Sabrina Szameitat fragt: „Was verleitet vor allem Heranwachsende zu Mutproben?“ Michael Thiel, Diplompsychologe aus Hamburg, antwortet: „Vor allem bei pubertierenden Jugendlichen geht es immer darum, zum einen das schwankende Selbstwertgefühl zu erhöhen. Zum anderen geht es darum, dazuzugehören.“ Jugendliche sagen: „Ich möchte Teil der Community sein. Und wenn eine Mutprobe dazugehört, mache ich sie halt.“ Michael Thiel weiß, dass gerade Jugendliche Sehnsüchte nach Aufmerksamkeit, nach Belohnung und Lob haben. Sie wollen das Gefühl empfinden, dazuzugehören. Und auch danach, etwas Besonderes zu sein. Laut Michael Thiel sind diese Mutproben eigentlich Unterwerfungstests: Man unterwirft sich dem Gruppendruck. Der wirklich Mutige würde sich verweigern und deutlich „Nein!“ sagen. Eine neue Form der Mutprobe sind die sogenannten Challenges, die im Internet stattfinden. Dazu gehört zum Beispiel, in einer bestimmten Zeitspanne so und so viel abgenommen zu haben.
Pubertät
Viele jungen Frauen sind extrem mutlos
Die jungen Frauen, die bei Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort in die Sprechstunde kamen, wirkten wie anästhesiert, vollkommen ratlos. Maraike Mirau ergänzt: „Was zunächst erst wie eine Depression anmutete, stellte sich in den Therapiegesprächen als tiefe Mutlosigkeit heraus.“ Die Mädchen waren nicht neugierig auf das Leben, hatten nicht den Wunsch, ferne Länder zu bereisen oder die erste große Liebe zu erleben. Sie wussten nur eins: Dass sie um keinen Preis so werden wollten wie ihre erfolgreichen Mütter. Michael Schulte-Markwort trifft in seinen Therapiestunden immer häufiger auf junge Frauen, die er als „mutlos“ beschreibt: „Erste Anzeichen sind ein schleichender Rückzug aus der Welt.“ Prof. Michael Schulte-Markwort ist Kinder- und Jugendpsychiater. Neben seiner Lehrtätigkeit ist er unter anderem Leiter der Privatpraxis Paidion.
Pubertät ist für Eltern anstrengend
Die Pubertät beginnt früher als viele denken, schon mit zehn Jahren flackert sie immer mal auf. Cornelia Karin Hendrich fügt hinzu: „Es folgen in den nächsten Jahren endlose Diskussionen über dieses und jenes, wütendes Ausrasten aus dem Nichts und ständige Kritik an den Eltern.“ Pubertät ist für Eltern anstrengend. Sie werden „from Hero to zero“, sagt der Diplompädagoge Matthias Jung. Typische sind für einen Teenager Stimmungsschwankungen. Scheinbar aus dem Nichts schreien sie die Eltern an und beleidigen sie. Und die Kinder wissen oft genau, welche Knöpfe sie drücken müssen, um zu verletzen. Aber es gibt Möglichkeiten, mit der Pubertät umzugehen, ohne das Kind am liebsten abgeben zu wollen. Der Diplompädagoge Matthias Jung hat mehrere Bücher zum Thema Pubertät geschrieben.
In der Pubertät verhalten sich Jugendliche wie Aliens
Die Pubertät bricht im wahrsten Sinne des Wortes bei Mädchen und Jungen über Nacht herein. Andreas Salcher erläutert: „Wir selbst verstehen diesen gewaltigen körperlichen und psychosozialen Prozess erst im Rückblick, wenn wir erwachsen sind. Als Pubertierende sind wir Kinder, die sich zu jungen Menschen transformieren.“ Die Mädchen und Jungen entwickeln sich von durch ihre Eltern behüteten, aber auch kontrollierten Kindern zu selbstbestimmten eigenen Persönlichkeiten. Das ist ein ständiges Wandeln auf einem engen Pfad, an dessen Ende das Erwachsensein als ersehntes Ziel immer wieder kurz sichtbar wird, um im nächsten Augenblick vom Nebel der Selbstzweifel und Absturzängste verdeckt zu werden. Plötzlich fangen Jugendliche an, sich merkwürdig zu kleiden. Bei einem Gespräch mit einem solchen jungen Menschen beschleicht einen das Gefühl, sich mit einem Alien von einem anderen Stern zu unterhalten. Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestseller-Autor und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.
Die Pubertät prägt die Suche nach einer stabilen Identität
Wann entscheidet sich, ob Menschen zur Intimität in ihren Beziehungen fähig sind. Für Andreas Salcher spielt zweifellos das Modell der Ehe der Eltern eine wichtige Rolle. Wer als Kind eine intime, vertrauensvolle Beziehung zwischen seinen Eltern erlebt hat, wird sich als Erwachsener leichter damit tun. Herrscht dagegen eine unterkühlt sachliche, vielleicht durchaus freundliche Atmosphäre im Elternhaus, werden Kinder zögern, ihr Innerstes zu offenbaren. Für den deutsch-amerikanischen Psychoanalytiker Erik. H. Erikson ist es die Aufgabe des frühen Erwachsenenalters, ein gewisses Maß an Intimität zu erreichen. In der Entwicklungsstufe davor, der Pubertät, muss jeder versuchen, aus der Verwirrung zu einer stabilen Identität zu finden. Ab dann ist man dazu bereit, sein „Ich“ durch vielfältige intime Beziehungen mit anderen zu verschmelzen. Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestseller-Autor und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.
