In seinem Buch „Das Unbehagen in der Kultur“ aus dem Jahr 1930 hatte Sigmund Freud ausgeführt, dass Kultur die Unterdrückung von Glück und sexuellem Vergnügen unter Arbeit, Monogamie und soziale Zurückhaltung erfordere. Sigmund Freud zufolge sind soziale Zwänge notwendig, damit die menschliche Gesellschaft sich entwickeln kann. Stuart Jeffries fügt hinzu: „Das ungehemmte Schwelgen in den physischen und psychischen Bedürfnissen des Menschen – im Sinn des von Freud sogenannten Lustprinzips – beeinträchtigt die Freiheit anderer und muss daher mit Hilfe von Regeln und Disziplin – dem, was Freud das Realitätsprinzip nannte – eingeschränkt werden.“ Sigmund Freud hat ein Narrativ entwickelt, wie Individuen ihre Bedürfnisse unterdrücken und sublimieren. Zuerst treiben die Triebe – bei Freud das Es – die Menschen dazu, Lust zu suchen und Schmerz zu vermeiden. Stuart Jeffries arbeitete zwanzig Jahre für den „Guardian“, die „Financial Times“ und „Psychologies“.
Hans Klumbies
Unzählige Fragen bestimmen den Alltag
Sich selbst, den eigenen Tonus und das, womit man zu tun hat, zunächst einmal kennenzulernen, bevor man es zu verbessern sucht, ist der erste wesentliche Schritt in Richtung Gelassenheit. Es gibt unzählige Fragen, über die man jeden Tag stolpern kann. Und natürlich wird man nicht allen nachgehen können. Aber sich die eigenen Fragen permanent vom Leib halten zu wollen, ist ebenfalls ziemlich anstrengend. Ina Schmidt erläutert: „Denn eben darum geht es: mitten im Alltag, mitten in der Hektik der eigenen To-dos nach mehr Gelassenheit zu streben und nicht in der Abkehr von dem, was zu tun ist.“ Ina Schmidt gründete 2005 die „denkraeume“, eine Initiative. In dieser macht sie in Vorträgen, Workshops und Seminaren philosophische Themen und Begriffe für die heutige Lebenswelt verständlich.
Lernen ist sowohl aktiv als auch assoziativ
Im Prinzip zeigt die Hirnforschung, dass ein Kind Neues umso schneller lernt, je mehr es schon weiß. Die Neurowissenschaften weisen nach, dass Lernen ein aktiver und assoziativer Vorgang ist. Andreas Salcher weiß: „Folglich lassen sich Informationen eben nicht beliebig in unsere Kopf hineinstopfen, wie manche Eltern und Lehrer glauben.“ Das Gehirn selektiert aus der Flut von Reizen jene heraus, die ihm bedeutsam erscheinen. Und das sind vor allem Fakten, Klänge und Bilder, die mit früheren Erfahrungen zusammenhängen. Wissenschaftliche Erkenntnisse haben einen Trend zur frühkindlichen Förderung ausgelöst, dessen Angebote leider oft auf der vorschnellen Nutzung von populärwissenschaftlichen Ratgebern basieren. Deshalb stressen sich wohlhabende Eltern überall auf der Welt mit einer großen Herausforderung: ihr Kind im idealen Kindergarten unterzubringen. Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestseller-Autor und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.
Viele Menschen haben ein Naturdefizit
Mit der Landschaft hat sich auch das Verhalten der Menschen verändert. Kurz gesagt: Die meisten bleiben drinnen. Sie sitzen in Großraumbüros, Autos und Hochhäusern und verbringen gerade einmal 1 bis 5 Prozent im Freien. Sie haben sich daran gewöhnt, jenseits der Zyklen der Natur zu überleben. Lucy F. Jones ergänzt: „Unser Bedürfnis und unser Wunsch danach, mit der Natur in Kontakt zu kommen – ebenso wie die Möglichkeit dazu –, haben dramatisch abgenommen.“ Im Jahr 2005 prägte der einflussreiche amerikanische Autor Richard Louv den Begriff der „Naturdefizit-Störung“. Er benennt damit die negativen Auswirkungen mangelnder Berührungspunkte mit der Natur auf die allgemeine Gesundheit der Menschen. Lucy F. Jones ist Journalistin. Sie schreibt regelmäßig zu wissenschaftlichen Themen, Gesundheit, Umwelt und Natur für die BBC, The Guardian und The Sunday Times.
C. G. Jung verfasst eine Psychologie der Typen
C. G. Jung lebte von 1875 bis 1961 und entwickelte sich zu einer überragenden Gestalt in der Psychologie des 20. Jahrhunderts. Zentrum seines Wirkens war über fünfzig Jahre seine Privatpraxis in Küsnacht am Zürichsee. Weder hielt er es lange in psychiatrischen Kliniken aus, noch mochte er sich der akademischen Lehre verschreiben. Seine Schwerpunktthemen waren Geist, Traum, Symbol und Seele. Bekannt geworden ist C. G. Jung auch durch eine allgemeine Beschreibung der Psychologie der Typen. Sie handelt von zwei allgemeinen Typen, die er als introvertiert und extrovertiert bezeichnet. Sie unterscheiden sich vor allem durch ihre eigentümliche Einstellung zum Objekt. Der Introvertierte verhält sich dazu abstrahierend; er ist im Grunde genommen immer darauf bedacht, dem Objekt die Libido zu entziehen, wie wenn er einer Übermacht des Objektes vorzubeugen hätte.
