Geschichten erzählen ist menschlich. Man erzählt sie sich und anderen, um seine persönlichen Erfahrungen und die eigene Existenz zu interpretieren. Armin Falk ergänzt: „Sie helfen uns dabei, eine Vorstellung von Realität zu gewinnen. Ohne Geschichten sind wir nicht imstande, Sinn zu konstruieren und uns in der Lebenswelt zurechtzufinden. Sie vermitteln uns eine Begriff davon, woher wir kommen, was wir uns wünschen oder wozu wir bestimmt sind.“ Manche Persönlichkeitspsychologen beschreiben die Rolle von Narrativen deshalb als integralen Bestandteil der Identität eines Menschen. Denn die eigenen Lebensgeschichten prägen die Vorstellung davon, wer man ist. Oder anders gesagt, man ist, was man über sich erzählt. Armin Falk leitet das Institut für Verhaltensökonomik und Ungleichheit (briq). Außerdem ist er Direktor des Labors für Experimentelle Wirtschaftsforschung, sowie Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn.
Allgemein
Das Opfergefühl lässt sich stoppen
Ähnlich wie Schuld- sind auch die hartnäckigsten Opfergefühle nicht immer vernünftig. Doch es gilt: Auch die unvernünftigen und irrationalen haben gute Gründe und meist das eigentlich ehrenwerte Ziel, das Gefühl von Gerechtigkeit wiederherzustellen. Es gibt Opfergefühle, die Katastrophenfantasien nähren. Helga Kernstock-Redl erklärt: „In diese Kategorie fallen Gefühle wegen Umständen, die nie geschehen sind, auch wenn es natürlich berechtigt ist sie zu denken.“ Nach dem Motto: „Furchtbares hätte mir da passieren können!“ Doch es war dann nicht und damit sind Opfergefühle nicht angemessen, selbst wenn die inneren Bilder Horrorfantasien liefern. Glücklicherweise ist es möglich, innere Bilder stoppen zu lernen, sie zu verändern oder sich einfach abzulenken. Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Begegnungen können sogar das Leben retten
Man kann nicht über die entscheidende Rolle von Begegnungen in seinem Leben sprechen, ohne an solche zu erinnern, die einem buchstäblich das Leben retten. Charles Pépin ergänzt: „Eine Begegnung kann uns das Leben auch unter weniger außergewöhnlichen Umständen, ohne heroische Tat retten. Das kann ein Arzt sein, der unsere Krankheit rechtzeitig diagnostiziert, eine Therapeutin, die als „Verbündete“ ein erlösende Wirkung hat, oder eine Person aus unserem näheren Umfeld.“ Der französische Neurologe und Psychiater Boris Cyrulnik nennt sie „Resilienzhelfer“, die durch Fürsorge, Achtsamkeit und Liebe, die sie einem Menschen entgegenbringen, ihm helfen kann, wieder auf die Beine zu kommen. Boris Cyrulnik hat das Konzept der „Resilienz“ bei der amerikanischen Entwicklungspsychologin Emmy Werner entdeck. Charles Pépin ist Schriftsteller und unterrichtet Philosophie. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
Grausamkeit erzeugt die Illusion von Macht
Wolfgang Müller-Funk weiß: „Grausamkeit ist ein komplexes und kompliziertes Phänomen. Sie hat verschiedene Gestalten. Und sie hat von den Hochkulturen über das europäische und vielleicht auch osmanisch-arabische „Mittelalter“ bis hin zur Moderne nach 1789 unterschiedliche historische Auftritte.“ Zentrum einer Studie von Jody Enders bildet die mittelalterliche Grausamkeit. Die Verfasserin begreift Folter und Tortur als Erbschaft der Antike. Elaine Scarrys Untersuchung, die ebenfalls das Mittelalter ins Blickfeld rückt, vertritt die These, dass organsierte Gewalt die Produktion einer phantastischen Illusion von Macht erzeugt. Sie beschreibt die öffentliche Folter als ein groteskes Beispiel für ein kompensatorisches Drama. Wolfgang Müller-Funk war Professor für Kulturwissenschaften in Wien und Birmingham und u.a. Fellow an der New School for Social Research in New York und am IWM in Wien.
Der Charakter bestimmt die Handlungen
Ethos sind Eigenschaften wie Integrität, Zuverlässigkeit, Vertrauenswürdigkeit. Wirklich überzeugende Menschen erzählen anderen nicht, was sie tun sollen, sondern sie leben es ihnen vor. Thorsten Havener weiß: „Das ist einer der wesentlichen Unterschiede zwischen einem Manipulator und einem überzeugenden Menschen. Dieser überzeugt weniger durch seine Worte, sondern vielmehr durch seine Handlungen. Die Resultate dieser Handlungen sind der Beweis für die Richtigkeit seiner Aussagen.“ Das ist echte Überzeugungskraft fern jeder dunklen Manipulation. Es gibt keine verborgenen Tricks. Handlungen und Worte passen zusammen. Ein starker Charakter ist laut Thorsten Havener auch einer der Faktoren, der Manipulation verhindert. Durch Charakterbildung können Menschen unterscheiden zwischen dem, was sie wirklich wollen, und dem, was andere ihnen einflüstern, um ihnen zu suggerieren, was sie wollen. Thorsten Havener ist Deutschlands bekanntester Mentalist.
