Mit der Massenproduktion im Industriezeitalter hat auch eine seelische Deformation begonnen. Wolfgang Schmidbauer weiß: „Arbeit verliert an Wert und Würde, wenn sie allein dem schnellen Nutzen dienen muss und Menschen ebenso wie Waren austauschbare Glieder einer Produktionskette werden.“ Der persönliche Bezug zu den Dingen geht dabei verloren. Es ist ein Teufelskreis. Je weniger Bindung sich zu den der Mode unterworfenen Massenprodukten entwickelt, desto schneller werden sie ersetzt. Das strahlt wiederum aus in die emotionalen Beziehungen. Es herrscht ein anonymes Geschehen von Produktion und Vertrieb, in dem kalt kalkuliert wird, wie weit man gehen kann, um dem Kunden neue Waren aufzuzwingen. Schon Karl Marx hat diese Entwicklung treffend beschrieben. Seine Kritik hat sich in vielen Punkten bestätigt und bestätigt sich noch. Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer ist Autor zahlreicher Fach- und Sachbücher, die sich millionenfach verkauften.
Hans Klumbies
Stimmungen sind Emotionen
Emotionen oder Stimmungen können die Macht haben, Erinnerungen ans Licht zu holen. Sie wirken wie Stichwörter: Wenn sich ein Gefühl, dass man jetzt erlebt, mit einem Gefühl überschneidet, das im Gedächtnis gespeichert oder mit einer im Gedächtnis gespeicherten Erinnerung verknüpft ist, dann kann man diese Erinnerung abrufen. David Gelernter fügt hinzu: „Die gemeinsamen Inhalte von Stichwort und Gedächtnisinhalt sorgen dafür, dass es zur Erinnerung kommt. Auch ein Gefühl, an das wir nur denken, ohne es aber zu erleben, kann ein solches auslösendes Stichwort sein.“ Wenn man nicht wenigstens einen Aspekt einer vergessenen Erinnerung abrufen kann, bleibt sie vergessen. Aber wenn nichts anderes mehr funktioniert, kann manchmal ein Gefühl als Hinweis auf eine Gedächtnisinhalt dienen. David Gelernter ist Professor für Computerwissenschaften an der Yale Universität.
Psychopathen sind oft clever und geistig gesund
Im Jahr 1833 formulierte James Prichard eine frühe Version dessen, was Psychologen inzwischen Psychopathie nennt. Er verwendete die Bezeichnung „moralisches Irresein“. Menschen, bei denen diese Diagnose zutrifft, treffen schlechte moralische Entscheidungen. Sie wiesen aber keine Mängel in puncto Intelligenz oder psychische Gesundheit auf. Julia Shaw weiß: „Auch Psychopathen sind oft clever und geistig gesund und tun Dinge, die nach allgemeiner Auffassung unmoralisch sind.“ Heutzutage hat die am häufigsten verwendete Definition der Psychopathie die Form einer Checkliste – der revidierten Psychopathie-Checkliste (PCL-R). Die erste Psychopathie-Checkliste stammt vom kanadischen Psychologen Sir Robert Hare aus den 1970er-Jahren als Tool für Psychologen und Forscher, Menschen auf strukturierte Weise als Psychopathen diagnostizieren zu können. Julia Shaw forscht am University College London im Bereich der Rechtspsychologie, Erinnerung und Künstlicher Intelligenz.
Eine Affäre bedeutet sowohl Agonie als auch Exstase
Die unmittelbaren Reaktionen untreuer Partner in den ersten Stunden nach der Enthüllung können sich im Laufe der ersten Wochen und Monate entweder wandeln oder verhärten. Eine Haltung der Verteidigung kann sich zu Offenheit wandeln und bestehen bleiben und sich zur Aggression entwickeln. Aus Zwiespältigkeit kann Klarheit entstehen oder aber chronische Verwirrung. Shirley P. Glass erklärt: „Wenn untreuen Partnern die Folgen der Situation in vollem Umfang bewusst werden, werden selbst diejenigen, die vorher geglaubt hatten, ihren wahren Seelengefährten gefunden zu haben, auf den harten Boden der Tatsachen zurückgeholt.“ Das ist in etwas so, als würde ein Schalter umgelegt, der alle Aufmerksamkeit und Energie wieder auf die Ehe zurückleitet. Dr. phil. Shirley P. Glass war niedergelassene Psychologin und Familientherapeutin. Sie starb im Jahr 2003 im Alter von 67 Jahren an einer Krebserkrankung.
Viele Menschen wollen Spaß bei ihrer Arbeit haben
Vieles von dem, was Menschen bei der Arbeit tun, tun sie auch außerhalb der Arbeit. Menschen lügen, um sich vor Dingen zu drücken, die sie nicht tun wollen. Sie betonen ihre guten Eigenschaften, um besser dazustehen. Sie sind gehässig gegenüber Kollegen, weiden sich am Unglück derer, die sich hassen. Zudem stehlen sie aus Eigennutz, missbrauchen Machtpositionen und betrügen, um vorwärtszukommen. Julia Shaw stellt fest: „Wir haben es hier einfach nur mit Menschen zu tun, die menschliche Dinge tun, und das zufällig bei der Arbeit. In vielerlei Hinsicht sind Unternehmen lediglich Mikrokosmen menschlicher Erfahrungen.“ Viele Menschen gehen nicht nur des Geldes wegen zur Arbeit. Sie wünschen sich normalerweise auch, dass ihre Arbeit erfüllend und sozial ist und dass sie ihnen Spaß macht. Julia Shaw forscht am University College London im Bereich der Rechtspsychologie, Erinnerung und Künstlicher Intelligenz.
