Der Mensch ist nicht auf seine Gene reduzierbar. Gene sind nur Bleistift und Papier, die Geschichte schreibt jeder selbst. Markus Hengstschläger erklärt: „Jeder Mensch hat Begabungen und Talente, und wir müssen es jedem ermöglichen, sie zu entdecken und zu entwickeln.“ Leider passiert es bis heute immer noch zu oft – auch im Bildungswesen –, dass junge Menschen vermittelt bekommen, sich gerade dort mehr anzustrengen, wo ihre Schwächen liegen. Ihre Individualität, ihre Begabungen erhalten oft zu wenig Aufmerksamkeit, und dadurch entsteht zu oft Durchschnitt, der Feind des Neuen. Talente richtig zu fördern, unterstützt auch die Entfaltung der individuellen Persönlichkeit. Individualität und das richtige Management von Talenten steigern zudem die Erfolgschancen im Privatleben und in der Berufswelt. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUniWien.
Hans Klumbies
Schweigen kann tödlich sein
Schweigen gilt gemeinhin als Tugend und gegenüber dem Silber der Rede als sprichwörtliches Gold. Wie kann es dann aber im wahrsten Sinne des Wortes tödlich sein? Reinhard Haller stellt fest: „Da wir in einer Welt der Worte leben, hat das Schweigen eine besondere Bedeutung. Durch Schweigen kann man auch antworten. Schweigen ist, wenn man so will, eine spezielle Form des Miteinander-Redens und hat eine besondere kommunikative Qualität.“ Im Schweigen kann man tiefe Gefühlszustände erleben und ohne Worte viel sagen. Schweigendes Kommunizieren kann ein Ausdruck höchster Vertrautheit sein. Schweigen kann aber auch zur tödlichen Waffe werden. Aggressives Schweigen heißt, den anderen zu ignorieren, ihn auszublenden, ja seine Existenz zu verleugnen. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.
In der Ehe will die Liebe Ewigkeit
Das deutsche Wort Ehe hat eine schöne Herkunft. Es stammt vom althochdeutschen êwa ab, das Ewigkeit, aber in dieser Ewigkeit auch Recht und Gesetz bedeutet. Peter Trawny erläutert: „Wer sich zur Ehe zusammenfindet, will demnach seine Liebe verewigen, das heißt ihre Endlichkeit vernichten.“ Doch das ist nur das Wort: In allen Gesellschaften und Kulturen bildet die Ehe eine Institution, die der Gründung der Familie – der geregelten Fortpflanzung – dient. So weiß man, wer wo in der Blutlinie steht, wer welche Anrechte auf welche Erbschaft hat. Dass die Ehe heute in den Gesellschaften, in denen die Religion eine geringere Rolle spielt, vor allem diese pragmatische Bedeutung hat, ist offenbar. Peter Trawny gründete 2012 das Martin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, das er seitdem leitet.
Menschen wünschen sich Verbundenheit
Die Grundmotivation psychisch durchschnittlich gesunder Menschen ist darauf ausgerichtet, sich sozial akzeptiert, mit anderen Menschen verbunden und zugehörig zu wissen. Das auf soziale Verbundenheit gerichtete Grundmotiv setzt nicht voraus, dass das Zusammensein mit anderen immer „Spaß“ machen muss. Joachim Bauer weiß: „Gemeinsam einer schwierigen Situation ausgesetzt zu sein hat meistens sogar eine sozial besonders verbindende Wirkung.“ Auch wenn sich Menschen soziale Verbundenheit auch dann wünschen, wenn keine hedonistischen, also keine genüsslichen Aspekte im Spiel sind, machen gelingende Gemeinschaft, Kooperation und Gegenseitigkeit den meisten Menschen große Freude. Allerdings hat sich die Annahme als falsch erwiesen, dass schon von alleine sozusagen alles gut wird, wenn Menschen sich verbinden und verbünden. Joachim Bauer ist Arzt, Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Bestsellerautor von Sachbüchern.
Normale entdecken die Irrationalität
Esoterik war früher ein amüsantes Thema für gelangweilte Ladys, die zu viel Zeit hatten. Mit Horoskopen befasste man sich augenzwinkernd zur allgemeinen Gaudi. Doch natürlich nahm den ganzen Unsinn niemand ernst. Dann bestand auf einmal die Gefahr, dass schlichte Gemüter das alles tatsächlich glauben könnten. Daher haben Wissenschaftler wie Hans Jürgen Eysenck und andere in den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts die Unhaltbarkeit von Astrologie und anderem Blödsinn zweifelsfrei nachgewiesen. Manfred Lütz stellt fest: „Doch da war es schon zu spät, da rollte die Welle der Irrationalität bereits unaufhaltsam. Und so haben dieses Thema auch die Normalen für sich entdeckt.“ Mit Akribie versenkt man sich in die dunklen, aber possierlicherweise definitiv lösbaren Geheimnisse dieser Welt. Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz ist Psychiater, Psychotherapeut, Kabarettist und Theologe.
