Schuldgefühle kommen in allen menschlichen Kulturen überall auf der Welt vor. Helga Kernstock-Redl weiß: „Sie müssen nicht erlernt werden, sondern gehören zu unserer biologischen Grundausstattung. Allerdings kann man ihnen, anders als beispielsweise Freude, Ekel oder Angst, keine klare Mimik und keine immer gleichen Reaktionen zuordnen.“ Die psychologische Forschung konnte kein eindeutiges Muster des Schuldgefühls finden, weder im Körper noch im Gehirn. Man sieht deshalb anderen Personen nicht immer an, ob sie sich schuldig fühlen. Nur die Betroffenen selbst spüren es. Und manchmal nicht einmal die, denn es verbirgt sich gern hinter anderen Gefühlen, die weniger ängstigend, unangenehm oder schwächend sind. Dadurch kann man Rückschlüsse auf das Gefühl dahinter ziehen: Bedrücktheit, Unruhe, Verhaltensweisen in Richtung von Widergutmachung und Entschuldigung. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Hans Klumbies
Die „neue“ Autorität wird sich aus einer Gruppe speisen
Die traditionelle patriarchale Autorität ist so gut wie verschwunden, und damit auch die aus ihr folgende freiwillige Unterwerfung unter bestimmte Konventionen. Die fieberhafte Suche nach Ersatz ist bereits in vollem Gange, meist werden zwei radikal verschiedene Antworten angeboten. Die erste Antwort ist der verzweifelte Versuch, zur früheren Autorität zurückzukehren. Das muss scheitern, weil ihre Grundlage verschwunden ist. Paul Verhaeghe erklärt: „In verschiedenen Bereichen herrscht zunehmend Macht ohne Autorität, die Unterwerfung daher erzwingen muss, beispielsweise in Wirtschaft, Politik, Schule und sogar im Gesundheitswesen.“ Die panische Konzentration auf den Terrorismus von Muslimen macht viele Menschen offenbar blind für die viel größere Bedrohung von innen. Die zweite Antwort verspricht eine neue Autorität. „Neu“ steht dabei für eine andere Grundlage und eine andere Wirkweise im Vergleich zum Patriarchat. Paul Verhaeghe lehrt als klinischer Psychologe und Psychoanalytiker an der Universität Gent.
Ein unverstellter Körper führt zur Lust
Wo sich der menschliche Körper unverstellt zeigen darf, ist Lust. Ob er es darf, entscheidet jedoch nicht er alleine. Maßgebliche Teile des Selbst können beispielsweise der Überzeugung sein, dieser Körper sei niemanden zuzumuten. Oder körperlicher Kontakt sei grundsätzlich abzulehnen oder das eigene Selbst sei schlecht. Manfred Bauer weiß: „Stellt sich das Selbst – auf die eine oder andere Weise – quer, dann mag der Körper einem Adonis gleichen oder der Allegorie des Frühlings entsprechen: Lust wird sich nicht einstellen.“ Auch ein Fitnessstudio gestählter Körper wird seinem Besitzer dann, wenn das Selbst nicht mitspielt, im Bett keine Freude bereiten. Denn Lust ist dort, wo sich nicht nur der Körper, sondern auch das Selbst unverstellt zeigen darf. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.
Die Wohlstandsverwahrlosung nimmt zu
Auch Kinder aus wohlhabenden Verhältnissen können sehr arm sein – innerlich arm. Es fehlt ihnen an Zuwendung durch die Eltern, an Zeiten, in denen ihnen einfach nur zugehört wird, an Interesse an ihrem Leben, Fühlen und Denken und vor allem mangelt es ihnen an Zuneigung. Eltern, die keine Zeit für ihre Kinder haben, versuchen das häufig durch materielles Verwöhnen auszugleichen. Klaus Biedermann weiß: „Oft leben Kinder, die unter Wohlstandsverwahrlosung leiden, in einer nach außen hin intakten Familie. In dieser herrscht jedoch schon das große Schweigen zwischen den Eltern.“ Typische Verwöhnfallen können sich auch aus anderen Situationen ergeben: Eltern, die durch eine Trennung in einen materiellen Wettstreit treten, berufstätige Mütter oder auch alleinerziehende Väter, die versuchen, ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Dr. phil. Klaus Biedermann leitet seit mehr als 30 Jahren Selbsterfahrungskurse und Burn-In-Seminare in seiner Sommerakademie auf der Insel Korfu.
Gewisse Aussagen kennzeichnen einen Extremisten
Einige Gruppen sind besser als andere“. „Wir sollten nicht universelle Gleichheit anstreben.“ „Man sollte einigen Gruppen ihren Platz zuweisen.“ Wer diesen Aussagen zustimmt, tendiert laut Philipp Hübl zur Menschenfeindlichkeit. Zum Kontrast: „Unser Land braucht nicht noch mehr Freiheiten, sondern mehr Recht und Ordnung.“ „Gehorsam und Respekt sind die wichtigsten Werte, die ein Kind lernen sollte.“ Oder: „Wir brauchen einen starken Anführer, der das tut, was zu tun ist.“ Wer diese Aussagen für richtig hält, tendiert zum Autoritarismus. Philipp Hübl stellt fest: „Und wer all diese Aussagen mit Nachdruck bejaht, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit rassistisch, sexistisch und intolerant, also rechtsradikal oder ein anderer Extremist.“ Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).
