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Zwanghafte Destruktivität mündet in Krieg

Sigmund Freud ging es in seiner Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“ unter anderem um die Frage, wie der furchtbaren Destruktivität, wie er sie im Ersten Weltkrieg beobachten konnte und wie er sie für die 1930er Jahre in noch größerem Ausmaß befürchtete, etwas entgegensetzt werden kann. Für Sigmund Freud sind die von Gruppen gegenüber sich selbst angeführten bewussten Gründe für ihr Handeln nicht identisch mit ihren handlungsleitenden Beweggründen. Judith Butler erläutert: „Daher muss das Nachdenken über die mögliche Vermeidung von Zerstörungen anderes bieten als bloß für das rationale Denken annehmbare Argumente. Es muss in irgendeiner Weise den Trieb berücksichtigen oder einen Weg finden, mit – und gegen – diese zwanghafte Destruktivität zu arbeiten, die in Krieg münden kann.“ Judith Butler ist Maxine Elliot Professor für Komparatistik und kritische Theorie an der University of California, Berkeley.

Sigmund Freud entwickelte die Konzeption des Todestriebes

Die Skepsis gegenüber der Triebtheorie geht unter anderem auf die Verwechslung von Trieb und Instinkt zurück. Sigmund Freud verwendet zwar beide Begriffe, aber der Triebbegriff erscheint weit häufiger, und er spricht nie von einem „Todesinstinkt“. Sigmund Freud macht in seinem Text „Triebe und Triebschicksale“ deutlich, dass der Trieb – oder „Drang“ – weder nur der Biologie noch einer vollständig autonomen psychischen Sphäre angehört, sondern vielmehr ein „Grenzbegriff“ zwischen somatischer und seelischer Sphäre ist.

Judith Butler weiß: „Bis 1920 vertrat Sigmund Freud die Auffassung, das Seelenleben sei durch Lust, Sexualität oder Libido bestimmt.“ Erst als er mit Kriegsneurosen konfrontiert wurde, zog er Symptome in Erwägung, die durch zwanghafte Wiederholung gekennzeichnet sind und sich nicht als Wunscherfüllung oder Triebbefriedigung erklären lassen. Vor dem Hintergrund des Krieges entwickelte er dann also die Konzeption des Todestriebes, auch aufgrund von Überlegungen zur Destruktivität, insbesondere mit Wiederholungszwängen einhergehenden Destruktivität.

Der Verlauf des Lebens erweist sich als „Umweg zum Tode“

Diese charakterisierte er später in „Das Unbehagen in der Kultur“ als „nicht erotische Aggression“. Judith Butler erläutert: „Mit der ersten Formulierung der Todestriebtheorie in „Jenseits des Lustprinzips“ suchte Freud nach einer Erklärung für Wiederholungshandlungen, die nicht im Dienst der Wunscherfüllung zu stehen schienen.“ Er war Patienten mit Kriegsneurosen begegnet, die traumatische Gewalt- und Verlusterfahrungen immer wieder in Formen durchlebten, die nicht eindeutig den durch das Lustprinzip erklärbaren Wiederholungen entsprachen.

Diese leidvollen Wiederholungen entbehren nicht nur der Befriedigung, sondern verschlimmern zudem den Zustand des Patienten bis zu einem Punkt, an dem die Grundlagen seines organischen Lebens in Gefahr gerieten. Von hier ausgehend, entwickelte Sigmund Freud die erste Version seiner Todestriebtheorie, nach der der Organismus die Rückkehr zu einem ursprünglichen organischen Status ohne jede Erregung anstrebt. Jeder menschliche Organismus strebt nach Rückkehr zu seinem Ursprung, sodass sich der Verlauf des Lebens letzten Endes als „Umweg zum Tode“ erweist. Quelle: „Die Macht der Gewaltlosigkeit“ von Judith Butler

Von Hans Klumbies

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