„Hast du ein Glück“, bekommen Frischverliebte häufig zu hören. Susanne Zita ergänzt: „Mit viel Begeisterung, aber auch Neid in der Stimme. Denn nicht jeder landet einen solchen Glückstreffer.“ Manche wollen ihn einfach so gar nicht finden – den richtigen Partner. Und das, obwohl sie sich nichts sehnlicher als eine Beziehung wünschen. „Es gibt einen Amor, keine Frage! Aber er sitzt nicht mit Pfeil und Bogen auf einem Baum. Er sitzt in uns drinnen. Es ist vielmehr eine Kraft, die uns dazu bringt, uns zu verlieben“, ist Soziologe Univ.-Prof. Dr. Helmut Staubmann von der Uni Innsbruck überzeugt. Es müsse eine innere Bereitschaft da sein, einer Begegnung eine Chance zu geben. Oder wenn man so will, dem Glück ein wenig nachzuhelfen. Helmut Staubmann sieht es als „amorphen Fluss von Ereignissen“.
Liebe
Die Liebe gebiert die Welt
Alain Badiou schreibt: „Der Hauptfeind der Liebe, derjenige, den ich besiegen muss, ist nicht der andere, sondern das bin ich.“ Dabei handelt es sich um das „Ich“, das die Identität gegen den Unterschied will. Es will seine Welt gegen die Welt durchsetzen, die im Prisma des Unterschieds neu gefiltert und zusammengesetzt wird. Charles Pépin erklärt: „Wenn die Begegnung mit dir meinen Blick auf die Welt nicht verändert hat, ich derart an meinem Ich hänge, dass ich die Welt genauso sehe wie vorher, dann bin ich dir nicht wirklich begegnet.“ Eine Person hat mit einer anderen zusammengewohnt, vielleicht jahrelang, aber ohne die Erfahrung der Andersheit des Partners zu machen. Charles Pépin ist Schriftsteller und unterrichtet Philosophie. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
Die Liebe verwirklicht sich in der Dauer
Das Leben ist stärker als die Theorie. Charles Pépin erläutert: „Immer dann, wenn sich die Welt mir anders darbietet, weil ich sie mit deinen Augen entdecke, weiß ich, dass ich dir begegnet bin.“ Der Philosoph Alain Badiou schreibt über die Liebesbegegnung: „Die Liebe ist eine Konstruktion, ein Leben, das nicht mehr ausgehend vom Gesichtspunkt des Einen, sondern der Zwei geführt wird.“ Diese Konstruktion verwirklicht sich, wie alle Konstruktionen, in der Dauer. Es braucht Zeit, um den Anderen zu entdecken, um zu begreifen, aus welchem Blickwinkel er die Dinge sieht. „Wir werden den Anderen niemals bis in alle Winkel erkundet haben“, stellt Alain Badiou voller Heiterkeit in einem Interview fest. Charles Pépin ist Schriftsteller und unterrichtet Philosophie. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
Erotische Liebe entfaltet eine extreme Lust
Auffällig an Sigmund Freuds Psychoanalyse ist für Peter Trawny ein offenbar fehlendes Verständnis der Liebe diesseits oder jenseits des Eros als „Triebbefriedigung“. Gibt es eine Psychoanalyse der Liebe, die sich nicht in genitaler Sexualität verdichtet? Anders gesagt: Sigmund Freuds Kulturtheorie wirft die Frage auf, ob und inwiefern es sinnvoll ist, Liebe von genitaler Sexualität zu unterscheiden. Denn dass etwas wie Liebe von Sexualität unterschieden werden kann, mag möglich sein. Doch müsste sie dann auf die Sexualität zurückgeführt werden, als eine ihrer Sublimierungen? Sigmund Freud kommt im „Unbehagen in der Kultur“ auch auf die Nächstenliebe zu sprechen. Sie wird ausdrücklich zurückgewiesen: „Wenn ich einen anderen liebe, muss er es auf irgendeine Art verdienen.“ Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.
In der Liebe herrscht oft ziemliches Chaos
Für Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim was das „ganz normale Chaos der Liebe“ eine Quelle positiver Sozialität. Das heißt, eine Quelle der Improvisation und der produktiven Relationalität. Eva Illouz dagegen sieht das Chaos als eine Quelle negativer Sozialität, eine Neuordnung und Bildung der Handhabung von Beziehungen durch Ungewissheit. Vor dem Hintergrund dieser Diagnose muss man auch das persönliche Verständnis von Kultur überdenken. Eva Illouz stellt fest: „In der traditionellen Anthropologie und Soziologie formt die Kultur soziale Bindungen durch Rollen, Normen, Rituale und soziale Drehbücher. Mithin durch positive Gebote der Zugehörigkeit, Identifikation, regulären Durchführung oder sogar der Improvisation. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Außerdem ist sie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.
