Niemand kann sich Kränkungen entziehen

Da Kränkungen soziale Mechanismen und Interaktionen sind, gehören sie wegen ihres fließenden Charakters zunächst zu den psychischen Reaktionen und nicht zu den Persönlichkeitsstörungen. Reinhard Haller weiß: „Kränkung hat mehr mit änderbarem Verhalten als mit fixiertem Charakter zu tun.“ Allerdings kann die Struktur der Persönlichkeit durchaus Züge aufweisen, die vermehrt zu Kränkungen der Mitmenschen führen oder besonders verletzungsanfällig machen. So wird beispielsweise die Wesensart wenig feinfühliger, rücksichtsloser und grober Menschen für andere eher kränkend sein. Dagegen sind weiche, sensible oder harmoniebedürftige Personen viel leichter selbst zu verletzen. Ihre erhöhte Vulnerabilität kann neben schlechten Vorerfahrungen, häufigen Traumatisierungen, Selbstwertzweifeln oder aktuellen psychischen Problemen auch in bestimmten Besonderheiten der Persönlichkeit liegen. Bedeutung haben Kränkungen im Verlauf der Persönlichkeitsentwicklung. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

Kränkungen durchziehen die ganze Lebensgeschichte

Der Lebensweg eines Menschen ist voller Verletzungen und das Ringen um die eigene Persönlichkeit ist in vielem ein Kampf gegen Kränkungen. Reinhard Haller erläutert: „Mit den großen Umbrüchen des Lebens sind zwangsläufig Kränkungen verbunden, denen sich niemand entziehen kann.“ Wer an diesen nicht scheitert, geht gestärkt und erfahrener daraus hervor. Deshalb hängt die Entwicklung der Persönlichkeit ganz wesentlich von der Art ab, wie die großen Krisenphasen überwunden werden.

Die viel genannte psychische Reifung ist in mehrerlei Hinsicht nichts anderes als die konstruktive Bewältigung von solchen lebensgeschichtlichen Kränkungen. Diese beginnen mit dem Geburtsschock. Wenn das menschliche Wesen Wärme, Nähe und Sicherheit des Mutterleibs verlassen und hinaus in die grelle, kalte und laute Welt muss, wird dies wohl als kränkend erlebt. Geborgenheit, Sicherheit und Eingebundensein in einen Versorgungskreislauf gehen ein Stück weit verloren.

Die Pubertät ist eine einzige Phase der Gekränktheit

Die ersten drei bis vier Lebensjahre, an welche es keine Erinnerung gibt, sind voll von meist unbewussten Kränkungen. Die psychologische Lehre von den frühkindlichen Phasen beinhaltet orale Frustrationen und anale Zwänge. Dazu kommt der Hass auf den gegengeschlechtlichen und Eifersucht zum gleichgeschlechtlichen Elternteil. Nicht zu vergessen sind die Rivalität zu den Geschwistern und die mögliche Verdrängung aus der Nesthäkchen-Position. Dies alles führt zu einem Übermaß an Kränkungen.

Die größte Umbruchsphase, jene der Pubertät, ist eine einzige Phase der Gekränktheit. Der Körper wird unvertraut und fremd, die Kräfte können nicht mehr kanalisiert werden, der Anspruch der Hormone ist nicht zu befriedigen. Plötzlich sind die eigenen Grenzen nicht mehr bekannt und müssen oft sehr schmerzhaft ausgelotet werden. Das bisherige Weltbild gerät ins Wanken, die Ideale gehen verloren, das Bewusstsein der eigenen Identität schwindet. Laufende Konflikte mit den Bezugspersonen, Zurückweisungen bei Kontaktversuchen und Partnersuche, Kränkungen in der Gruppe, Zurechtweisungen in der Schule und am Arbeitsplatz bedeuten eine Vielzahl von Mikrokränkungen, die gesamthaft zu schweren Erschütterungen des Selbstwerts führen. Quelle: „Die Macht der Kränkung“ von Reinhard Haller

Von Hans Klumbies

Post Comment