Die Pubertät prägt die Suche nach einer stabilen Identität

Wann entscheidet sich, ob Menschen zur Intimität in ihren Beziehungen fähig sind. Für Andreas Salcher spielt zweifellos das Modell der Ehe der Eltern eine wichtige Rolle. Wer als Kind eine intime, vertrauensvolle Beziehung zwischen seinen Eltern erlebt hat, wird sich als Erwachsener leichter damit tun. Herrscht dagegen eine unterkühlt sachliche, vielleicht durchaus freundliche Atmosphäre im Elternhaus, werden Kinder zögern, ihr Innerstes zu offenbaren. Für den deutsch-amerikanischen Psychoanalytiker Erik. H. Erikson ist es die Aufgabe des frühen Erwachsenenalters, ein gewisses Maß an Intimität zu erreichen. In der Entwicklungsstufe davor, der Pubertät, muss jeder versuchen, aus der Verwirrung zu einer stabilen Identität zu finden. Ab dann ist man dazu bereit, sein „Ich“ durch vielfältige intime Beziehungen mit anderen zu verschmelzen. Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestseller-Autor und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.

Intimität sorgt für innere Sicherheit

Manche verlieben sich in dieser Phase immer wieder schnell, andere suchen die Intimität in Freundschaften. Die Herausforderung ist, sich irgendwann auf feste Beziehungen einzulassen, die Opfer und Kompromisse fordern können. Im Alter zwischen 25 und 30 Jahren spüren viele Menschen einerseits die Sehnsucht nach Verschmelzung bis zur Selbstaufgabe und andererseits den Drang, sich zurückzuziehen und abzuschotten. Manche zerbrechen daran.

Der Gegenpol zur Intimität ist die Isolation. Das bedeutet laut Andreas Salcher keineswegs, dass man nicht viele enge Beziehungen unterhält, sondern dass man davor zurückschreckt, eine bestimmte Schwelle der Nähe zu überschreiten. Erst wenn das Spannungsfeld zwischen Intimität und Isolation erfolgreich gemeistert wurde, ist der junge Erwachsene fähig zur Liebe. Damit meint Erik. H. Erikson die Fähigkeit, Unterschiede und Widersprüche in den Hintergrund treten zu lassen. Für ihn ist Intimität die Hüterin jener schwer fassbaren und doch alles durchdringenden Kraft, die einem Menschen die innere Sicherheit gibt.

Intimität entsteht durch die Entblößung der Seele

Diese Kraft versetzt einen Menschen in die Lage sowohl seine individuelle Identität aufrechtzuerhalten als auch gemeinsam geteilte Intimität zuzulassen. In jeder potenziellen Partnerschaft gibt es ein Davor und ein Danach. Die Zeit, bevor man miteinander das erste Mal geschlafen hat – und die danach. Der Augenblick unmittelbar nach dem ersten Sex kann bestimmend für den weiteren Verlauf der Beziehung sein. Ganz kurz öffnet sich ein Fenster zu einer intimen Beziehung, das aber von einem oder beiden sofort zugeschlagen werden kann.

Idealerweise sind beide Liebespartner danach von euphorischen Glücksgefühlen erfüllt. Sie genießen den Geruch und Geschmack des anderen, fühlen sich wortlos ungemein nahe. Irgendwann eröffnen sie dann dem anderen Zugang zu ihrem Innersten, in der Erwartung, dass sich der andere ihnen ebenfalls öffnet. Wie alle Liebespaare reden sie später viel über sich selbst, als könnten sie die Welt auf einmal besser verstehen. Intimität und Leidenschaft entstehen nicht durch bloße Nacktheit, sondern wenn zwei Menschen bereit sind, ihre Seelen zu entblößen. Quelle: „Das ganze Leben in einem Tag“ von Andreas Salcher

Von Hans Klumbies

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