Gelingende Autonomie bedeutet Lebensglück

Joachim Bauer weiß: „Gelingende Autonomie bedeutet Lebensglück.“ Es gibt Eltern oder Mentoren, die ihren Nachwuchs nicht „freilassen“, wenn die Zeit gekommen ist. Sie bezahlen die erzwungene Unselbstständigkeit ihres Kindes entweder damit, dass das Kind depressiv erkrankt, oder sie ernten Aggression. Der mutige Versuch, Autonomie zu entwickeln, ist für viele junge Menschen mit Mühsal, Schuldgefühlen, schweren Konflikten und weiteren leid- und qualvollen Erfahrungen verbunden. Der Grund ist das Fehlen einer oder mehrerer Voraussetzungen. Eine der klassischen Sagen des Altertums beschreibt einen tragischen Fall. Dabei war es einem Vater nicht möglich, bei seinem Sohn eine eigenständige Entwicklung zuzulassen. Ihm wird von einem Orakel vorausgesagt, dass sein noch nicht gezeugter Sohn ihn einmal umbringen werde. Der Vater durchsticht dann seinem Sohn nach dessen Geburt vorsorglich die Füße und setzt ihn aus. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.

Sigmund Freud machte den Ödipuskomplex berühmt

Ödipus, der vom Vater versehrte Sohn, macht eine wechselvolle, von Konflikten und Kämpfen gekennzeichnete Entwicklung durch. Am Ende bringt er seinen Vater um und heiratet dann eine Frau, ohne sich darüber bewusst zu sein, dass es sich bei ihr um seine Mutter handelt. Sigmund Freud machte diese griechische Sage berühmt, weil sie die in vielen Familien beobachtbare Konstellation widerspiegelt. Ein vom Vater nicht „freigelassener“, sozusagen angeketteter Sohn unterliegt einer besonderen Gefahr.

Möglicherweise geht der Sohn eine zu enge Bindung mit der Mutter ein und erliegt dem sogenannten Ödipuskomplex. Eine ganz ähnliche Fehlentwicklung kann sich, sozusagen spiegelbildlich, auch bei einer nicht „freigelassenen“ Tochter einstellen. Joachim Bauer stellt fest: „Um sich Autonomie erarbeiten und glücklich werden zu können, brauchen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ein von ihren Eltern, pädagogischen Begleitern und Mentoren geschenktes Selbst-Element.“

Kinder und Jugendliche brauchen Halt

Dieses Selbst-Element lässt sie ohne Strafandrohung frei und gibt ihnen altersgemäß die Möglichkeit, sich über das Vorgegebene hinaus zu entfalten und eigene Wege zu beschreiten. Allerdings muss es, um „über das Vorgegebene hinaus“ wachsen zu können, dieses „Vorgegebene“ erst einmal geben. Die Annahme, junge Menschen entfalteten Autonomie, wenn man ihnen keine Vorgaben macht, ist falsch. Sie müssen mit den Wertvorstellungen der Erwachsenen bekannt gemacht werden.

Zudem müssen die Erwachsenen die Kinder an konkrete Angebote, an den Erwerb von Wissen und Kompetenzen herangeführt warden. Kinder die ohne Forderungen und in nichts anderem als Freiräumen aufwachsen, werden in ihrem Selbstbewusstsein geschwächt. Kinder und Jugendliche brauchen Halt und freundlichen Widerstand. Nur dann können sie sich an diesem Widerstand bewähren und Autonomie für sich zu einer realen Erfahrung machen. Die Aufgabe, Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg zum Erwerb der Autonomie zu begleiten, ist ein Balanceakt. Er fordert von beiden Seiten – vor allem in den Jahren der Pubertät – eine Menge Energie ab. Quelle: „Wie wir werden, wer wir sind“ von Joachim Bauer

von Hans Klumbies

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