Eine Diagnose darf keine Waffe sein

Wahnsinn finden Psychiater bei bestimmten Krankheiten. Die Öffentlichkeit spricht aber viel häufiger vom „ganz normalen Wahnsinn“. Sie meint damit keine Krankheiten, sondern die flächendeckenden Merkwürdigkeiten, von denen die Massenmedien pausenlos berichten. Manfred Lütz stellt fest: „Die Folgen dieses ganz normalen Wahnsinns sind erheblich desaströser als die harmlosen Spinnereien eines Schizophrenen aus dem Nachbarhaus.“ Das wirkliche Problem sind daher die sogenannten Normalen. Donald Trump ist natürlich ein krankhafter Narzisst. Mit dieser Diagnose warteten eine Reihe amerikanischer Psychotherapeuten auf. Sie alle hatten ihn jedoch nicht untersucht und ganz sicher auch nicht gewählt. Hier wurde eine Diagnose als Waffe gegen einen Menschen benutzt, den man aus vielen Gründen nicht mag. Doch dazu sind Diagnosen nicht da. Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz ist Psychiater, Psychotherapeut, Kabarettist und Theologe.

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Eine Heirat ist die größte Lebensentscheidung

Heutzutage heiraten viele Menschen viel später als früher. Dabei blenden sie oft alle Bedenken aus, ob sie wirklich bis an ihr Lebensende treu sein und sich nie von diesem Partner trennen werden. Dabei unterschätzen die meisten völlig, wie sich ein Mensch zwischen 30 und 40 Jahren nochmals grundlegend in seiner Persönlichkeit verändert. Andreas Salcher weiß: „Da bauen sich dann viele, manchmal auch unüberwindbare Probleme auf.“ Es beginnt ein ständiges Ringen, in welchem Ausmaß man bereit ist, seine eigenen Lebensträume zurückzustellen. Will man dem Partner entgegenkommen und das Wohl der Kinder nicht gefährden? Zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen ist wahrscheinlich die größte Lebensentscheidung. Diese sollte man jedoch nur mit der nötigen Lebensreife treffen. Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestseller-Autor und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.

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Autorität gründet auf nichts als Gewohnheit

Ein strenger, aber gerechter Supervater ist ein Produkt der menschlichen Phantasie. Er dient als Gegenentwurf zur stets enttäuschenden Wirklichkeit. Die Qualitäten der Väter wachsen insbesondere nach ihrem Tod. Nach und nach vergisst man ihre üblen Angewohnheiten und überhöht ihre positiven Charakterzüge. Paul Verhaeghe ergänzt: „So werden sie letztlich zu Figuren, die sie in Wirklichkeit niemals waren.“ Daher heißt es nicht umsonst im Volksmund, dass man über die Toten nur Gutes sagen sollte. Ein Held muss vor allem eines sein: tot, das trägt gewaltig zur Idealisierung bei. Am auffälligsten an diesem Wunschtraum ist seine Überzeugungskraft. Sigmund Freud gibt dafür eine plausible Erklärung. Die meisten Menschen flüchten sich in eine Phantasiewelt, wenn die Realität unbefriedigend ist. Paul Verhaeghe lehrt als klinischer Psychologe und Psychoanalytiker an der Universität Gent.

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Gelungene Selbststeuerung erzeugt Lust

Die Erziehung zu einer gelingenden Selbststeuerung ist laut Joachim Bauer ein Akt der Balance. Von denen, die in pädagogischer Verantwortung stehen, fordert sie ein Gleichgewicht zwischen empathischer Zuwendung, dem Mut zur pädagogischen Führung und dem Gewähren von Freiheitsräumen. Dieses ermöglicht es Kindern und Jugendlichen, Autonomie zu erleben und ihre ganz eigenen Erfahrungen zu machen. Dieses Gleichgewicht ist nicht nur an die jeweilige Altersstufe anzupassen. Sondern es muss für jedes Kind individuell immer wieder neu austariert werden. Joachim Bauer erläutert: „Die Erziehung zu Selbstkontrolle und zur sich aus ihr ergebenden Selbststeuerung ist ein dialektischer Prozess. Kinder und Jugendliche sollen lernen, sie selbst zu sein und sich selbst zu steuern.“ Gerade dafür aber brauchen sie auch pädagogischer Widerstand. Der Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer lehrt an der Universität Freiburg.

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Ein Narzisst ist rücksichtslos im Austeilen

Das Wesen eines echten Narzissten wird ganz entscheidend durch seine extreme Kränkbarkeit und die ständige Entwertung der Mitmenschen bestimmt. Reinhard Haller weiß: „So unsensibel der Narzisst für die Persönlichkeit und die Gefühlswelt anderer Menschen ist, so empfindlich ist er für sich selbst.“ Jede andere Meinung empfindet er als Verletzung seiner Ehre. Jeder Widerspruch gilt ihm als ungeheuerliche Frechheit. Jede konstruktive Kritik gleicht einer Majestätsbeleidigung. Der Narzisst ist rücksichtslos und grobklotzig im Austeilen, mimosenhaft im Einstecken. Er kann nicht vergessen, da er in ständiger Angst vor einer als existenzielle Bedrohung empfundenen Kränkung lebt. In jeder noch so kleinen Kritik sieht er eine nahezu schicksalhafte Katastrophe. Zur Kränkbarkeit des Narzissten gehört zudem seine Unfähigkeit zu verzeihen. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

