Würde jeder Mensch „eudaimonia“ – sprich Glückseligkeit – statt schnelles Glück anpeilen, gäbe es weniger Neid, weniger Streit, weniger Hass, weniger tödliche Waffen, weniger Unglück. Langsames Glück würde sich konstant vermehren, bis hin zum Weltfrieden. Rebekka Reinhard weiß: „So verlockend diese Aussicht ist, so schwer fällt es dem Menschen, ihr zu folgen. Denn der Mensch ist ungeduldig. Und ziemlich borniert. Seit den Punischen Kriegen hat er wenig dazugelernt.“ Der Mensch glaubt allen Ernstes, er habe ein Recht auf schnelles Glück – und könne zwischendurch mal eben so tun, als sei er tugendhaft. Wenn es die Konventionen erfordern, vor allem aber dann, wenn es ihm selbst in den Kram passt. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.
Allgemein
Negative Emotionen verschärfen Konflikte
Wenn es knistert und kracht, sind die Betroffenen ja in der Regel erregt, zumindest emotional stark engagiert. Zu den Gefühlen, die dann hochkommen, zählen Wut, Entrüstung, Trauer, Empörung, Niedergeschlagenheit, Verzweiflung und Scham. Ruft ein Mensch diese Emotionen auf, ist er „mitten drin“. Und da die spätmoderne Gesellschaft dem Ideal des intensiven Lebens nachjagt, gelten Gefühle als gut und „authentisch“. Dann ist es nicht weit bis zu der Bemerkung, Gefühle hätten eine „überwältigt“. Reinhard K. Sprenger erklärt: „Wenn man zum Beispiel im Streit laut wird oder weint. Wir verweisen auf die Eigenständigkeit unserer Gefühle und hoffen auf Rabatt. Gerade in Konflikten ist es Brauch, die Verantwortung für ein bestimmtes Verhalten an die Gefühle abzutreten.“ Reinhard K. Sprenger, promovierter Philosoph, ist einer der profiliertesten Führungsexperten Deutschlands.
Narzissten wollen bewundert werden
Narzissten beobachten sehr genau, wie sie auf andere Menschen wirken. In gewisser Weise tun das natürlich alle. Der Mensch ist ein soziales Tier. Mitja Back erläutert: „Zufriedenheit und Erfolg im Leben ist von Beziehungen mit anderen Menschen abhängig. Für uns ist es sehr wichtig, dass andere Menschen und als wertvolles Mitglied der Gemeinschaft sehen und unsere Leistungen wertschätzen.“ Deshalb haben sich in der Menschheitsgeschichte Fähigkeiten entwickelt, die einem Individuum dabei helfen, seinen „sozialen Wert“ zu erkennen. Dabei handelt es sich um empfindliche Messgeräte im Kopf, die überwachen, wie gut es gerade sozial funktioniert. Wie stark die Messgeräte allerdings ausschlagen, darin unterscheiden sich Menschen. Die meisten Menschen haben ein ausgeprägtes „Soziometer“, ein Messgerät, das registriert, wie gut man momentan sozial eingebunden ist. Mitja Back ist seit 2012 Professor für Psychologische Diagnostik und Persönlichkeitspsychologie an der Universität Münster.
Groll raubt den Willen seine gute Richtung
Groll, das ist die Tatsache, gram sein zu wollen. Und man sieht, wie dieses Gramsein den Platz des Willens einnimmt, wie eine negative Energie an die Steller der positiven Lebensenergie tritt. Es tritt eine Verfälschung des Willens, oder vielmehr eine Hintertreibung des guten Willens ein. Dieses schlechte Objekt beraubt den Willen einer guten Richtung, wie es das Subjekt beraubt. Man muss defokussieren. Cynthia Fleury weiß: „Aber mit dem fortschreitenden Ressentiment wird die Unbestimmtheit größer und die Defokussierung schwieriger. Alles ist kontaminiert. Der Blick fällt auf das, was ihn umgibt, er schweift nicht mehr umher.“ Alles ist ein Bumerang, um das Ressentiment anzufachen. Die Philosophin und Psychoanalytikerin Cynthia Fleury ist unter anderem Professorin für Geisteswissenschaften und Gesundheit am Conservatoire National des Arts et Métiers in Paris.
Hassende empfinden Selbstbestätigung
Der Hass ist weniger irrational als vielmehr strategisch. Feinde können sich auf Augenhöhe begegnen, als Konkurrenten, die sich im Kampf um ein Gut wechselseitig sogar achten. Konrad Paul Liessmann weiß: „Hassende jedoch wollen nicht kämpfen, sie wollen beseitigen. Darin finden sie ihre Lust, ihre Genugtuung und ihre Selbstbestätigung.“ Oder, wie es der Philosoph Günther Anders formulierte: „Durch den Hass auf den anderen – auf den Feind oder Nebenbuhler – und durch deren effektive Auslöschung bestätigt man sein eigenes Dasein.“ Laut Baruch de Spinoza handelt es sich bei Liebe und Hass im Wesentlichen um ein assoziatives Übertragen. Ob der vermeintliche Geliebte oder Gehasste tatsächlich die Ursache der eigen Lust oder Unlust ist, spielt für das Aufkommen dieser Affekte keine Rolle. Konrad Paul Liessmann ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist.