Narrationen laden zum Miterleben ein
Menschen speichern nicht nur ihre eigenen Erinnerungen als narrative Episoden ab, sondern können auch höchstkomplexe Zusammenhänge weitergeben. Fritz Breithaupt erläutert: „Dabei geht es nicht allein um die Fakten, wer was mit wem gemacht hat. Vielmehr geht es dabei um emotionale Reaktionen und das Machen von Erfahrungen.“ Rezipienten reagieren auf Narrationen sehr ähnlich wie die Erzähler, die ihre eigenen Erlebnisse weitergeben. Anscheinend sind Narrationen derartig erfolgreich, dass sie sequentielle Präsenzen erzeugen. Dergestalt dass die Produzenten und Rezipienten an den gleichen Stellen jeweils ähnliche Erfahrung machen und entsprechende Emotionen durchlaufen. Mitgeteilt, also kommuniziert, werden Narrationen als derartige Mit-Erfahrungsangebote. Den Begriff des Mit-Erlebens benutzt Fritz Breithaupt, um den Prozess einer Rezeption von Narrationen zu beschreiben. Fritz Breithaupt ist Professor für Kognitionswissenschaften und Germanistik an der Indiana University in Bloomington.
Oft bilden Narzissten ein falsches Selbst aus
Man geht davon aus, dass es bei der Entstehung von narzisstischen Persönlichkeitsstörungen erbliche und umweltbedingte Faktoren gibt, die zusammenwirken. Turid Müller stellt fest: „Beim Auftreten der Krankheit gibt es familiäre Häufungen. Das deutet darauf hin, dass die Gene eine Rolle spielen. Stärker sind aber wohl Umweltfaktoren in der Kindheit, welche die Entstehung einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung begünstigen können.“ Zum Beispiel kalte oder narzisstische Eltern, Vernachlässigung, mangelnde oder inadäquate elterliche Spiegelung, Verstrickung, Verwöhnung oder übermäßige Bewunderung. Dazu kommen die frühe Übernahme der Eltern- bzw. Erwachsenen-Rolle, Missbrauch und andere Traumata. Diese Umwelteinflüsse sind aber keine Garantie dafür, eine narzisstische Persönlichkeitsstörung zu entwickeln. Andere Menschen mit ähnlichen Voraussetzungen entwickeln andere Störungen oder bleiben relativ unversehrt. Eine Gemeinsamkeit der Betroffenen scheint zu sein, dass alle in prägenden Phasen nicht um ihrer selbst willen geliebt wurden. Turid Müller ist Diplom-Psychologin und ausgebildete Schauspielerin.
Hass ist eine dunkle Leidenschaft
Der schweizerisch-amerikanische Psychoanalytiker Léon Wurmser (1931 – 2020) sieht im Hass eine „Kompromissbildung mannigfacher innerer Kräfte“, gleichsam ein „Konvolut psychischer Momente“. Zentral sei dabei die Missachtung der Würde des anderen, etwa durch äußere Beschämung oder Verachtung. Reinhard Haller ergänzt: „Scheinbar sinnlose Hassgefühle treten auf, wenn die psychologischen Triebe wie Wollen, Sehnen, Begehren oder Entscheidenkönnen massiv blockiert werden.“ Letztlich – so auch Léon Wurmser – gehe es dem Hass immer um Zerstörung. Hass, dieser Trieb zur Grausamkeit, diese dunkle Leidenschaft, dieser kalte Emotionskomplex, entwickelt sich meist aus alltäglichen Situationen heraus. Er ist nicht spektakulär, aber für das Leben des Einzelnen viel bedeutender als die großen Hassexzesse und Hassverbrechen. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).
Die meisten Ängste sind überflüssig
Angst ist ein wichtiges Gefühl, das dem Überleben dient. Heinz-Peter Röhr weiß: „Angst hat die Aufgabe, uns zu warnen, wenn eine Situation gefährlich ist. Angst löst Fluchtimpulse aus, das ist tief in den Genen des Menschen angelegt. Flucht ist dann richtig, wenn man sich aus einer wirklich gefährlichen Situation entfernt.“ Nicht selten stellt einen Menschen Angst jedoch vor eine andere Aufgabe: Hier ist ein Problem zu lösen! Nicht das Ausweichen vor der Angst ist dann die Lösung, sondern das beherzte Zugehen auf das Problem. Oft ist Angst ein Signal, das zum Handeln auffordert: etwas an der Situation zu ändern. Die meisten Ängste sind jedoch völlig überflüssig. Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.
Die Entmachtung der Männer schreitet voran
Der Mann ist nicht mehr der Garant der sozialen Ordnung und die Frau nicht mehr sein launisches Beiwerk. Tobias Haberl stellt fest: „Die Zeiten, in denen eine männliche Monokultur Frauen aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaften ausschließen konnte, sind vorbei.“ Nur die katholische Kirche wehrt sich noch gegen die allmähliche Entmachtung der Männer, aber die ist mit ihren zweitausend Jahren auch schon alt und nicht immer so beweglich. Von Google über Hollywood bis zur Jungen Union berichten Frauen über Diskriminierung und verkrustete Rollenklischees, nicht tuschelnd auf dem Frauenklo, sondern laut und öffentlich. Und je selbstbewusster Frauen von Missbrauch berichten und Spitzenpositionen fordern, desto größer wird der Druck auf Männer, sich zu positionieren. Der Literaturwissenschaftler Tobias Haberl schreibt für das „Süddeutsche Zeitung Magazin“. Sein letztes Buch „Die große Entzauberung – Vom trügerischen Glück des heutigen Menschen“ wurde ein Bestseller.