Allgemein 

Viele Menschen fürchten die Spontaneität

Warum redet man so viel über Helikoptereltern? Martin Hartmann antwortet: „Jeder, der Kinder hat, weiß, was gemeint ist. Nach allem, was wir hören können, ist unsere unmittelbare Umwelt so sicher wie nie zuvor. Aber wir haben eine geradezu panische Angst, unsere Kinder allein auf die Straße gehen zu lassen.“ Man kann auch an das Phänomen der „gated communities“ denken, an Privatschulen oder andere Formen, sich von der weiteren, in sich brüchigen und vielfältigen Gesellschaft abzuschotten. Unabhängig von der Frage der Berechtigung mancher Furcht, weisen diese Phänomene auf den Wunsch hin, nur gewählten Kontakt zu haben. Man möchte einfach nicht überrascht werden von unerwarteten Begegnungen. Man fürchtet Spontaneität und jede Form der Abhängigkeit von den schwer vorhersehbaren Reaktionen unbekannter anderer. Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern.

Meistens ist Furcht weitgehend unberechtigt

Man gibt dabei der Fantasie absoluter Souveränität oder Kontrolle nach, die ärgerlich genug, meist eine Fantasie bleiben muss. Denn auch innerhalb der „gated community“ gibt es andere Menschen, die für böse Überraschungen gut sind. Das Gefahrenbewusstsein hat sich zweifellos vervielfältigt und verästelt. Viele Menschen sind offenbar bereit, den gesamten öffentlichen Raum mit Überwachungskameras zu versehen, weil man ihnen einredet, dass dieser Raum dadurch sicherer würde.

Martin Hartmann stellt fest: „Wir glauben, mehr zu wissen, und wir fürchten mehr. Aber die Furcht ist weitgehend unberechtigt.“ Der Soziologe Ortwin Renn schreibt: „Es ist nicht so, dass wir immer häufiger in den Medien einen neuen Lebensmittelskandal oder eine neue Umweltsauerei vorgeführt bekommen.“ Vielmehr besteht folgender Verdacht. Viele Menschen behaupten, dass sie den meisten Menschen nicht mehr vertrauen können, weil sie ihnen nicht mehr vertrauen wollen.

Viele Menschen wollen anderen nicht mehr vertrauen

Man rationalisiert seine Unfähigkeit zu vertrauen, indem man beharrlich darauf hinweist, dass man Vertrauen nicht mehr gerechtfertigen kann. Denn der Mensch ist in der Regel schlecht. Für Martin Hartmann ist es schlicht zu auffällig, dass manche Maßnahmen, die Vertrauen sichern oder wiederherstellen sollen, im Kern Misstrauensmaßnahmen sind. Viele Menschen wollen in Wirklichkeit gar nicht mehr vertrauen. Aber da Vertrauen an sich gut ist, wagen sie es nicht, sich und anderen diesen Sachverhalt offen einzugestehen.

Martin Hartmann stellt fest: „Wenn man nicht vertrauen will und feststellt, dass es ohnehin nicht geht, muss man sich für seinen Unwillen nicht weiter rechtfertigen. Man verweist auf die immer gefährlichere Welt. Die Welt ist schlecht. Ich würde ja gerne vertrauen, aber wem?“ Die Menschen leben in Zeiten größter physischer Sicherheit und doch gibt es etwas im modernen Leben, das in vielen automatische Reaktionen auslöst, die mit Gefahr zu tun haben – Angst, ein dauerhaftes Überwachen der Umgebung, unruhiger Schlaf. Quelle: „Vertrauen“ von Martin Hartmann

Von Hans Klumbies

Related posts

Leave a Comment