Der Durchschnitt dominiert in der Welt
Eine der faszinierendsten Eigenschaften der Natur ist nicht nur der große Unterschied zwischen den auf der Erde lebenden Tieren, sondern auch die Ähnlichkeit innerhalb der Arten. Viele Menschen sind auf der Suche nach ihrer Identität, müssen aber feststellen, dass sie als Menschen alle fast identisch sind. Bei der Auswahl geeigneter Menschen für eine bestimmte Aufgabe reicht daher oft auch ein grobe Selektion aus. Denn die Fähigkeiten und Möglichkeiten der Einzelnen weichen nur gering voneinander ab. Ille C. Gebeshuber stellt fest: „Und das ist nicht unbedingt schlecht, denn von der Mehrheit kaum abzuweichen, also „normal“ zu sein, ist oft ein durchaus erstrebenswerter Zustand. Wir leben also in einer Welt, in der der Durchschnitt dominiert und selbst die Außergewöhnlichsten nur gering über die Masse herausragen.“ Ille C. Gebeshuber ist Professorin für Physik an der Technischen Universität Wien.
Das Bewusstsein ist nicht leicht zu erklären
Was das menschliche Bewusstsein ist, ist wirklich nicht leicht zu erklären. Das bewusste Leben ist wie ein Live-Stream mit Spitzentechnik. Der Mensch ist als Hauptfigur mittendrin. Franca Cerutti ergänzt: „Während du dich in Echtzeit durch deinen Film bewegst, ploppen laufend kleine Einblendungen auf. Beispielsweise mit Assoziationen oder Erinnerungen aus deiner Vergangenheit, oder auch „Was wäre wenn“-Fensterchen mit alternativen Handlungssträngen.“ Ziemlich komplex, aber auch unterhaltsam. Gleichzeitig läuft parallel noch eine Spur, die einen Menschen Dinge empfinden lässt. Dazu zählen Berührungen, Geruch und Geschmack, Hunger, Durst und Müdigkeit, aber auch Emotionen. Dieser Film verfügt über sämtliche sinnliche Qualitäten. Franca Cerutti arbeitet in eigener Praxis am Niederrhein als Psychotherapeutin mit den Schwerpunkten Verhaltenstherapie und Coaching. Sie moderiert zwei Podcasts: „Split – Happens – Der Scheidungs-Guide“ und „Psychologie to go!“
Große Denker prahlen nicht mit Wissen
Es gibt zahlreiche Anhaltspunkte dafür, dass Selbstsicherheit genauso oft das Ergebnis wie die Ursache von Fortschritt ist. Adam Grant erklärt: „Wir müssen nicht darauf warten, dass unsere Selbstsicherheit wächst, um herausfordernde Ziele zu erreichen. Wir können selbstsicher werden, indem wir herausfordernde Ziele erreichen.“ Unsicherheit veranlasst Menschen Fragen zu stellen und neue Ideen zu sammeln. Sie schützt sie vor dem Dunning-Kruger-Effekt. Der Dunning-Kruger-Effekt beschreibt, dass Menschen mit geringer Kompetenz ihre Fähigkeiten überschätzen und sich als kompetenter präsentieren als sie eigentlich sind. Große Denker hegen nicht deswegen Zweifel, weil sie Hochstapler sind. Sie prahlen nicht mit ihrem Wissen, sie wundern sich, wie wenig sie verstehen. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der Wharton Business School. Er ist Autor mehrerer internationaler Bestseller, die in 35 Sprachen übersetzt wurden.
Der Mensch sehnt sich nach Vereinigung
Erich Fromm schreibt: „Sich mit anderen Lebewesen zu vereinigen, zu ihnen in Beziehung zu treten, ist ein gebieterisches Bedürfnis, von dessen Befriedigung die seelische Gesundheit des Menschen abhängt.“ Die tiefste und stärkste Sehnsucht im Leben eines Menschen ist also die nach dem Erleben einer liebevollen Vereinigung, insbesondere mit anderen Menschen, sei es in körperlicher, geistiger oder seelischer Hinsicht oder in allen drei gleichzeitig. Albert Kitzler erläutert: „Sie rührt her von der Erfahrung der Liebe, Geborgenheit und Einheit mit der Mutter im vor- und nachgeburtlichen Lebensstadium.“ Im nachgeburtlichen Stadium kann anstelle der Mutter auch eine andere Bezugsperson treten, zu der das Kind eine tiefe emotionale Bindung aufbaut und starke Resonanz erlebt. Der Philosoph und Medienanwalt Dr. Albert Kitzler gründete 2010 „Maß und Mitte – Schule für antike Lebensweisheit und eröffnete ein Haus der Weisheit in Reit im Winkl.
Der Wahn ist eine irrationale Überzeugung
Wenn ein Wahn ein epistemisch irrationale Überzeugung ist, gilt dann auch im Umkehrschluss, dass epistemisch irrationale Überzeugungen grundsätzlich wahnhaft sind? Philipp Sterzer kann die Antwort auf diese Frage schon jetzt mit einem klaren und eindeutigen Nein beantworten. Er fügt hinzu: „Natürlich hängt die Antwort auf diese Frage stark davon ab, inwieweit wir Wahn als etwas Pathologisches betrachten.“ Man könnte sich ja auch auf den Standpunkt stellen, dass Wahn ohnehin etwas ganz Normales ist, das bei gesunden Menschen einfach nur unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Wer aber einen solchen Standpunkt einnimmt, der muss sich von der gängigen Wortbedeutung verabschieden und den Begriff „Wahn“ neu definieren. Im Jahr 2011 berief man Philipp Sterzer zum Professor für Psychiatrie und computationale Neurowissenschaften an die Charité in Berlin. 2022 wechselte er an die Universität Basel.