Je mehr Wahlmöglichkeiten ein Mensch hat, desto wichtiger ist Entschiedenheit. Das gilt vor allem für Lebensentscheidungen. Dabei ist es wichtig, für sich Prioritäten festzulegen, die die eigenen Werte spiegeln. Deshalb ist es laut Reinhard K. Sprenger hilfreich, sich von Zeit zu Zeit zu fragen: „Worum soll es in meinem Leben wirklich gehen? Bin ich auf dem richtigen Spielfeld? Mache ich einen Unterschied?“ Vor allem vor den großen Lebensentscheidungen sollte man sich fragen: „Trägt diese Entscheidung dazu bei, meine Sache, meinen Lebenstraum zu verwirklichen?“ Viele Menschen laufen mit dem Gefühl herum, gleichsam „im falschen Film“ zu sitzen. Sie sind Statisten im eigenen Leben, weil sie nach Drehbüchern leben, die andere ihnen geschrieben haben. Reinhard K. Sprenger ist promovierter Philosoph und gilt als einer der profiliertesten Managementberater und Führungsexperte Deutschlands.
Hans Klumbies
Viele Menschen brauchen einen Lebensberater
Früher hing die eigene Freiheit für die meisten Menschen von den vorgefundenen Möglichkeiten ab. Und die waren gegeben und kaum verhandelbar. Wer heute in einem der westlichen Industrieländer lebt, sieht sich mit einer Überflussgesellschaft konfrontiert. In einer Welt, in der die Vielfalt des Materiellen geradezu explosionsartig angewachsen ist, brauchen viele Menschen einen guten Rat. Oder noch besser: Eine komplette Gebrauchsanweisung für ihr Leben. Anja Förster und Peter Kreuz stellen fest: „Eine ganz Ratgeberindustrie lebt genau davon und verspricht schnelle, einfache, praktische, sofort anwendbare Lösungen bei so grundsätzlichen Lebensfragen wie: Wie lebe ich? Was ist mein Weg?“ Der moderne Mensch redet nicht einfach mal mit seinem Freund oder seiner Freundin. Anja Förster und Peter Kreuz nehmen als Managementvordenker in Deutschland eine Schlüsselrolle ein.
Übungen zur Achtsamkeit liegen im Trend
Die meisten Menschen stellen sich achtsame Personen als respektvoll, mitfühlend und voller Zuneigung gegenüber den Phänomenen des Lebens vor. Bei genauerer Betrachtung trifft diese Erwartung aber nicht unbedingt zu. Georg Milzner erklärt: „Man kann durchaus auch auf Menschen treffen, die Achtsamkeitsübungen praktizieren und zugleich von ungewöhnlicher Kälte sind.“ Meditation macht einen nicht unbedingt zu einem besseren Menschen. Insbesondere in der Welt der Wirtschaft hat sich ein Trend entwickelt, nach dem auch Chefs und Angehörige des Topmanagements vermehrt Übungen der Achtsamkeit praktizieren. Das Ziel ist dabei in erster Linie die Stärkung der geistigen Leistungsfähigkeit. Ein Ziel, das vermittels Achtsamkeitsübungen – die ja auch Konzentrationsübungen sind – durchaus erreichbar ist. In der Achtsamkeitspraxis scheint also auch eine dunkle Seite verborgen zu sein. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.
Buben haben die meisten Lernprobleme
Fast 80 Prozent der Kinder mit akuten Lernproblemen in Österreich sind Jungen. Zwei Drittel der Klienten von Kinder- und Jugendpsychiatern sind Buben. Andreas Salcher ergänzt: „Der Anteil der Buben, die von Sonderschulpädagogen betreut werden, ist deutlich höher als jener von Mädchen. Von der Hyperativitätsstörung ADHS sind 9,2 Prozent der Buben und nur 2,9 Prozent der Mädchen betroffen.“ Jungen bleiben auch doppelt so oft sitzen wie Mädchen. Besonders beim Leseverständnis hinken Buben in der Volksschule den Mädchen deutlich nach. Beim Schönschreiben fällt dieses Manko noch deutlicher auf. Wenn die Volksschullehrerin einen Knaben mit den Worten „Du hast schon wieder nicht zugehört“ ermahnt, dann stimmt das fast immer. Es muss aber keineswegs eine böse Absicht dahinterstecken. Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestseller-Autor und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.
Gefühle müssen glaubwürdig sein
Durch Liebe und Bewunderung kann man anderen Menschen bekunden, dass man ihnen zur Seite steht und für sie da ist. So kann man deren Verhalten einem selbst gegenüber positiv beeinflussen. Eyal Winter erklärt: „Gefühle müssen glaubwürdig sein. Zumindest in einem gewissen Maß, wenn sie uns dabei helfen sollen, glaubhafte Bindungen einzugehen.“ Manche Menschen können Emotionen überzeugend „schauspielern“. Doch statistisch kommt dies in der Allgemeinbevölkerung eher selten vor. Wenn alle Menschen ihre Emotionen vollkommen vortäuschen könnten, bestünde überhaupt nie ein Grund, ernsthaft auf die Gefühlsreaktionen anderer einzugehen. Es gäbe dann keinen evolutionären Vorteil für authentische emotionale Reaktionen. Nicht jede emotionale Reaktion, die ein Mensch zeigt, hat eine rationale Basis. Eyal Winter ist Professor für Ökonomie und Leiter des Zentrums für Rationalität an der Hebräischen Universität von Jerusalem.