Georg Milzner betrachtet Multitasking als innere Spaltung
Wenn ein Mensch mehrere Dinge gleichzeitig tut und keines davon richtig, betreibt er Multitasking. Der ursprünglich technische Begriff meint die Möglichkeit eines Betriebssystems, mehrere Arbeitsprozesse nebeneinander ablaufen zu lassen. Georg Milzner ergänzt: „In der Psychologie spricht man von Multitasking da, wo es um das parallele Erledigen zweier oder mehrerer Aufgaben geht. Dass wir das – zum Teil – können, wissen wir alle.“ Auf das, was hier geleistet werden muss, ist der Mensch evolutionär ganz gut vorbereitet. Jeder kann überdies eine Vielzahl peripherer Reize wahrnehmen, während er einer Tätigkeit nachgeht. Multitasking ist allerdings nicht einfach nur das parallele Tun hier und Wahrnehmen da. Von Multitasking spricht die Wissenschaft etwa erst seit zwei Jahrzehnten. Um die Jahrhundertwende galt es als eine ausgesprochene Kompetenz. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.
Im Traum arbeitet der Geist an wichtigen Zielen
Sogenannte Traumbotschaften haben noch immer etwas Geheimnisvolles an sich. Die moderne psychologische Forschung auf diesem Gebiet hat viel dem Motivationsexperten Eric Klinger zu verdanken. Bei wichtigen Zielen nehmen Menschen gerne mentale Auszeiten. Dies geschieht nicht nur im Zustand des Wachseins, sondern auch im Schlaf. Auch in der Nacht ist das Unbewusste offensichtlich hellwach. John Bargh erläutert: „Während wir träumen, arbeitet unser Geist also an unseren wichtigen Zielen und Anliegen. Dabei reagiert er sensibler als sonst auf eingehende Informationen, die für diese Ziele relevant sind.“ Eric Klinger und seine Kollegen gelangten zu folgendem Schluss. Die Priorität, die der Geist den wichtigen Zielen einräumt, besteht auch im Traum weiter, während man schläft. Prof. Dr. John Bargh ist Professor für Psychologie an der Yale University, wo er das Automaticity in Cognition, Motivation, and Evaluation (ACME) Laboratory leitet.
Jens Weidner beschreibt die Sozialisation eines Optimisten
Jens Weidner weiß: „In der Logik der Optimisten ist ihre Zufriedenheit berechtigt, denn Optimismus heißt, dass man an eine Verbesserung der Situation glaubt und etwas dafür tut.“ Die Sozialisation zum Optimismus – und nicht nur zu ihm – wird von Klaus Hurrelmann, einem der bedeutendsten deutschen Sozialisationsforscher, als Prozess definiert. Dieser beschreibt die Entstehung der Persönlichkeit, in wechselseitiger Abhängigkeit von und in kontinuierlicher Auseinandersetzung mit der sozialen und dinglich materiellen Umwelt einerseits und der biophysischen Struktur des Organismus andererseits. Das ist in der Wissenschaft die meistverwendete Definition der Entwicklung einer Persönlichkeit. All diese Punkte prägen die Menschen in ihrem optimistischen, aber auch pessimistischen Denken. In diesem Sozialisationsprozess entscheiden oft auch Kleinigkeiten, ob man gut durch sein Leben kommt oder auch nicht. Jens Weidner ist Professor für Erziehungswissenschaften und Kriminologie.
Matthias Horx stellt das Love Lab vor
Das produktivste Liebeslabor ist nur ein karger Raum in einem Büroblock in Seattle, Nordamerika. Es handelt sich dabei um das „Love Lab“ des Relationship Research Institute, in dem John Gottman und seine Frau Julie Schwartz-Gottman, die berühmtesten Paartherapeuten Amerikas, viele Jahre die psychologischen Gesetze von Liebe und Ehe studiert haben. Was wäre, wenn man eine verlässliche Voraussage über die Zukunft seiner Beziehung oder Ehe bekommen könnte? Alles, was dazu nötig ist, ist ein 15-münigiges Gespräch zwischen Mann und Frau im Love Lab. Die Themenauswahl soll sich entlang von Problem- oder Wunschbereichen des Paares bewegen. Matthias Horx erläutert: „Danach sich das Gottman-Team die Video- und Tonaufzeichnungen des Gesprächs auf einer Monitorwand an. Und analysiert Sekunde für Sekunde die emotionalen Übertragungsmuster.“ Matthias Horx ist der profilierteste Zukunftsdenker im deutschsprachigen Raum.
Überreizten Menschen entgeht das Wesentliche
Dass der Begriff „Achtsamkeit“ nicht nur in den Medien immer häufiger auftaucht, ist für Georg Milzner ein Grund, ihn unter diagnostischen Gesichtspunkten zu betrachten. Denn eine ruhende, aufmerksam dem Tag und den wichtigsten Menschen begegnende Lebensform würde keine Achtsamkeit benötigen. Sie hätte alles Wesentliche in sich selbst schon herangebildet. Aktuell herrscht aber eine Kultur, der das Informiertsein über alles geht. Infolge dieses Drangs nach Informationen entwickelt sie immer stärkeren Stress. Georg Milzner nimmt als Beispiel Menschen, die beständig überreizt sind und denen oft das Wesentliche entgeht. Dazu kommt eine Lebenswelt, in der Hektik der typische Begleiter allzu vieler Verrichtungen ist. In dieser haben allzu viele Menschen das Gefühl, niemals richtig dort zu sein, wo sie eben gerade sind. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.