Ulrich Schnabel warnt vor einem Missverständnis: „Wissen alleine führt noch nicht zur Veränderung.“ Das ist ja gerade eine der Irrtümer einer Wissensgesellschaft. Dass zur Veränderung eines Verhaltens vor allem Wissen notwendig ist. In Wahrheit ist es eher umgekehrt. Erst durch die Veränderung eingefahrener Gewohnheiten entstehen neue Einsichten. Denn der Großteil des menschlichen Handelns wird gar nicht bewusst gesteuert, sondern unterliegt automatisierten Routinen. Das gilt für Tätigkeiten wie Essen, Reden oder Schuhe zubinden ebenso wie für Denkgewohnheiten. Die Art, wie Menschen auf die Welt blicken ist durch all die Erfahrung geprägt, die sie im Laufe ihres Lebens gemacht haben, und wie sie ihre Umgebung verstärkt. Und diese Art des Denkens hat sich regelrecht in das Gehirn eingegraben. Ulrich Schnabel ist seit über 25 Jahren Wissenschaftsredakteur bei der ZEIT.
Hans Klumbies
Erwartungen können enttäuscht werden
Das menschliche Gehirn ruft fortwährend Vergangenes auf, um Gegenwärtiges zu verstehen und die unmittelbare Zukunft noch genauer und rascher vorhersagen zu können. Helga Kernstock-Redl erklärt: „Dabei ist es immer ein wenig spät dran, denn die hereinkommenden Informationen sind „veraltet“: Nervenleitung und Denkprozesse brauchen zumindest Sekundenbruchteile, die Rückmeldung an den Körper ebenfalls.“ Nur über Erwartungsbildung und die möglichst frühe und richtige Verallgemeinerung von Erfahrungen können sich Menschen so schnell und so sicher fortbewegen. Kleine Kinder, die Treppen steigen, haben noch wenige Vorerfahrungen. Sie erobern sich langsam jede einzelne Stufe, denn sie schauen sehr genau. Ihr Gehirn hat noch nichts verallgemeinert und schickt ihnen daher keine vorschnell gebildeten Erwartungen. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Im Seelenleben sollte Ordnung herrschen
Konfuzius fragt: „Wer nicht sein Inneres pflegt, sondern sein Äußeres, macht der es nicht verkehrt?“ Damit drückt er aus, worauf es im Leben ankommt. Nämlich dass es bei der Selbstsorge darum geht, das Innere zu pflegen, mithin im eigenen Seelenleben für Ordnung zu sorgen. Man soll das Innere stets wichtiger nehmen als das Äußere. Albert Kitzler blickt zurück: „Diese Achtsamkeit, Sorgfalt und Pflege sich selbst gegenüber war das Hauptanliegen aller antiken Weisheitslehren. Damit war kein selbstsüchtiger Egoismus gemeint. Der innere Friede ist die beste Voraussetzung für gelingende Beziehungen zu anderen Menschen.“ Wie aber sieht es heute mit der Pflege aus? Jeder weiß, wie er sein Äußeres zu fördern, zu hüten, zu vermehren und zu verschönern hat. Der Philosoph und Jurist Dr. Albert Kitzler ist Gründer und Leiter von „MASS UND MITTE“ – Schule für antike Lebensweisheit.
Eine innere Wandlung ist nicht leicht
Wer weise leben will, muss sich innerlich wandeln. Der römische Philosoph Seneca zitiert dazu den frühen Stoiker Ariston: „Die Philosophie umfasst zwei Teile: das Wissen und die Seelenverfassung. Denn wer den Lehrgang durchgemacht und richtig begriffen hat, was zu tun ist und was zu meiden ist, ist noch nicht weise. Und zwar nicht eher, als bis er eine innere Wandlung durchgemacht hat, durch die seine Seele ganz mit dem, was sie gelernt hat, verschmolzen ist.“ Albert Kitzler vertritt die Auffassung, dass die meisten Menschen an dieser inneren Wandlung scheitern. Der Grund dafür ist, dass ihr Wissen an der Oberfläche bleibt. Es wird nicht durch beharrliches Einüben im täglichen Leben tiefer in der Seele verankert und eingeprägt. Der Philosoph und Jurist Dr. Albert Kitzler ist Gründer und Leiter von „MASS UND MITTE“ – Schule für antike Lebensweisheit.
Niemand sollte auf der Strecke bleiben
Was sollte Politik leisten und was kann sie überhaupt leisten? Diese Fragen versucht Hans-Otto Thomashoff zu beantworten. Aus Sicht der Bürger sollte Politik effizient sein, sie sollte sich im Dienst der Allgemeinheit bestimmte Ziele setzen und diese konsequent verfolgen. Ihr Hauptziel sollte darin bestehen, mit Weitblick die Weichen zu stellen, die es den Bürgern ermöglicht, ihren eigenen Lebensentwurf zu entfalten. Dazu gehören essenzielle Grundfreiheiten und ein gegebenenfalls notwendiges Sicherheitsnetz. Die Politik sollte die Regeln für das Wirtschaftsgeschehen so vorgeben, dass sich einerseits die wirtschaftliche Dynamik des Marktes entfalten kann. Andererseits ist darauf zu achten, dass die daraus resultierende Wertschöpfung möglichst allen zugutekommt. Zumindest so weit, dass niemand auf der Strecke bleibt. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.
