Kinder sollten sich selbst erziehen

Das Erziehungsideal von Anne Franks Vater Otto lautete, dass Kinder sich am besten selbst erziehen sollten. Er hat das mündige Kind in Anne entdeckt und gefördert. Er hat sie zu etwas gemacht, das auch bei der zehnten Lektüre ihres Tagebuchs begeistert, erschüttert und verstört. Ulf Poschardt stellt fest: „Mehr Mündigkeit ist schwer vorstellbar.“ Und das unter Umständen, in denen jede Form der pathologischen Unmündigkeit nachvollziehbar gewesen wäre. Ähnlich beeindruckend entwickelte der Mediziner und Pädagoge Janusz Korczak eine Utopie der Mündigkeit für eine Erziehung der Zukunft. Auch er entwickelte sie unter denkbar schwierigsten und unmenschlichsten Bedingungen. Den von ihm geschilderten Klassenkampf zwischen Erwachsenen und Kindern löst er in einer Frühforderung jeglicher Mündigkeitsimpulse der Kinder auf. Seit 2016 ist Ulf Poschardt Chefredakteur der „Welt-Gruppe“ (Die Welt, Welt am Sonntag, Welt TV).

Mündigkeit und demokratische Würde gehören zusammen

Kinder dürfen laut Janusz Korczak nicht mehr als willen- und rechtlose Projektionsfläche elterlicher Allmachtsfantasien missbraucht werden. Sein Anliegen ist es, die Würde und wohl auch die Kraft kindlicher Mündigkeitsanfänge ernst zu nehmen und institutionell zu fördern. Als Leiter zweier Waisenhäuser gründete er dort ein Parlament der Kinder, ein Kindergericht, eine Kinderzeitung und eine umfassende Selbstverwaltung. Janusz Korczak verband Mündigkeit und demokratische Würde.

Der Pädagoge versuchte mit seiner Reformpädagogik die Erziehung zum Demokraten gewissermaßen in der Wiege einzuleiten. Demokratie war nur möglich mit Demokraten, und zu denen wollte er seine Schutzbefohlenen unter widrigsten Umständen erziehen. Ulf Poschardt ergänzt: „Auch in der zeitgenössischen Pädagogik – und dem folgend in der Rechtsprechung – wird das Mündigmachen mit dem Ziel der Verantwortungsfähigkeit verbunden.“ Im Ideal werden Kinder in der Schule zu mündigen Menschen gemacht.

Die Schule löscht autodidaktische Impulse aus

Die Beherrschung der Kulturtechniken und des gröbsten Wissens über die Welt konstruiert jedoch noch keine Mündigkeit. Die Erziehung zur Selbsterziehung müsste dafür im Mittelpunkt elterlicher und schulischer Erziehung stehen. Tut es aber nicht. Am Ende ist insbesondere die Schule eine Institution zur Auslöschung autodidaktischer Impulse, wie der Schulskeptiker Peter Sloterdijk vermutete. Aber mit achtzehn Jahren gelten Jugendliche als erwachsen. Führerschein und Wahlberechtigung sind die Initiationsriten für den Eintritt in die Welt von Verantwortung und Teilhabe.

Ein Blick auf die Geschichte der Mündigkeit als Pädagogikkonzept lohnt sich für Ulf Poschardt. Denn dabei wird greifbar, wie sehr der Begriff auch Spielball politischer Interessen und Verschiebungen wurde. Der Begriff der Mündigkeit spielt in der vorkantischen Pädagogik kaum eine Rolle, weil eine Erziehung zu geistiger Mündigkeit dieser Zeit völlig fremd war. Die im 19. Jahrhundert geforderten Erziehungsziele waren Erfüllungsgehilfen der Unterdrückung. Das ziemlich unausgesprochene Erziehungsziel war weniger ein mündiger Bürger als ein gutgläubiger und im Zweifel unkritischer Untertan. Quelle: „Mündig“ von Ulf Poschardt

Von Hans Klumbies

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