Datingseiten erleben einen wahren Boom
Jedes Jahr machen Millionen hoffnungsfrohe Kunden, junge wie alte, Gebrauch von Datingseiten oder mobilen Dating-Apps. Und der Trend zeigt steil nach oben. Trotz solcher Beliebtheit sind sich viele Nutzer nicht darüber im Klaren, dass ihre Auswahl eines potenziellen Liebespartners auf Algorithmen beruht. Eine der größten Datingseiten heißt Parship. Millionen Singles nehmen ihre Dienste in Anspruch, um sich auf die Suche nach wahrer Liebe und lange währendem Glück zu begeben. Gerd Gigerenzer ergänzt: „Wie ElitePartner, OKCupid und eine Vielzahl anderer ist Parship eine seriöse Agentur für Singles, die einen Partner fürs Leben suchen. Sie zieht Menschen an, die hoffen, dass sie eines Tages nicht mehr auf dem Singlemarkt mitmischen müssen.“ Gerd Gigerenzer ist ein weltweit renommierter Psychologe. Das Gottlieb Duttweiler Institut hat Gigerenzer als einen der hundert einflussreichsten Denker der Welt bezeichnet.
Die Sozialen Medien verändern die Liebe
Alles in allem entsprechen die Möglichkeiten der Sozialen Medien der Organisation des Liebeslebens für eine flexiblere Zeitplanung und damit der Steigerung der individuellen Möglichkeiten. Peter Trawny schränkt ein: „Die Wahrheit dieser Möglichkeiten liegt in dem, was das Soziale Medium dann nicht leisten kann: in der leibhaftigen Begegnung.“ In ihr werden sich die uralten Kräfte der Liebe melden und die Unabhängigkeit der gematchten Partner kollabieren lassen. Oder es wird diese Begegnung nicht mehr geben. Die Kultur der Kommunikation hat sich in den letzten zwanzig, dreißig Jahren auf eine Weise verändert, die auch das Beziehungsleben erreicht. Peter Trawny erinnert sich noch an die Zeit vor dem PC, an eine Zeit vor dem Internet und all jenen Apps, die heute die persönlichen Kontakte organisieren. Peter Trawny gründete 2012 das Martin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, das er seitdem leitet.
Liebe braucht keine Anhänglichkeit
Einen Menschen wahrhaftig zu lieben bedeutet, sein Glück zu wollen. Das ist für eine Paarbeziehung und eine Freundschaft notwendig. Frédéric Lenoir erklärt: „Wir freuen uns über das Glück unserer Angehörigen, selbst wenn sie eine andere Wahl als wir selbst treffen.“ Der libanesische Dichter Khalil Gibran drückt das perfekt in seinem Buch „Der Prophet“ aus. Er schreibt: „Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind Söhne und Töchter der Sehnsucht allen Lebens nach sich selbst.“ Deshalb fordern Weisheitslehren ihre Leser auf, zu lieben, ohne anhänglich zu sein. Dass man mit dem Herzen an seinen Angehörigen und Freunden hängt, ist jedoch völlig normal. Das Gegenteil wäre ja beunruhigend. Wenn man in einer Weisheitslehre von „Gleichgültigkeit“ spricht, ist damit eine Haltung gemeint, in der man den anderen nicht an sich reißt und ihn nicht als sein Eigentum betrachtet. Frédéric Lenoir ist Philosoph, Religionswissenschaftler, Soziologe und Schriftsteller.
Liebe und Rationalität prägen Beziehungen
Tinder verspricht eher einen One-Night-Stand als eine eigentliche Partnerschaft. Daher scheint die Dating-App sehr nahe am Realismus des flüchtigen Begehrens zu sein. Peter Trawny kritisiert: „Apps wie Parship oder, schlimmer noch, Eliteparter werben mit festen Bindungen.“ Eva Illouz spricht bei alledem von „Technologien der Wahl“. Sie weist zutreffend darauf hin, dass es falsch ist anzunehmen, eine auf „Liebe beruhende Partnerwahl“ bringe „einen Rückgang rationaler Kriterien in der Partnerwahl“ mit sich. Für Eva Illouz strukturieren zusammenwirkend Liebe und Rationalität moderne Beziehungen. Peter Trawny ist sich sicher, dass die Soziologin recht hat. Auch viel früher schon haben rationale Kriterien in der Partnerwahl eine Rolle gespielt. Peter Trawny gründete 2012 das Martin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, das er seitdem leitet.
Liebe ist manchmal eine Form der Fürsorge
Für einen Freund nimmt man Verluste in Kauf, stellt seine eigenen Interessen hinten an und bedauert diesen Schritt nicht. Der Philosoph Harry Frankfurt überträgt diesen Gedanken auf die Liebe, die in seinen Augen zu einer Form der Fürsorge wird. Martin Hartmann erläutert: „Der Liebende dient dem anderen und tut alles, um seinem Wohl förderlich zu sein.“ Das klingt nun doch nach einem Zweck der Liebe, aber Harry Frankfurt betont durchaus, dass dieser Zweck immer ein Selbstzweck ist. Dem anderen in liebevoller oder freundschaftlicher Weise zu dienen entfremdet einen Menschen nicht von dem eigenen Selbst, sondern erfüllt ihn vielmehr mit Zufriedenheit und Glück. Gleichzeitig spielt Harry Frankfurt die Rolle von Sexualität und Körperlichkeit herunter, was für Martin Hartmann ein Fehler zu sein scheint. Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern.