Das Entwicklungsziel bei einem Kind ist die Selbstkontrolle

Ohne ein eigenes Selbst kann es keine Selbstkontrolle und damit auch keine Selbststeuerung geben. Voraussetzung für die Selbstkontrolle ist die Fähigkeit, Regeln zu begreifen, diese zu beachten und vor allem bei Bedarf eigene Impulse zu hemmen. Joachim Bauer betont: „Eltern, Erzieherinnen und Lehrkräften stellt sich ab dem dritten Lebensjahr die Aufgabe, das Kind bei der Erkundung der Welt zu ermutigen. Sie müssen es bei der Entwicklung seiner Fähigkeiten zu planvollem Vorgehen anzuleiten, sein Sozialverhalten lenken und ihm deutlich machen, was richtig und was falsch ist.“ Bei diesem Prozess wird nicht nur sehr viel Entdeckerfreude und Glück erlebt. Ebenso kommt es – für Kind, Eltern und Erzieherinnen – zu Frustrationen, die ausgehalten werden müssen. Der Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer lehrt an der Universität Freiburg.

Eltern müssen manchmal auch Nein sagen

Denn das – letzten Endes ja dem Kind dienende – Entwicklungsziel der Selbstkontrolle kann nur auf folgende Weise erreicht werden: Wenn das Kind dazu angehalten wird, dort, wo es im Dienste der Gemeinschaft erforderlich ist, eigene Impulse zu bremsen, Aufschub zu ertragen und, wo nötig und begründet, Verzicht zu üben. Eltern und Erzieherinnen – und mit ihnen das Kind – müssen lernen, Nein zu sagen. Was Kinder und Jugendliche heute außerdem lernen müssen, ist Konzentration, planvolles Handeln, Selbstkontrolle und soziale Kompetenz.

Joachim Bauer kritisiert: „Was unseren Kindern fehlt, sind Erwachsene – vor allem Väter –, welche die erforderliche Zeit aufbringen, um sie beim Erwerb dieser Kompetenzen anzuleiten.“ Hinzu kommt, dass viele Eltern heute unsicher sind, ob sie ihr Kind bei der Erziehung frustrieren dürfen. Viele Erwachsene, denen die Erinnerung an die grausame schwarze Pädagogik früherer Zeiten immer noch in den Knochen steckt, fürchten offenbar, ihrem Kind zu schaden, wenn es tatsächlich aber darauf ankäme, dem Kind etwas abzufordern, ihm wohlbegründete Grenzen zu setzen oder ein klares Nein auszusprechen.

Fehlende Impulskontrolle sabotiert den freien Willen

Viele Eltern kapitulieren umgehend, wenn ihr Kind protestiert oder eine Szene macht. Tatsächlich schaden Eltern ihrem Kind, wenn sie ständig nachgeben. Joachim Bauer weist allerdings darauf hin: „Die notwenigen erzieherischen Hinweise an das Kind müssen allerdings altersangemessen, mit begleitenden Erklärung und immer unter dem Vorzeichen ihrer Sinnhaftigkeit gegeben werden.“ Über einen freien Willen verfügt nur, wer seine Aufmerksamkeit steuern, mehrere relevante Aspekte gleichzeitig im aktuellen Bewusstsein – im sogenannten Arbeitsgedächtnis – halten, sich realistische Ziele setzen, den Weg dorthin erkennen und mehrere mögliche Ziele gegeneinander abwägen kann.

Vor allem aber setzt eine freie Willensentscheidung die Fähigkeit voraus, eigene spontane Impulse hemmen zu können. Diese Fähigkeiten, die sogenannten exekutiven Funktionen, sind die entscheidenden Werkzeuge des freien Willens. Ein besonders übler Saboteur der freien Willensentscheidung ist die fehlende Impulskontrolle. Joachim Bauer erklärt: „Wer auf jeden Reiz reagieren muss, auf jede Provokation in Zorn gerät und keiner Versuchung widerstehen kann, dessen Verhalten ist auf Reiz-Reaktions-Abläufe reduziert. Quelle: „Selbststeuerung“ von Joachim Bauer

Von Hans Klumbies

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