Burn-out ist nicht gleich Depression
Es gibt drei Merkmale eines Burn-out-Syndroms. Erstens zählt dazu ein chronisch emotionaler Erschöpfungszustand, der sich auch durch einige Tage Erholung nicht bessert. Das zweite Merkmal ist ein bei den Betroffenen nicht überwindbarer Widerwillen gegen die Arbeit oder gegen die Menschen, für die man beruflich tätig ist. Dieser Zustand bessert sich auch nicht durch größte Willensanstrengung. Und drittens verminderte Arbeitseffizienz trotz vermehrtem Arbeitseinsatz. Joachim Bauer weiß: „Die wichtigsten Merkmale einer Depression sind Verlust des Selbstwertgefühls, Antriebsverlust, Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen, Schlafstörungen mit morgendlichem Früherwachen und Lebensüberdruss.“ Burn-out und Depression sollten unterschieden werden, können aber ineinander übergehen. Wer an einem Burn-out-Syndrom leidet, hat ein mehrfach erhöhtes Risiko, zusätzlich eine Depression zu bekommen. Joachim Bauer ist Arzt, Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Bestsellerautor von Sachbüchern.
Ärger verhindert rationales Denken
Je mehr sich ein Mensch in seine Ärgergefühle hineinsteigert, umso weniger ist es ihm möglich, objektiv zu bleiben und andere, etwa konträre Argumente, zu sehen beziehungsweise zu akzeptieren. Heinz-Peter Röhr rät: „Wer mit starken Ärgergefühlen konfrontiert ist, tut immer gut daran, eine Zeit verstreichen zu lassen, bis die erste Wut vorüber ist, damit eine nüchterne Betrachtung der Gegebenheit möglich wird.“ Dies zu wissen ist von zentraler Bedeutung, wenn es darum geht, den Kontrollverlust zu erforschen und gegebenenfalls zu vermeiden. Wenn es einmal passiert ist, kann man nur sehr schwer den Kontakt zum Neokortex herstellen und rationales Denken in den Vordergrund bringen. Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.
Krankheit kann immer etwas Sinnvolles sein
Krankheit bringt laut Viktor Frankl keineswegs eine Sinnverlust, eine Sinnverarmung des Daseins notwendig mit sich: „Sie ist die Möglichkeit nach vielmehr immer etwas Sinnvolles.“ Die Krankheit kann mitunter sogar einen Gewinn bedeuten. Es gibt sogar Menschen, die in Krankheit und Tod nicht nur keinen Verlust und nicht nur einen Gewinn sehen, sondern geradezu ein „Geschenk“. Dem Sinn, der sich aus Kranksein und Sterben ergeben mag, kann alle äußere Erfolglosigkeit und alles Scheitern in der Welt nichts anhaben. Hier handelt es sich vielmehr um einen inneren Erfolg, der trotz äußerer Erfolgslosigkeit besteht. Viktor E. Frankl war Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Wien und 25 Jahre lang Vorstand der Wiener Neurologischen Poliklinik. Er begründete die Logotherapie, die auch Existenzanalyse genannt wird.
Die Fülle des Vertrauens ist nicht grenzenlos
Es gibt vier Gründe, warum es sinnvoll ist, nicht all das Vertrauen zu wollen, das sich die meisten Menschen offensichtlich dennoch wünschen. Martin Hartmann erklärt: „Zum einen scheint es wenig sinnvoll, den Vertrauensbegriff unbegrenzt zu multiplizieren.“ Zweitens gibt es Gefahren, mit denen man nicht rechnen kann, die also neu oder unbekannt für einen Menschen sind. Der dritte Punkt ist schwieriger zu verstehen. Martin Hartmann erwähnt Niklas Luhmanns Aussage, wonach die Menschen morgens nicht aufstehen würden ohne Vertrauen: „So scheint alles, was wir tun, von Vertrauen getragen zu sein, sonst würden wir es wohl nicht tun.“ Allerdings gibt es immer Alternativen. Aber wie real sind diese Alternativen? In der Freiheitstheorie unterscheidet man manchmal negative und positive Freiheit. Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern.
Rache ist ein schillerndes Phänomen
Rache ist ein komplexes und ungemein vielgestaltiges, ja ein schillerndes Phänomen. Sie ist mehr als ein Gefühl, mehr als ein Gedanke, sogar mehr als eine soziale Interaktion. Reinhard Haller erklärt: „Schon ihre psychologische Einordnung ist schwierig, ein schlüssiges Erklären gelingt nie vollständig. Selbst die gefühlsmäßige Beurteilung bleibt höchst ambivalent.“ Obwohl Rache überwiegend als moralisch verwerflich und sozial unerwünscht gilt, sind ihr auch zahlreiche psychologisch positive Seiten zu eigen. Man braucht dabei nur an ihre innerlich entlastenden, das Gerechtigkeitsgefühl befriedigenden oder das Selbstvertrauen aufbauende Effekte zu denken. Auf der einen Seite quält sie die Menschen, führt zu Kränkung, Neid oder Hass und stellt den Gegenpol zu Vergeben und Verzeihen dar. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.