Viele meiden das Wort „Schuld“
Jeder Mensch hat mehr oder weniger starke Gefühle, ob er das nun will oder nicht. Eines davon ist das Schuldgefühl, das oft in Hand in Hand mit Angst, Scham und Ärger über sich selbst auftaucht. Helga Kernstock-Redl erläutert: „Es kann überaus unangenehm werden, doch das ist keine selbstlose Selbstquälerei.“ Die Dynamik des Schuldgefühls ist sogar ziemlich einfach. Obwohl es auf den ersten Blick ziemlich kompliziert wirkt. Doch die wenigsten Menschen möchten darüber nachdenken, schon das Wort „Schuld“ meiden viele. Fast niemand will also gern selbst solche Gefühle selbst spüren. Aber doch manchmal scheint das menschliche Gehirn sie regelrecht zu suchen. Wenn es keine findet, kann es sogar welche erfinden. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Ihre große Leidenschaft gilt dabei der Psychologie der Gefühlswelt.
Durch Normen läuft der Alltag rund
Bei Normen handelt es sich um Vorstellungen davon, wie man sich in einer bestimmten Situation verhält, ein Problem löst oder Herausforderungen bewältigt. Sie regeln gesellschaftliche Abläufe. Allan Guggenbühl erklärt: „Diese stillen Übereinkünfte, die zumeist nicht aufgeschrieben werden, erleichtern das Leben und wir empfinden sie als natürlich.“ Standards sind von einer Berufsgruppe als verbindlich erklärte Normen. Standards haben einen Soll-Anspruch, während es sich bei Normen um eine neutrale Kategorie handelt. Wenn man also von Standard spricht, dann geht man davon aus, dass die betreffende Richtlinie respektiert werden sollte. Normen sind von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich und entwickeln sich mit der Zeit. Allan Guggenbühl ist seit 2002 Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich tätig. Außerdem fungiert er als Direktor des Instituts für Konfliktmanagement in Zürich.
Das Unbewusste sollte mit Respekt behandelt werden
Der berühmte amerikanische Schriftsteller Norman Mailer hielt sein Unbewusstes für einen vollwertigen Partner bei seinen schriftstellerischen Projekten. Er sah in ihm einen Gefährten, der es verdiente, mit Respekt behandelt zu werden. John Bargh weiß: „Er war der festen Überzeugung, dass er eine verlässliche, vertrauensvollen Beziehung zu den verborgenen Sphären seines Geistes eingehen musste.“ Das Unbewusste erkennt die wichtigen Ziele eines Menschen daran, wie oft er bewusst an sie denkt und wie viel Zeit und Mühe er für sie aufwendet. Die persönlichen Werte, Gefühle und Entscheidungen werden dann vor allem bei wichtigen Zielen so zurechtgebogen, wie es zur Erreichung dieser Ziele am dienlichsten ist. Das hat zur Folge, dass sich die eigenen Ansichten und Einstellungen in einigen Punkten radikal ändern können. Prof. Dr. John Bargh ist Professor für Psychologie an der Yale University, wo er das Automaticity in Cognition, Motivation, and Evaluation (ACME) Laboratory leitet.
Emotionen sind automatische Verhaltensmuster
Die Angst ist vermutlich die typischste aller Emotionen. Manche Forscher unterscheiden terminologisch zwischen „Emotion“ und „Gefühl“, aber in der Alltagssprache sind diese Ausdrücke meist austauschbar. Philipp Hübl erläutert: „Weil wir im Deutschen das Wort „Gefühl“ allerdings auch für Körperempfindungen wie Schmerz oder Kälte verwenden oder für motorische Fähigkeiten wie das Ballgefühl, muss man sich vergegenwärtigen, dass Emotionen eine besondere Klasse unserer Gefühle, oder allgemeiner: unserer mentalen Zustände, darstellen.“ Neben der Angst gibt es natürlich noch andere Emotionen wie Wut, Traurigkeit, Freude, Ekel, Scham, Gewissensbisse, Neid, Eifersucht oder Hoffnung. Fast jede Emotion kann auch bei moralischen oder politischen Fragen eine Rolle spielen. Alle Emotionen zeichnen sich durch dieselben Merkmale aus. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).
Ein schnelles Nein überspielt die Unsicherheit
Viele Menschen sagen zwar nein, aber tun es nicht gern. Sie fühlen sich genauso unsicher, wie diejenigen, die dann schlussendlich doch Ja zu allem sagen. Manchmal kommt das Nein schnell und immer ein bisschen schroff beim Gegenüber an. Tanja Baum erklärt: „Ganz so, als wolle man es nur schnell hinter sich bringen. Nur nicht überreden lassen. Ganz schnell raus mit dem Nein, dann fragt der andere hoffentlich nicht mehr nach.“ Das schnelle Nein soll die eigene Unsicherheit überspielen helfen. Andere Personen wiederum haben keinerlei Probleme damit, in aller Deutlichkeit ein Nein zu formulieren. Sie stehen auf dem Standpunkt, dass sich gegenüber den Forderungen ihrer Umwelt deutlich durchzusetzen haben. Tanja Baum, systemische Organisationsberaterin und Coach, gründete 1999 in Köln die Agentur für Freundlichkeit mit den Arbeitsschwerpunkten Beratung, Coaching, Training und Meditation.