden, in einer nach außen hin intakten Familie. In dieser herrscht jedoch schon das große Schweigen zwischen den Eltern.“ Typische Verwöhnfallen können sich auch aus anderen Situationen ergeben: Eltern, die durch eine Trennung in einen materiellen Wettstreit treten, berufstätige Mütter oder auch alleinerziehende Väter, die versuchen, ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Dr. phil. Klaus Biedermann leitet seit mehr als 30 Jahren Selbsterfahrungskurse und Burn-In-Seminare in seiner Sommerakademie auf der Insel Korfu.
Erregung erhöht die Leistung des Gedächtnisses
Wenn ein Forscher sagt, eine Versuchsperson sei erregt, dann meint er, das Herzfrequenz, Schwitzen, Pupillendilatation und andere physiologische Indikatoren relativ zum Ruhezustand erhöht sind. Und es hat sich laut Julia Shaw gezeigt, dass das Erregungsniveau eines Menschen eine große Rolle für seine Fähigkeit spielt, Erinnerungen zu verschlüsseln, zu speichern und abzurufen. Eine Steigerung der Erregung geht zugleich mit einer Erhöhung der Gedächtnisleistung einher. Das ist stimmig. Denn wenn man an seine lebhaftesten Erinnerungen zurückdenkt, geht es meist um emotionale Ereignisse. Nun ist die Versuchung groß, vorschnell den Schluss zu ziehen, dass größere Erregung dabei hilft, Dinge zu behalten. Doch Julia Shaw schaut genauer hin und stellt fest: „Wenn wir übererregt und panisch sind, erscheint uns unser Kopf oft leer. Und deshalb vergessen wir Informationen, die wir andernfalls ganz leicht abrufen könnten.“ Die Rechtspsychologin Julia Shaw lehrt und forscht an der London South Bank University.
Jeder Mensch kann sich von seinem Besitz lösen
Niemand ist von Natur aus unfähig, Dinge wegzuwerfen. Viele Menschen glauben nur, sie könnten nicht loslassen. Psychologen nennen das „erlernte Hilflosigkeit“. Eine Person hat in der Vergangenheit wiederholt versucht, sich von Dingen zu trennen, und glaubt jetzt, sie könnte das nicht. Fumio Sasaki weiß aber: „Doch jeder kann sich von Besitz lösen, man muss sich nur der Gründe bewusst werde, warum man bisher daran scheiterte. Es liegt nicht an Ihrer Natur, weshalb Sie auch keinerlei Schuld tragen. Sie kennen es einfach nicht, sich von Besitz zu trennen, Sie haben sich so daran gewöhnt, ihn zu behalten.“ Früher lebte Fumio Sasaki in einem vermüllten Apartment, heute sieht seine Wohnung absolut minimalistisch aus. Fumio Sasaki arbeitete als Cheflektor des japanischen Verlages Wani Books, bevor er freier Autor wurde.
Der Begriff „Familie“ ist out
Paul Verhaeghe setzt den Begriff „Familie“ in Anführungszeichen, um damit zu zeigen, dass dieses Wort kaum noch seine traditionelle Bedeutung besitzt. In der Vergangenheit offenbarte der Blick auf die Familie häufig einen leicht gelangweilten Vater, eine stolze Mutter und einige Kinder. Heute ist die traditionelle Familie im Aussterben begriffen. Patchwork-Familien aller Art und Alleinerziehende dominieren das Geschehen. Außerdem ist die Scheidungsrate extrem hoch und man schließt immer weniger Ehen. Das hat verschiedene Gründe, die zu einem großen Teil mit dem Schwinden des Patriarchats und der dazugehörigen verpflichtenden Erwartungen zu tun haben. Früher war man schon fast zur Heirat verpflichtet. Kinderlos zu bleiben war eine Katastrophe oder galt als höchst verdächtig. Paul Verhaeghe lehrt als klinischer Psychologe und Psychoanalytiker an der Universität Gent.
Das Berufsleben ist gefährlich
Die interaktionistische Sozialisation fokussiert sich auf das symbolische Gespür, die Positionierung, die Balance der Identität und die Kompetenz der Handlungen. Zudem erklärt sie, wer welche Fäden im beruflichen Umfeld zieht und wer Freund und wer Gegenspieler ist. Je besser Optimisten das wissen, desto klüger können sie agieren, um Probleme zu lösen oder ihnen auszuweichen. Optimisten sind sich auch der Dynamik innerhalb von Teams bewusst. Jens Weidner weiß: „Das Berufsleben ist voller gefährlicher Interaktionen, die man durchschauen sollte. Dazu zählt auch die „Illusion der Alternativen“, die auch privat genutzt wird, um den Lebenspartner in die Defensive zu treiben.“ Der sogenannte Looping-Effekt treibt die gefährliche Interaktion auf die Spitze. Er ist eine unfaire und durch und durch pessimistische Interaktion. Jens Weidner ist Professor für Erziehungswissenschaften und Kriminologie.
Ein Baby ahmt die Gesten der Mutter nach
In den ersten Lebenswochen wenden sich ein Neugeborenes und seine Bezugsperson einander sehr intensiv zu. Sie haben häufig Blickkontakt, lächeln einander an und ahmen gegenseitig ihre Gesten nach. Matthew B. Crawford fügt hinzu: „Etwa im Alter von sechs Monaten beginnt der Säugling, seine Aufmerksamkeit über die Bezugsperson hinaus zu erweitern und auf dieselben Gegenstände wie diese Person zu richten, indem er ihrem Blick folgt.“ Bald darauf beginnt das Baby, den Blick seiner Bezugsperson „zu prüfen“, wenn seine anfängliche Blickverfolgung nicht zu einem Gegenstand führt, der hinreichend beachtenswert erscheint. Die Fähigkeit zu „gemeinsamer Aufmerksamkeit“, die sich im Alter von etwa zwölf Monaten entwickelt, beinhaltet ein zusätzliches Element. In diesem Stadium, erklärt der amerikanische Philosoph Christopher Mole, „besitzt das Kind die Fähigkeit und Bereitschaft, zusammen mit seiner Mutter die Aufmerksamkeit einem dritten Gegenstand zuzuwenden.“ Matthew B. Crawford ist promovierter Philosoph und gelernter Motorradmechaniker.
Ein Narzisst bewertet alles aus der Ich-Perspektive
Reinhard Haller nennt den Narzissmus den Vater der Kränkung. Die gängigste Definition des Narzissmus stammt von Alexander Lowen, dem Begründer der bioenergetischen Analyse. In seinem Werk „Narzissmus. Die Verleugnung des wahren Selbst“ schreibt er: „Als Narzissmus bezeichnen wir sowohl einen psychischen als auch einen kulturellen Zustand. Auf der individuellen Ebene ist er eine Persönlichkeitsstörung, die gekennzeichnet ist durch eine übertriebene Pflege des eigenen Image auf Kosten des Selbst. … Auf der kulturellen Ebene kann man den Narzissmus als einen Verlust menschlicher Werte erkennen. Dieser geht einher mit einem Fehlen des Interesses an der Umwelt, an der Lebensqualität, an den Mitmenschen.“ Die wichtigsten psychologischen Elemente, die das Wesen des krankhaften Narzissmus ausmachen, sind die fünf „E“: Egozentrik, Eigensucht, Empathiemangel, Empfindlichkeit und die Entwertung anderer. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.