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Viele Kinder werden immer verhaltensauffälliger

Die Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger sieht überall Symptome der Überindividualisierung in der Gesellschaft. Andreas Salcher erklärt: „Das heißt, es wird nur die Verantwortlichkeit für das eigene Leben gespürt.“ Martina Leibovici-Mühlberger meint, die individuelle Lebensplanung der Eltern hat Toppriorität bekommen. Verbindliche Erziehungsnormen gibt es dagegen nicht mehr. Vor allem Lehrer der Volks- und Mittelschulen klagen, dass sich die Anzahl der verhaltensauffälligen Kinder in den letzten Jahren dramatisch erhöht hat. Und die Eltern wollen ihnen auch dann noch die Verantwortung dafür zuschieben. Diese Probleme lasten wie Mühlsteine auf den Schultern der Direktoren und Lehrer. Zudem erschweren sie den Unterricht und kosten Unmengen von Energie. Natürlich sind diese Probleme nicht neu. Nur wurden sie früher durch ein autoritäres Schulsystem unterdrückt. Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestseller-Autor und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.

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Fanatiker sind von ihren Vorstellungen besessen

Das lateinische Wort „fanaticus“ bedeutet wie das französische „fanatique“ so viel wie „göttlich inspiriert“. Tatsächlich glauben die meisten fanatischen Menschen, im Besitz einer höheren, besseren und auf jeden Fall richtigen Idee zu sein. Reinhard Haller weiß: „Der fanatische Mensch ist von einem Gedanken, einer Vorstellung oder Überzeugung geradezu besessen.“ Es genügt ihm dabei aber nicht, seine Vorstellungen für absolut wahr zu halten. Sondern er zeigt auch gegenüber allen Menschen, die seine Ansicht bezweifeln oder relativieren wollen, völlig intolerant. Mit missionarischem Eifer versucht er, Andersdenkende zu überzeugen. Er verteidigt seine Idee kämpferisch und ist keinem vernünftigen Argument zugänglich. Bernhard Verbeek meint in seinem Werk „Die Wurzeln der Kriege“: „Die subjektive moralische Gutheit fanatisierter Menschen kennt offenbar keine Grenzen.“ Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

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Bilderfluten rauben viel Energie

Niemand stellt die Dinge so perfekt dar wie die Werbung. Es gibt inzwischen eine Bildbearbeitungsindustrie, die dafür sorgt und den Sog in diese Richtung verstärkt. Eine der heftigsten psychischen Überlastungen durch die Digitalisierung hängt mit der immensen Bilderflut zusammen. Mit dieser überschwemmen die Bildschirmmedien die User. Wolfgang Schmidbauer stellt fest: „Dadurch entsteht eine Unruhe, die Energie kostet. Die Bilder saugen uns in einen Strudel, der aus einer spontanen Freude am Schönen und Aufregenden seine Kraft gewinnt.“ Diese Kraft artet aus zum Verhängnis, sobald eine überoptionale Welt zum ständigen Begleiter der Menschen wird. Sie bleibt nicht mehr, wie ein Theater- oder Zirkusbesuch, die klar vom Alltag getrennte Ausnahme. Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer ist Autor zahlreicher Fach- und Sachbücher, die sich millionenfach verkauften.

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Den Menschen geht ihr Selbst verloren

Es ist viel, was den Menschen gegenwärtig verloren geht. Georg Milzner nennt Beispiele: „Das Gefühl, dass wir Tiefe besitzen. Das Verhältnis zum Unbewussten. Die Aufmerksamkeit für unsere Träume.“ Und in immer stärkerem Ausmaß das, was die Psychologie als die Urgestalt der Persönlichkeit ansieht: das Selbst. Man erreicht Menschen erstaunlicherweise leicht, wenn man ihnen dies bescheinigt. Dass die Gegenwart oberflächlich ist, viel zu schnell, um Tiefe zu entwickeln. Sie lässt die Menschen dazu tendieren, Beziehungen zu vernachlässigen und einem Optimierungswahn zu unterliegen. Nun ist das etwas eigentümlich. Denn entfremdete, sich nicht mehr richtig fühlende Menschen wissen meist nicht, was mit ihnen los ist. Sie sind im Gegenteil mit dem identifiziert, was sie kaputt macht. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.

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Die Aufmerksamkeit dient vor allem der Selektion

Psychologen und Neurowissenschaftler unterscheiden Aufmerksamkeit und Bewusstsein zwar schon seit über 100 Jahren, doch besonders in den letzten 30 Jahren hat die Forschung stark angezogen. Philosophen waren allerdings zunächst nur vom phänomenalen Bewusstsein in den Bann geschlagen, das sie als das größte Rätsel der Menschheit ansehen. Phillip Hübl ergänzt: „Die Aufmerksamkeit, die kleine Schwester des Bewusstseins, hat ihren Durchbruch erst kürzlich geschafft.“ Neben „Konzentration“ kennt man noch andere mit „Aufmerksamkeit“ verwandte Begriffe wie „Wachsamkeit“, „Fokus“, „Sorgfalt“ oder „Geistesgegenwart“. Auch wenn sie sich sicherlich in Nuancen unterscheiden, kann man Aufmerksamkeit als das Kernstück dieser Phänomene betrachten. Angesichts der Fülle von Phänomenen hat sich unter Fachleuten der Verdacht breitgemacht, dass Aufmerksamkeit keine einheitliche Erscheinung sei. Philipp Hübl ist Juniorprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart.

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