Niemand kann sich Kränkungen entziehen
Da Kränkungen soziale Mechanismen und Interaktionen sind, gehören sie wegen ihres fließenden Charakters zunächst zu den psychischen Reaktionen und nicht zu den Persönlichkeitsstörungen. Reinhard Haller weiß: „Kränkung hat mehr mit änderbarem Verhalten als mit fixiertem Charakter zu tun.“ Allerdings kann die Struktur der Persönlichkeit durchaus Züge aufweisen, die vermehrt zu Kränkungen der Mitmenschen führen oder besonders verletzungsanfällig machen. So wird beispielsweise die Wesensart wenig feinfühliger, rücksichtsloser und grober Menschen für andere eher kränkend sein. Dagegen sind weiche, sensible oder harmoniebedürftige Personen viel leichter selbst zu verletzen. Ihre erhöhte Vulnerabilität kann neben schlechten Vorerfahrungen, häufigen Traumatisierungen, Selbstwertzweifeln oder aktuellen psychischen Problemen auch in bestimmten Besonderheiten der Persönlichkeit liegen. Bedeutung haben Kränkungen im Verlauf der Persönlichkeitsentwicklung. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.
Gerlinde Unverzagt kennt die Probleme der Dauerpubertät
Eltern und Kinder stehen sich heute so nah wie nie zuvor. Noch nie in der Geschichte war Eltern und Kinder eine so lange Phase gemeinsamen Erwachsenenseins vergönnt: Die gestiegene Lebenserwartung verändert das Verhältnis zwischen den Generationen. Gerlinde Unverzagt erläutert: „Wir kommunizieren auf (vermeintlich) gleicher Augenhöhe und auch viel häufiger; die tägliche E-Mail, die launige Whatsapp, die SMS zwischendurch – die stetig pulsierende digitale Nabelschnur hat frühere Generationen nicht miteinander verbunden.“ Alte Modelle aus Respekt, Gehorsam und Tradition reichen nicht mehr, um die Beziehung zu beschreiben. Die Idee, in Kindern Freunde zu sehen, hat mit dem Paradigmenwechsel in der Erziehung nach 1968 – von der „Bestimmerfamilie“ zur „Verhandlerfamilie“ – zu tun, auch mit der Jugendbesessenheit der Gegenwart. Gerlinde Unverzagt hat folgende Bücher veröffentlicht: „Das Lehrerhasserbuch“, „50 ist das neue 30“ und „Generation ziemlich beste Freunde“.
Das Gehirn von Teenager ist besonders anfällig für Belohnungen
Die Universität Stanford hat im vergangenen Jahr eine Studie veröffentlicht, die klar belegt: „Aus negativen Konsequenzen, also Strafen, lernt man in der Regel nicht nur besonders gut, sondern auch besonders schnell – schneller als mittels Belohnungen.“ Bei Teenagern ist es allerdings genau andersherum, wie französische Neurowissenschaftler herausgefunden haben. Im Gegensatz zu Kindern und Erwachsenen ändern sie ihr Verhalten nur dann, wenn sie dafür belohnt werden. Bestrafungen hingegen sind bei ihnen so gut wie wirkungslos. Grund dafür ist der rasante Umbau des Gehirns während der Pubertät. Wie es dazu kommt, dass Menschen aus Strafen schneller lernen, ist noch nicht abschließend geklärt. Einen Ansatz bietet das Konzept der Verlustaversion, welches von den Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky entdeckt wurde. Sie konnten zeigen, dass Menschen Verluste deutlich stärker gewichten als Gewinne.
In der Pubertät ist das Gehirn im Ausnahmezustand
Wenn Kinder für ihre Eltern auf einmal ein Rätsel sind, hat die Lebensphase der Pubertät begonnen. Das Interesse für die Schule lässt oftmals rapide nach. Wichtig ist nur noch, was die Clique macht: Zigaretten rauchen, Alkohol trinken oder die Haare färben. Mütter und Väter stehen vor geschlossenen Kinderzimmertüren und grübeln darüber nach, was sich wohl gerade im Kopf des Nachwuchses abspielt. Diese Frage stellen sich auch Neuronenwissenschaftler. Um Antworten zu finden, schauen sie Jugendlichen mit modernen bildgebenden Verfahren tatsächlich ins Gehirn. Für die Forschung ist die Pubertät höchst spannend. Nicht wegen der körperlichen Entwicklungen, die Teenager durchlaufen, sondern wegen der psychosozialen Veränderungen. Hinter der Stirn von Pubertierenden findet ein riesiges Umbauprojekt statt. Das Gehirn formiert sich neu – in zeitversetzten Bauphasen.