Gerald Hüther fordert ein natürliches Leben
Was man für die Aufrechterhaltung un Wiederherstellung der Gesundheit eines Menschen tun kann, ist nichts anderes, als so zu leben, wie es der menschlichen Natur entspricht. Gerald Hüther erläutert: „Wir müssen uns einfach nur so ernähren, dass alle Zellen in unserem Körper das bekommen, was sie brauchen, um all das möglichst gut tun zu können, was sie lebendig bleiben lässt.“ Und natürlich muss man seinem Körper als Ganzes all das bieten, was er braucht, um gesund zu bleiben. Viel Bewegung gehört genauso zu seiner Natur wie frische Luft zum Atmen und sauberes Wasser zum Trinken. Und die Nervenzellen im menschlichen Gehirn brauchen Phasen der Beanspruchung, aber auch Zeit für Entspannung und Erholung. Gerald Hüther ist Neurobiologe und Verfasser zahlreicher Sachbücher und Fachpublikationen.
Es gibt nötige und unnötige Konflikte
Bei der Sortierung von Konflikten gibt es ein Problem: „Unnötig“ ist ein Konflikt zumeist aus einer individuellen Perspektive. Der andere hingegen mag ihn für „nötig“ halten. Dazu sagt Reinhard K. Sprenger: „Sobald Sie an dem festhalten wollen, was Sie verbindet, ist das Problem des anderen auch Ihr Problem! Wenn Sie jedoch sagen: „Das ist nicht mein Problem“, dementieren Sie das Gemeinsame.“ In einer Kooperationsarena – egal, ob Beziehung oder Unternehmen – ist das Problem des einen das Problem des anderen. Eine wichtige Fähigkeit besteht darin, nötige von unnötigen Konflikten zu unterscheiden. Der Konfliktgeübte weiß, wann es sich zu kämpfen lohnt, sich einzusetzen, weil der Wirkungsgrad des Konfliktgegenstandes erheblich ist. Reinhard K. Sprenger zählt zu den profiliertesten Managementberatern und wichtigsten Vordenkern der Wirtschaft in Deutschland.
Eltern sollten „Kindheit wagen!“
Die Aufforderung „Kindheit wagen!“ ist für Herbert Renz-Polster eine Aufforderung zu mehr Ehrlichkeit und Selbstkritik. Nein, niemand muss sich dafür entschuldigen, dass er seine Kinder in die Krippen, Kitas und Schulen schickt, die nun einmal im Angebot sind. Denn viele Menschen wären ohne diese Einrichtungen ja komplett aufgeschmissen. Nur, dann muss die Gesellschaft alles daransetzen, damit es dort so gut es geht um die Bedürfnisse der Kinder geht und nicht um die Hoffnungen und Ausflüchte der Erwachsenen. Herbert Renz-Polster stellt fest: „Das gilt auch für die Kindergärten: Sie schießen in immer moderneren, immer größeren Einheiten am Stadtrand aus dem Boden. Oft genug sind das in Beton gegossene Zeugnisse, dass wir auf die Mitsprache der Kinder im Grunde pfeifen.“ Der Kinderarzt Dr. Herbert Renz-Polster hat die deutsche Erziehungsdebatte in den letzten Jahren wie kaum ein anderer geprägt.
Das Gehirn sucht beharrlich nach Schuld
Es ist eine der zentralen Aufgaben des menschlichen Gehirns, Schuld in all ihren Facetten, manchmal samt dazugehörigen Schuldgefühlen, beharrlich zu suchen. Helga Kernstock-Redl erklärt: „Sein intensives, automatisches Lernen dient unter anderem dazu, Ursachen zu finden, Erfahrungen zu verallgemeinern und daraus Erwartungen an andere und an sich selbst zu bilden.“ Genau daraus entstehen die sozialen und moralischen Regeln in einer Gesellschaft. Das Gehirn neigt dazu, Unpassendes auszublenden oder Unerwartetes als Störung zu betrachten. Schlechte Frage können seine so geniale Funktion einer Suchmaschine lahmlegen. Es mag sich und die Betroffenen durch das Finden von guten Gestalten entlasten und braucht die Klärung der Schuldfrage als Schlusspunkt. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Empathie und Mitgefühl unterscheiden sich
Der Begriff „Empathie“ hat in den letzten Jahren einen meteoritenhaften Aufstieg erlebt. Klaus-Peter Hufer erläutert: „Mit Empathie ist im alltagssprachlichen Gebrauch „Mitgefühl“ oder „Mitleid“ gemeint.“ Danach ist wohltätiges Verhalten gegenüber anderen davon abhängig, dass man sich in sie hineinversetzt, dass man fühlt, was sie fühlen. Und dass man ihren Standpunkt einnimmt oder die Welt durch ihre Augen sieht. Eine sehr ähnliche Definition stammt von der amerikanischen Philosophin und Rechtswissenschaftlerin Martha Nussbaum: „Man kann Empathie als die Fähigkeit definieren, sich die Situation des anderen vorzustellen und dessen Perspektive einzunehmen.“ Obwohl Empathie und Mitgefühl im Alltag gleichgesetzt werden, sollte man sie nicht verwechseln. Klaus-Peter Hufer promovierte 1984 in Politikwissenschaften, 2001 folgte die Habilitation in Erziehungswissenschaften. Danach lehrte er als außerplanmäßiger Professor an der Uni Duisburg-Essen.