Von Sigmund Freud stammt der Gedanke, dass das Lustprinzip und das Realitätsprinzip sich feindlich gegenüberstehen. Ungehindertes Schwelgen in den biologischen und psychologischen menschlichen Bedürfnissen entspricht dem Lustprinzip. Es beeinträchtigt die Freiheit der anderen und muss daher durch Regeln und Disziplin, also dem Realitätsprinzip eingedämmt werden. Stuart Jeffries erläutert: „Folgt man Herbert Marcuse, dann ist in den fortgeschrittenen Industriegesellschaften etwas geschehen, das so kontraintuitiv wie die Quadratur des Kreises und so unwahrscheinlich wie die Existenz des Steins der Weisen ist: Das Lustprinzip hat das Realitätsprinzip absorbiert.“ Der diabolische Geist, den Herbert Marcuse in der eindimensionalen Gesellschaft am Werk sah, war so beschaffen, dass Lust zu einem Werkzeug der Unterdrückung wurde. Stuart Jeffries arbeitete zwanzig Jahre für den „Guardian“, die „Financial Times“ und „Psychologies“.
Realität
Wahn und Realität liegen eng beieinander
Philipp Sterzer hält öfter Vorträge vor Psychiatriekollegen. Manchmal fragt es sie, ob jemand von ihnen schon einen Fall erlebt habe, bei dem die Unterscheidung zwischen Wahn und Realität schwierig oder unmöglich war. Als Antwort erhält er dann von allen Seiten zustimmendes Nicken. Ein Gehirn, das normalerweise nach dem Prinzip der Rationalität operiert, baut sich aufgrund einer Überdosis Stresshormon plötzlich eine eigene, völlig irrationale Realität. Philipp Sterzer fragt: „Hängt die Realität, die wir erleben, also davon ab, wie gestresst wir gerade sind? Und nicht nur davon, sondern auch von vielen anderen Faktoren, die unsere Hirnfunktion beeinflussen könnten?“ Im Jahr 2011 berief man Philipp Sterzer zum Professor für Psychiatrie und computationale Neurowissenschaften an die Charité in Berlin. 2022 wechselte er an die Universität Basel.