Um sich schnell orientieren zu können, hat das Denken Abkürzungen entwickelt, damit sich Menschen in einer neuen Umgebung schnell zurechtfinden können. Diese Abkürzungen bezeichnet man auch als Heuristiken. Nach Daniel Kahneman ist eine Heuristik „ein einfaches Verfahren, das uns hilft, adäquate, wenn auch oftmals unvollkommene Antworten auf schwierige Fragen zu finden“. Eine sehr häufige Heuristik ist die Substitutionsheuristik. Thorsten Havener erläutert: „Hier ersetzen wir zu komplexe Fragen durch Fragen, die sich einfacher und auch schneller beantworten lassen.“ Der Mentalist gibt zu, dass die Grenzen zwischen Heuristik, dem Primen und dem Halo-Effekt nicht so einfach zu ziehen sind. Oft greift im menschlichen Denken eine Kombination aus mehreren dieser Methoden. In jedem Fall ist erwiesen, dass Menschen, wenn sie aufgefordert werden, die Wahrscheinlichkeit von etwas zu beurteilen, das jedoch nur schwer einzuschätzen ist, in vielen Fällen etwas ganz anderes beurteilen. Thorsten Havener ist Deutschlands bekanntester Mentalist.
Hans Klumbies
Der erste Blickkontakt ist entscheidend
Forschungen zeigen, dass Menschen auf der Basis des ersten Blickkontakts innerhalb von wenigen Millisekunden über die Vertrauenswürdigkeit einer Person entscheiden. Martin Hartmann ergänzt: „Wir müssen ein Gesicht nicht einmal bewusst wahrnehmen, so die These. Unser Gehirn entscheidet trotzdem blitzschnell, ob jemand vertrauenswürdig ist oder nicht.“ Man hat sogar versucht, die Eigenschaften des Gesichts – oder gar nur der Augen – zu benennen, die hinter dieser ganz und gar unbewussten Entscheidung liegen. Hängende Mundwinkel etwa erregen kaum den Eindruck der Vertrauenswürdigkeit. Hohe Augenbrauen, ausgeprägte Wangenknochen oder ein rundliches Gesicht dagegen bewirken eher positive Urteile über die Vertrauenswürdigkeit eines Menschen. Man wird also nicht bestreiten können, dass solche äußerlichen Faktoren eine Rolle spielen können für die Frage, wem man schnell vertraut. Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern.
Narzissmus ist oftmals kaum erkennbar
Der Narzissmus zeichnet sich durch eine Zweigesichtigkeit aus: das schöne Bild nach außen und die schleichende toxische Wirkung auf alle, die zu nahe kommen. Turid Müller erklärt: „Diese Eigenschaft führt dazu, dass Narzissmus gerade für Außenstehende kaum erkennbar ist.“ Die nach der tragischen Sagengestalt benannte psychische Erkrankung gehört zu den Persönlichkeitsstörungen. Das ist der Fachbegriff für Charakterstrukturen, die derart unflexibel ausgeprägt sind, dass Leid und Konflikte die Folge sind. Das heißt: Sie betreffen den Kern einer Person und gehen somit deutlich tiefer als etwa die sogenannten neurotischen Störungen – wie zum Beispiel Essstörungen oder Depressionen. Daher sind sie auch schwerer zu heilen. In jüngster Zeit wird in der psychologischen Forschung und Praxis immer deutlicher, das es verschiedene Erscheinungsformen von Narzissmus geben muss. Turid Müller ist Diplom-Psychologin und ausgebildete Schauspielerin.
Destruktivität ist eine starke Kraft
Sigmund Freud entwickelte seine Idee des Gewissens in „Das Unbehagen in der Kultur“. Dabei zeigt er, wie sich Destruktivität gegen das eigene Selbst wenden kann. Da man seine eigene Destruktivität nicht vollständig ausschalten kann, entfesselt sie ihre Wirksamkeit als Über-Ich umso stärker. Judith Butler fügt hinzu: „Je nachdrücklicher das Über-Ich dem mörderischen Impuls zu entsagen strebt, desto grausamer wird der psychische Mechanismus.“ In diesem Moment sind Aggression und Gewalt verboten. Aber weder sind sie vernichtet noch ausgeschaltet, da sie weiterhin ein aktives Leben gegen das Ego führen. Sigmund Freud wirft in gewissem Sinn eine ganz ähnliche Frage auf, wie sie auch Judith Butler stellt: „Was bringt uns dazu, das Leben des anderen bewahren zu wollen?“ Judith Butler ist Maxine Elliot Professor für Komparatistik und kritische Theorie an der University of California, Berkeley.
Das Selbstbild kann eine Falle sein
Oftmals verlieben sich Menschen in eine falsche Person. Eigentlich verliebt man sich ja in den richtigen Menschen. Fritz Breithaupt stellt fest: „Aber wenn es nicht weitergeht oder der Geliebte ein Soziopath ist, wird aus dem Richtigen plötzlich der Falsche. Man kann den geliebten Menschen nicht einfach vergessen.“ Immer wieder tauchen blitzartig kleine Sequenzen vor einem auf: wie man zusammen in einer argentinischen Tangobar sitzt, die Hand des anderen fasst oder zusammen einkaufen geht. Es gibt ein weites Spektrum von Verhaltensweisen, in denen ein Selbstbild zur Falle wird. Das Festhalten an einem solchen imaginären Selbstbild ist auf den ersten Blick nicht Sache des narrativen Denkens. Man kann versuchen, Fixationen durch Weltbilder, vergangene Erfahrungen und Prägungen, Schemata, Muster oder Ideale zu erklären. Fritz Breithaupt ist Professor für Kognitionswissenschaften und Germanistik an der Indiana University in Bloomington.
