Häufig anzutreffen ist der Narzissmus bei leicht reizbaren, aggressiven jungen Männern, die meistens aus patriarchalischen Milieus kommen. Dort werden sie einerseits idealisiert, weil sie nicht dem abgewerteten weiblichen Geschlecht angehören, andererseits von dominanten Vätern erniedrigt oder gar geschlagen werden. Joachim Bauer weiß: „Der Narzissmus findet sich bei beiden Geschlechtern. Die Sucht, sich permanent mit Smartphones aufnehmen und über die Medien anderen zeigen zu müssen, um dafür Anerkennung zu erhalten, zeigt dies überdeutlich.“ Narzissten fügen sich und anderen meistens sehr viel Schaden zu, bevor sie den Weg zu einem Psychotherapeuten finden. Auslöser dafür, sich therapeutische Hilfe zu holen, sind meistens sogenannte narzisstische Krisen, die sich einstellen, wenn der Narzisst erkennt, dass er zwar von allen gefürchtet, aber von niemandem geliebt wird. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.
Abhängigkeit
Liebe braucht keine Anhänglichkeit
Einen Menschen wahrhaftig zu lieben bedeutet, sein Glück zu wollen. Das ist für eine Paarbeziehung und eine Freundschaft notwendig. Frédéric Lenoir erklärt: „Wir freuen uns über das Glück unserer Angehörigen, selbst wenn sie eine andere Wahl als wir selbst treffen.“ Der libanesische Dichter Khalil Gibran drückt das perfekt in seinem Buch „Der Prophet“ aus. Er schreibt: „Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind Söhne und Töchter der Sehnsucht allen Lebens nach sich selbst.“ Deshalb fordern Weisheitslehren ihre Leser auf, zu lieben, ohne anhänglich zu sein. Dass man mit dem Herzen an seinen Angehörigen und Freunden hängt, ist jedoch völlig normal. Das Gegenteil wäre ja beunruhigend. Wenn man in einer Weisheitslehre von „Gleichgültigkeit“ spricht, ist damit eine Haltung gemeint, in der man den anderen nicht an sich reißt und ihn nicht als sein Eigentum betrachtet. Frédéric Lenoir ist Philosoph, Religionswissenschaftler, Soziologe und Schriftsteller.