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Moral und Identität sind eng verbunden

Der schottische Philosoph David Hume schrieb 1738 in seinem „Traktat über die Menschliche Natur“ folgendes: „Die Vernunft ist nur ein Sklave der Affekte und soll es sein. Sie darf niemals eine andere Funktion beanspruchen als die, denselben zu dienen und zu gehorchen.“ Moralische Themen lassen die meisten Menschen nicht kalt. Immer wenn es um Werte geht, fühlen sich manche Zeitgenossen dazu aufgerufen, wütende Leserbriefe und Rezensionen zu schreiben oder einen Shitstorm auf Twitter zu starten. Von Hasskommentaren einmal ganz abgesehen. Philipp Hübl ergänzt: „Je mehr es bei Themen um Moral geht, desto stärker verbinden wir sie mit unserer Identität und desto emotionaler reagieren wir.“ Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).

Seine Gefühle motivieren einen Menschen zum Handeln

Die Verbindung zwischen Moral und Emotionen scheint nicht zufällig zu sein. Sondern sie scheint tiefer zu reichen, als es die westliche Tradition der Moralphilosophie bisher wahrhaben wollte. Wer sagt, es gebe keine moralischen Tatsachen, muss sich fragen, ob die Menschenrechte universelle Gültigkeit haben. Die meisten Menschen gehen jedenfalls stillschweigend davon aus, dass es keine zufällige Übereinkunft ist, wenn man sagt, niemand darf gegen seinen Willen als Sklave gehalten werden.

Die persönliche Moral stammt wesentlich aus den Gefühlen. Eine Bewertung ist in diesen Gefühlen schon enthalten. Die Gefühle sind es, die einen Menschen zum Handeln motivieren. So lautet der provokante Vorschlag des Philosophen Jesse Prinz. Er liefert damit die philosophische Theorie zu den Ergebnissen aus der Psychologie. Während die Angst hemmt, einen Menschen zu töten, sind es vor allem Zorn und Ekel, welche die eigenen Urteile über andere bestimmen. Zorn bewertet ursprünglich ein Ereignis als Störung, etwa wenn einem ein Stein auf den Fuß fällt.

Moralischer Zorn zeigt Störungen des Zusammenlebens an

In der menschlichen Evolution hat sich daraus der moralische Zorn entwickelt. Er zeigt Störungen des Zusammenlebens an. Die emotionale Neigung sagt also: „Moralisch falsch ist alles, was Empörung erzeugt.“ Und genau das sind die Verstöße gegen die progressiven Prinzipien Fürsorge. Dazu zählen Fairness und Freiheit sowie das Prinzip Autorität. Traditionalisten und sehr konservative Menschen haben jedoch noch einen zweiten Mechanismus. Dieser sagt: „Moralisch falsch ist alles, was Abscheu erzeugt.“

Darunter fallen Verstöße gegen das Prinzip Loyalität. Dies ist der Fall, wenn Abtrünnige ihre Gruppe verraten oder jemand heilige Gruppensymbole schändet. Und darunter fallen auch Verstöße gegen das Prinzip Reinheit. Etwa Fälle von Inzest, Masturbation oder Abtreibung. Jesse Prinz stellt fest, dass sich auch die Selbsteinschätzungen eines Menschen aus emotionalen Neigungen speisen. Philipp Hübl nennt ein Beispiel: „Unser Schuldgefühl sagt uns, dass wir es sind, die ein Prinzip verletzt haben, zum Beispiel Fürsorge, wenn wir nach einem Unfall Fahrerflucht begehen.“ Quelle: „Die aufgeregte Gesellschaft“ von Philipp Hübl

Von Hans Klumbies

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