In der Liebe herrscht wunderbare Intimität
Es gibt in jeder Liebe den Moment, in dem die Grenze zum Körper des Anderen überschritten wird. Dann beginnt eine einzigartige Intimität, eine Nähe, in der die Liebenden beinahe ganz angekommen sind. Peter Trawny erläutert: „Diese Nähe, ihre Erfahrung, ruft etwas hervor, das zuerst und zuletzt unsagbar bleibt. Wer darauf achtet, wird merken, dass es mehr ist als ein bloßes Gefühl.“ Zunächst wird die Berührung offenbar. Man wendet sich dem Körper der Geliebten zu und streichelt ihn. Nun verändert sich die gemeinsame Situation. Mit dem Streicheln ist der Geliebte nicht mehr der Körper, der er vorher war. Er wird Fleisch, ein Körper, der begehrt und dieses Begehren zeigt. Peter Trawny gründete 2012 das Martin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, das er seitdem leitet.
Gelegenheitssex ist ein Nullsummenspiel
Nach Auffassung vieler Frauen, mit denen Eva Illouz gesprochen hat, untergräbt die Sexualität die Möglichkeit, als Person anerkannt zu werden. Gelegenheitssex dagegen verwandelt die Begegnung mitunter in ein Nullsummenspiel: das Streben ihres Partners nach einem sexuellen Vergnügen versus ihr Selbstgefühl, das auf Gegenseitigkeit und Anerkennung beruht. Eva Illouz erläutert: „Während sich der Wert einer Frau in traditionellen patriarchalischen Gesellschaften über ihre Klassenzugehörigkeit und ihre sexuelle Tugend bestimmt, wird der Sitz ihres Werts in einem Regime der sexuellen Freiheit verschwommen und ungewiss.“ Die Autonomisierung der Sexualität führt zu einer eingebauten Ungewissheit über den Ort des Werts selbst und über die Möglichkeit einer emotionalen Interaktion. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Außerdem ist sie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.
Das Verlassen des Gewohnten bringt Gewinn
Durch die Anwendung ihrer Routinen glauben viele Menschen, dass das Spiel des Lebens aus Optimierung des Bewährten besteht. Dabei liegt gerade im gewagten Verlassen des Gewohnten, im freien Wurf erst der Gewinn. Die „ewige Mitspielerin“ könnte das Schicksal, das Glück, die Berufung, eine höhere Macht oder ganz einfach nur der Zufall sein. Andreas Salcher ergänzt: „Den Sinn können wir oft erst im Nachhinein erfassen. Resonanz erzielen wir in der Welt durch das Fangen aller Möglichkeiten, die das Schicksal uns zuwirft.“ Beim Ergreifen dieser Möglichkeiten erzielt man mehr Wirkung als mit purer Anstrengung. Erst wer mit sich selbst im Einklang ist, nicht krampfhaft strebt, sondern auch imstande ist, vertrauensvoll zu warten, dem gelingt vielleicht der Weltenwurf. Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Autor von Bestsellern und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.
Selbstverwirklichung ist ein verbreitetes Ziel
Der Lebensstil des spätmodernen Subjekts in der neuen Mittelklasse ist vom Ideal der Selbstverwirklichung in möglichst allen seinen alltäglichen Praktiken geprägt. Andreas Reckwitz weiß: „Dabei geht es jedoch nicht um eine Selbstverwirklichung, die sich in Opposition zur modernen Welt vollzieht. Sie soll vielmehr sozial erfolgreich und anerkannt in dieser Welt stattfinden.“ Der Lebensstil folgt damit dem widersprüchlichen Muster der „erfolgreichen Selbstverwirklichung“. Das klassische Subjekt des Bürgertums, das auf sozialen Status und Erfolg aus war, musste dagegen häufig seine eigentlichen Wünsche zugunsten von Pflichten und Konventionen hintanstellen. Das romantische Subjekt probierte sich zwar experimentell aus, jedoch geschah das um den Preis eines Lebens am Rand der Gesellschaft. Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt / Oder.
Kränkungen können sogar Kriege auslösen
Bei manchen Kriegen bleiben die Ursachen ein Rätsel. Die sonst üblichen Gründe wie Herrschaftsinteressen, Territorialansprüche, ethnisch-kulturelle Heterogenität, soziale Ungerechtigkeiten oder Machtkonkurrenz liefern keine stimmige Erklärung. Reinhard Haller weiß: „in vielen Fällen wird man bei Demütigungen und Kränkungen fündig, die vielleicht nicht das ganze Drama verursacht, aber zumindest ausgelöst und den letzten Ausschlag gegeben haben.“ Das Beispiel schlechthin findet man in der griechischen Mythologie, im Trojanischen Krieg, den Homer in seiner „Illias“ schildert. Dessen mythologische Wurzeln sind Kränkungen und sich nach dem Schneeballprinzip ausbreitende Kränkungsreaktionen. Am Anfang steht die Gekränktheit der Göttin der Zwietracht Eris. Diese war als Einzige von den Olympiern nicht zur Hochzeit des Helden Peleus mit der Göttin Thetis eingeladen worden. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.