Selbstbeherrschung dämpft die Destruktion

Die Aufgabe, die sich Sigmund Freud in seinen Arbeiten zur Gruppenpsychologie stellt, liegt darin, die Widerstandskraft des kritischen Vermögens zu stärken. Judith Butler stellt fest: „Liebe wird gelegentlich als Gegenkraft zur Destruktion betrachtet, an anderen Stellen scheint es dieses so wichtige „kritische Vermögen“ zu sein.“ In seiner Abhandlung „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ von 1921 beschreibt das „kritische Vermögen“ Überlegung und Reflexion in unterschiedlichen Formen, während es in „Das Ich und das Es“ aus dem Folgejahr mit dem Über-Ich als grausamer Instanz gegenüber dem Ich in Verbindung gebracht wird. Schließlich wird das Über-Ich als „Reinkultur des Todestriebes“ identifiziert, und nun ist das Gegengewicht gegen die Destruktion eine wohlerwogene Form der Selbstbeherrschung. Das heißt, die Wendung der Destruktivität gegen die eigenen destruktiven Impulse. Judith Butler ist Maxine Elliot Professor für Komparatistik und kritische Theorie an der University of California, Berkeley.

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Zwanghafte Destruktivität mündet in Krieg

Sigmund Freud ging es in seiner Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“ unter anderem um die Frage, wie der furchtbaren Destruktivität, wie er sie im Ersten Weltkrieg beobachten konnte und wie er sie für die 1930er Jahre in noch größerem Ausmaß befürchtete, etwas entgegensetzt werden kann. Für Sigmund Freud sind die von Gruppen gegenüber sich selbst angeführten bewussten Gründe für ihr Handeln nicht identisch mit ihren handlungsleitenden Beweggründen. Judith Butler erläutert: „Daher muss das Nachdenken über die mögliche Vermeidung von Zerstörungen anderes bieten als bloß für das rationale Denken annehmbare Argumente. Es muss in irgendeiner Weise den Trieb berücksichtigen oder einen Weg finden, mit – und gegen – diese zwanghafte Destruktivität zu arbeiten, die in Krieg münden kann.“ Judith Butler ist Maxine Elliot Professor für Komparatistik und kritische Theorie an der University of California, Berkeley.

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Sigmund Freud beschreibt den Todestrieb

Sigmund Freud schreibe an Albert Einstein im Jahr 1932: „Ich habe Bedenken, Ihr Interesse zu missbrauchen, das ja der Kriegsverhütung gilt, nicht unseren Theorien. Doch möchte ich noch einen Augenblick bei unserem Destruktionstrieb verweilen, dessen Beliebtheit keineswegs Schritt hält mit seiner Bedeutung.“ In „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“, verfasst 1915 inmitten des Ersten Weltkrieges, reflektiert Sigmund Freud über die Bindungen, die eine Gemeinschaft zusammenhalten, und über die destruktiven Mächte, die diese Bindungen zerbrechen. Judith Butler weiß: „Zu der Zeit, als er die Theorie des „Todestriebes“ entwickelt, ab 1920 und dann ausführlicher im folgenden Jahrzehnt, war seine Sorge angesichts der destruktiven Fähigkeiten des Menschen ständig gewachsen.“ Judith Butler ist Maxine Elliot Professor für Komparatistik und kritische Theorie an der University of California, Berkeley.

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Destruktivität ist eine starke Kraft

Sigmund Freud entwickelte seine Idee des Gewissens in „Das Unbehagen in der Kultur“. Dabei zeigt er, wie sich Destruktivität gegen das eigene Selbst wenden kann. Da man seine eigene Destruktivität nicht vollständig ausschalten kann, entfesselt sie ihre Wirksamkeit als Über-Ich umso stärker. Judith Butler fügt hinzu: „Je nachdrücklicher das Über-Ich dem mörderischen Impuls zu entsagen strebt, desto grausamer wird der psychische Mechanismus.“ In diesem Moment sind Aggression und Gewalt verboten. Aber weder sind sie vernichtet noch ausgeschaltet, da sie weiterhin ein aktives Leben gegen das Ego führen. Sigmund Freud wirft in gewissem Sinn eine ganz ähnliche Frage auf, wie sie auch Judith Butler stellt: „Was bringt uns dazu, das Leben des anderen bewahren zu wollen?“ Judith Butler ist Maxine Elliot Professor für Komparatistik und kritische Theorie an der University of California, Berkeley.

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Es gibt über 500 Psychotherapie-Methoden

Was hilft? Die Auswahl ist groß. Über 500 Methoden stehen zur Verfügung. Muss man sie alle kennen? Muss man sie alle testen, um die zu finden, die angemessen sind? Manfred Lütz fügt hinzu: „Jemand hat behauptet, es gebe so viele Psychotherapiemethoden, wie es Psychotherapeuten gibt. Es bleibt also gar nichts anderes übrig, als Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.“ Manche Methoden waren früher wie Ersatzreligionen organisiert und profilierten sich durch stabile Feindbilder. Was die Vorteile und Nachteile einer Therapieform sind, das sieht man heutzutage nüchterner. Klar ist, dass seriöse Psychotherapie keine Wahrheitslehre ist wie eine Religion. Andererseits muss sie sich von schlichter Alltagskommunikation qualifiziert unterscheiden. Daher ist Therapieeffizienzforschung keine Zumutung. Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz ist Psychiater, Psychotherapeut, Kabarettist und Theologe.