Das Leben findet immer im Jetzt statt
Wenn man in die Köpfe der Menschen hineinschauen könnte, würde man ihre Selbstgespräche kennenlernen, die sie permanent mit sich führen. Das wäre manchmal lustig, manchmal traurig. Heinz-Peter Röhr weiß: „Was man auf jeden Fall feststellen würde, wäre die Tatsache, dass sie sich vorwiegend mit ihrer Vergangenheit oder mit Sorgen bezüglich ihrer Zukunft beschäftigen. Nur selten richten sie die Aufmerksamkeit auf das Jetzt.“ Viele Menschen verbringen Jahre mit der Hoffnung, dass die Dinge sich von selbst zum Besseren wenden, immer im Glauben, dass das Gute noch kommt. Auf diese Weise wird das Leben vertan, es rauscht vorbei. Man ist nicht in sich selbst zu Hause. Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.
Ganzheitliche Betrachtungen des Hasses
Die Hassforschung hat in den letzten Jahren einige bedeutsame Erkenntnisse geliefert. Neben den traditionellen philosophischen und psychoanalytischen Arbeiten hebt Reinhard Haller jene hervor, die sich um eine ganzheitliche Betrachtung bemühen: „Als besonders hilfreiches Beispiel seien die von den deutschen Forschern Rolf Haubl (Professor für Soziologie und Direktor des Sigmund-Freud Instituts in Frankfurt/Main) und Volker Caysa (Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Leipzig) erarbeiteten Bestimmungsmerkmale angeführt. In ihrem Werk „Hass und Gewaltbereitschaft“ (2007) zählen sie eine Reihe spezifischer Kennzeichen auf, die bereits ein recht komplexes Bild des Hasses ergeben. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).
Menschen haben unterschiedliche Weltbilder
Das Verhalten einer Person und die Person selbst sind immer voneinander zu trennen. Zwischen dem Verhalten einer Person und der Person selbst zu unterscheiden, war für Thomas W. Albrecht persönlich eine wesentliche Erkenntnis. Es ist selbstverständlich, mit dem Verhalten anderer Menschen nicht immer einverstanden zu sein. Der Grund dafür liegt in den unterschiedlichen Weltbildern und Denkmuster, die Menschen nun mal haben. Früher fühlte sich Thomas W. Albrecht durch das Benehmen anderer oft verletzt. Konkret war das meist in jenen Situationen der Fall, in denen wichtige Menschen in seinem Leben keine Zeit für ihn hatten, weil sie etwas Wichtigeres zu tun hatten. Das Sich-verletzt-Fühlen führte dazu, dass er diesen Menschen weniger mochte und glaubte, er sei nicht wertvoll genug. Thomas W. Albrecht ist Experte für Kommunikation und Rhetorik.
Das Smartphone verändert das Gehirn
Sarah Koldehoff und Martin Spiewak fragen: „Macht das Smartphone dümmer, Herr Montag?“ Der Psychologe Christian Montag antwortet: „Dass Smartphones etwas in unserem Denkapparat verändern, steht für mich außer Frage. Interessant ist, welcher Teil des Denkens genau verändert wird und wie stark.“ Wie die meisten Menschen trainiert auch Christian Montag kaum noch, räumlich zu navigieren oder sich Wege zu merken. Das dürfte sich in seinem Gehirn niederschlagen. Man kann sich das Gehirn wie einen Muskel vorstellen, der sich je nach Gebrauch verändert. Und manche Forschende betrachten das Smartphone als eine Art ausgelagertes Gehirn, das bestimmte Denkvorgänge für die User übernimmt. Sarah Koldehoff und Martin Spiewak fragen: „Ist das gut oder schlecht?“ Christian Montag antwortet: „Weder – noch! Unser Denken passt sich den Möglichkeiten an, wir nutzen unsere kognitiven Funktionen anders. Das heißt nicht, dass wir generell dümmer werden.“
Authentizität bei Politikern kommt an
Wer stimmig erscheint, dem vertraut man. Denn durch die Resonanz im Gefühl beim Gegenüber entsteht intuitiv der Eindruck, dass er sich auskennt im Wesen des anderen. Hans-Otto Thomashoff weiß: „Wer als Politiker emotional authentisch wirkt und zudem die Wähler im Gefühl anspricht, der kommt an. Wähler wollen Stimmigkeit, sie wollen in ihrem Gefühl verstanden werden, und sie wollen wissen, woran sie sind.“ Deshalb ist es fatal, wenn Politiker im Wahlkampf Versprechungen machen, die sie nach der Wahl nicht halten. Oder wenn bestehende Positionen ohne nachvollziehbare Erklärung plötzlich über den Haufen geworfen werden. Angela Merkels Stärke war es, Stabilität, Verlässlichkeit und Sicherheit zu vermitteln, Werte, die ihrer Persönlichkeit entsprachen. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.