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In der Liebe herrscht oft ziemliches Chaos

Für Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim was das „ganz normale Chaos der Liebe“ eine Quelle positiver Sozialität. Das heißt, eine Quelle der Improvisation und der produktiven Relationalität. Eva Illouz dagegen sieht das Chaos als eine Quelle negativer Sozialität, eine Neuordnung und Bildung der Handhabung von Beziehungen durch Ungewissheit. Vor dem Hintergrund dieser Diagnose muss man auch das persönliche Verständnis von Kultur überdenken. Eva Illouz stellt fest: „In der traditionellen Anthropologie und Soziologie formt die Kultur soziale Bindungen durch Rollen, Normen, Rituale und soziale Drehbücher. Mithin durch positive Gebote der Zugehörigkeit, Identifikation, regulären Durchführung oder sogar der Improvisation. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Außerdem ist sie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.

Beziehungen sind von allgegenwärtigen Ungewissheiten geprägt

In negativen Beziehungen ringen die Akteure mit der Undefinierbarkeit und der Bedeutung ihrer eigenen Handlungen. Die Kultur der Gegenwart nimmt zunehmend die Form einer Ratgeber- oder Selbsthilfekultur an. Das geschieht gerade deshalb, weil in den Bereichen der Liebe, Elternschaft und Sexualität nur wenige kulturelle Schemata das Handeln auf bindende Weise anleiten und Männer und Frauen dazu nötigen, sich an akzeptierte Regeln und Normen zu halten. Die Selbsthilfekultur und die psychologische Beratung bringen Skripte für Relationalität in Umlauf.

Dabei gehen die Skripte allerdings nicht von einer Reihe geordneter und heiliger Symbole aus, sondern von der Sozialität, die von Ungewissheit beherrscht ist. Eva Illouz erläutert: „Die psychologische Selbststeuerung ist nichts anderes als der Umgang mit einer allgegenwärtigen Ungewissheit in zwischenmenschlichen Beziehungen, in denen sexuelle Freiheit und Lust, die beide der Grammatik des Marktes gehorchen, gegen psychische Gewissheit eingetauscht worden sind.“

Gelegenheitssex kann eine lustvolle Erfahrung sein

Der Gelegenheitssex ist zum Paradigma der negativen Sozialität geworden. Ging es in der „klassischen Wahl“ um die Auswahl und Einstufung, um den Ausschluss und die Vereinzelung eines Objekts, wird die sexuelle Nichtwahl entweder via Akkumulation, das heißt durch die Praxis des Hortens oder durch die Entsorgung eines Sexualobjekts nach seinem Genuss erreicht. Die Fülle und Austauschbarkeit der Partner sind die beiden Operationsmodi einer freien Sexualität, die von der Nichtwahl und der negativen Sexualität geleitet wird.

Eva Illouz weiß: „Für Sigmund Freud verdankt sich Lust einer Beherrschung der Stimuli, und Schmerz entbrennt, wenn das Ich ein äußeres Ereignis nicht beherrschen kann, wenn die Stimuli das Selbst mit Desorganisation bedrohen.“ Gelegenheitssex ist eine lustvolle Erfahrung, solange er beiden Seiten ein Gefühl der Beherrschung, Autonomie und Kontrolle gewährt. Oft aber bewirkt er bei mindestes einem Teil des interagierenden Paars das Gegenteil, nämlich die Erfahrung der Desorganisation des Selbst und der Ungewissheit. Quelle: „Warum Liebe endet“ von Eva Illouz

Von Hans Klumbies

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