Multitasking führt zu schlechten Ergebnissen
Multitasking ist nicht nur anstrengend, sondern führt auch zu schlechten Ergebnissen. Es steht sogar im Verdacht, das Sozialverhalten zu behindern. Die Gründe hierfür können vielfältig sein. Sicher ist, dass dabei der präfrontale Kortex eine Rolle spielt. Im Multitasking liegt auch eine gewisse Absurdität zugrunde. Georg Milzner erläutert: „Wo wir intensiven Lustgewinn und tiefe Begegnung suchen, kommen wir offenbar gar nicht auf die Idee, es mit Multitasking zu probieren. Das passiert nur – ja, wo eigentlich? Vermutlich da, wo wir in einem fort den Eindruck haben, noch etwas erledigen zu müssen.“ Dabei ist Aufmerksamkeit offenbar mehr als bloß die Beigabe zu einem ansonsten gelingenden Leben. Was im Kern der Aufmerksamkeit steht, wird auch den meisten Einfluss auf das Leben eines Menschen haben. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.
Blockierte Emotionen sind etwas ganz Normales
Sigmund Freud entdeckte, dass ein Gefühl aufkommen und dann verdrängt werden kann. Menschen äußern in einem solchen Fall ihre Emotion nicht, sie spüren sie nie und könnten es als blockiertes Gefühl bezeichnen. Verhindert, schwelend und unvollendet gleicht die Emotion einer Zündschnur, die im Geist immer weiter glimmt. Es ist eine nicht aufgelöste Dissonanz. David Gelernter erklärt: „Ein blockiertes oder verhindertes Gefühl findet immer einen Weg, sich Ausdruck zu verschaffen.“ Eine Emotion muss ablaufen wie eine körperliche Aktion. Die meisten Gefühle werden in dem Augenblick, in dem sie aufkommen oder unmittelbar danach vollendet. Ein wesentlicher Teil jedoch – wesentlich nicht wegen seiner Größe, sondern wegen seiner Bedeutung – wird nicht sofort vollendet. Manche Gefühle finden ihre Vollendung nie. David Gelernter ist Professor für Computerwissenschaften an der Yale University.
Alte Menschen sind misstrauisch
Ältere Menschen und diejenigen, die bereits ihre Blüte überschritten haben, sind von häufigen Täuschungen im Leben gezeichnet. Sie haben oft Fehler gemacht, wodurch ihnen viele Nachteile entstanden sind. Die meisten von ihnen sagen, dass sie meinen, nicht aber, dass sie wissen. Und wenn sie im Zweifel sind, fügen sie immer ein vielleicht oder ein möglich hinzu. Alles drücken sie auf diese Weise aus, nichts aber mit Bestimmtheit. Ferner sind ältere Menschen laut Aristoteles übelwollend, denn es ist die Eigenart des Übelwollens, alles im Hinblick auf das Unvorteilhafte zu betrachten. Außerdem sind sie argwöhnisch aufgrund ihres Misstrauens. Misstrauisch sind sie aber aus Erfahrung. Und aus dem gleichen Grund ist weder ihre Liebe noch ihr Hass heftig. Der griechische Philosoph Aristoteles lebte von 384 bis 322 vor Christus.
Die gnadenlose Selbstoptimierung ist in
Viele Menschen blicken heutzutage verunsichert in die Zukunft. Sie wissen nicht, an welche Institutionen oder Werte sie sich halten können. Deshalb suchen sie ihr Heil häufig in einer gnadenlosen Selbstoptimierung. Ulrich Schnabel weiß: „Denn das Konkurrenzprinzip, das dem Kapitalismus zugrunde liegt. Er treibt den Einzelnen in einen steten Wettbewerb mit allen anderen.“ Dabei konkurriert man nicht nur um die besten Arbeitsplätze, sondern auch um die schönsten Wohnungen, die attraktiveren Partner, das lässigste Outfit, das stählernste Sixpack, die meisten Likes auf Facebook. Anstelle des sozialen Zusammenhalts und des Wir-Gefühls treten der eifersüchtige Vergleich mit anderen. Dazu kommt die stete Sorge, ob das eigene Ich diesem Vergleich standhält. Leider kennt die Sozialpsychologie eine sehr unschöne Methode, um in solchen Situationen das eigene Selbstwertgefühl zu stabilisieren. Sie nennt ihn den „abwärtsgerichteten sozialen Vergleich“. Ulrich Schnabel ist seit über 25 Jahren Wissenschaftsredakteur bei der ZEIT.
Das Ich und die Welt stehen im Konflikt zueinander
Nach Sigmund Freud gibt es einen grundsätzlichen Konflikt zwischen dem Ich und der Welt. Das lehrt die Menschen im Wesentlichen die Erfahrung der Schuld. Matthew B. Crawford fügt hinzu: „Dieser Konflikt verursacht Angst, aber er strukturiert auch das Individuum.“ Das Erwachsenwerden setzt voraus, dass sich die Menschen ihre Konflikte bewusst machen. Sie rational betrachten und klar und deutlich beschreiben, statt zuzulassen, dass sie ihr Verhalten bestimmen. Erwachsen zu sein bedeutet, dass man lernt, Grenzen zu akzeptieren. Die werden einem von der Welt gesetzt, die nicht alle persönlichen Bedürfnisse befriedigen wird. Bewältigt man diese Aufgabe nicht, bleibt man unreif. Im alten Glaubenssystem von Sigmund Freud war das Ziel einer psychoanalytischen „Heilung“ nicht Wohlbefinden. Matthew B. Crawford ist promovierter Philosoph und gelernter Motorradmechaniker.