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Die Gesellschaft beschneidet die Triebe

Die Triebe streben nach Freisetzung, und die Gesellschaft musste, um überleben zu können, diese Freisetzung beschneiden. Erich Fromm hegte bereits in den 1930er-Jahren Bedenken gegen diese Lehre von Sigmund Freud. Denn seine Idee eines sozialen Charakters umfasste auch externe soziale Strukturen, die das innere Selbst prägen. Stuart Jeffries weiß: „Für Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, und später auch für Herbert Marcuse, war diese Revision von Freuds Auffassung allerdings sozial konservativ.“ Erich Fromm stufte den Stellenwert herab, den Sigmund Freud den frühkindlichen sexuellen Erfahrungen und dem Unbewussten zugeschrieben hatte. Deshalb warf ihm Herbert Marcuse vor, an einer „idealistischen Moral“ festzuhalten. Er merkte an, Fromms Aufruf zu Produktivität, Liebe und Gesundheit evoziere eben genau die Möglichkeit, die Freud ausgeschlossen hatte: dass es nämlich eine Harmonie zwischen dem Selbst und der Gesellschaft geben könne. Stuart Jeffries arbeitete zwanzig Jahre für den „Guardian“, die „Financial Times“ und „Psychologies“.

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Das Gefühl des Unbehagens greift um sich

Sigmund Freuds Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“ wurde oft variiert. Armin Nassehi verdeutlicht dies an zwei Beispielen, die in ihren deutschen Übersetzungen bis in den Buchtitel hinein das Motiv des „Unbehagens“ zitieren. Der kanadische Philosoph Charles Taylor spricht von „The Malaise of Modernity“, in der deutschen Ausgabe: „Das Unbehagen an der Moderne“. Die Quelle des Unbehagens ist auch bei ihm der Verlust oder die Unmöglichkeit von sozialen Bindungen. Den Grund dafür macht er im Individualismus der modernen Kultur aus, die so etwas wie eine unbedingte Zugehörigkeit mit kollektiver Zwecksetzung erschwert. Die Folge ist eine Verflachung der kollektiven Anstrengungen zur Verbesserung der gemeinsamen Welt. Daraus entsteht ein narzisstischer Individualismus. Armin Nassehi ist Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Soziologie und Gesellschaftstheorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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Hass setzt zerstörerische Energien frei

Hass wird als Aggressionsaffekt, als zerstörerische Energie, als böse Emotion oder rabenschwarze Leidenschaft bezeichnet. Aber ist er auch eine Krankheit, eine psychische Störung, ein seelisches Leiden? Reinhard Haller weiß: „Die Psychologie gibt darauf eher spärliche Antworten, hat aber einige Konzepte zur Entstehung und Entwicklung des Hasses erarbeitet und liefert verschiedene Modelle zum Verständnis des „normalen“ Hasses.“ Zunächst sehen die psychologischen Wissenschaftler im Hass eine aggressive Emotion. Schon das „Universal-Lexicon“ von 1732 zählt Hass zu den „unangenehmen Emotionen, die die Gefühlsruhe stören und zerstörerische Energien freisetzen“. Später hat sich die Forschung vor allem auf den triebhaften Aspekt des Hasses konzentriert. Sigmund Freud (1856 – 1939), der mit der Psychoanalyse die maßgebende Theorie über Entstehung und Auswirkungen unbewusster psychischer Prozesse entwickelte, sieht im Hass einen nach außen gerichteten Teil des dem Leben entgegengesetzten Todestriebes. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

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Die Mordlust besiegt die Vernunft

Judith Butler betont: „Sigmund Freud war ganz und gar nicht überzeugt, dass die Vernunft mörderische Wünsche im Zaum halten kann. Und er äußerte diese Bemerkung, als die Welt am Rand eines neuen Krieges stand.“ Es ist dabei deutlich, wie sich ein bestimmtes zirkuläres Denken zum Instrument der Aggression verwandelt, ganz gleich, ob man diese Aggression wünscht oder fürchtet. Angesichts der Realität destruktiver Triebe war ethische Strenge für Sigmund Freud unabdingbar. Zugleich fragt er sich, ob sie ausreicht. In „Das Unbehagen in der Kultur“ bemerkt Freud zum Über-Ich in seiner ethischen Strenge scherzhaft, dass es „sich nicht genug um die Tatsachen der seelischen Konstitution des Menschen“ kümmert und vielmehr annimmt, „dass dem Ich die unumschränkte Herrschaft über sein Es zusteht.“ Judith Butler ist Maxine Elliot Professor für Komparatistik und kritische Theorie an der University of California, Berkeley.

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Erotische Liebe entfaltet eine extreme Lust

Auffällig an Sigmund Freuds Psychoanalyse ist für Peter Trawny ein offenbar fehlendes Verständnis der Liebe diesseits oder jenseits des Eros als „Triebbefriedigung“. Gibt es eine Psychoanalyse der Liebe, die sich nicht in genitaler Sexualität verdichtet? Anders gesagt: Sigmund Freuds Kulturtheorie wirft die Frage auf, ob und inwiefern es sinnvoll ist, Liebe von genitaler Sexualität zu unterscheiden. Denn dass etwas wie Liebe von Sexualität unterschieden werden kann, mag möglich sein. Doch müsste sie dann auf die Sexualität zurückgeführt werden, als eine ihrer Sublimierungen? Sigmund Freud kommt im „Unbehagen in der Kultur“ auch auf die Nächstenliebe zu sprechen. Sie wird ausdrücklich zurückgewiesen: „Wenn ich einen anderen liebe, muss er es auf irgendeine Art verdienen.“ Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.

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