Liebe ist manchmal eine Form der Fürsorge

Für einen Freund nimmt man Verluste in Kauf, stellt seine eigenen Interessen hinten an und bedauert diesen Schritt nicht. Der Philosoph Harry Frankfurt überträgt diesen Gedanken auf die Liebe, die in seinen Augen zu einer Form der Fürsorge wird. Martin Hartmann erläutert: „Der Liebende dient dem anderen und tut alles, um seinem Wohl förderlich zu sein.“ Das klingt nun doch nach einem Zweck der Liebe, aber Harry Frankfurt betont durchaus, dass dieser Zweck immer ein Selbstzweck ist. Dem anderen in liebevoller oder freundschaftlicher Weise zu dienen entfremdet einen Menschen nicht von dem eigenen Selbst, sondern erfüllt ihn vielmehr mit Zufriedenheit und Glück. Gleichzeitig spielt Harry Frankfurt die Rolle von Sexualität und Körperlichkeit herunter, was für Martin Hartmann ein Fehler zu sein scheint. Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern.

In der Erwachsenenliebe darf die Sexualität nicht fehlen

In seinem Bild, das stark getragen wird vom Modell der Liebe von Eltern zu ihren Kindern, erscheint Liebe als opferbereiter Selbstverlust, zu einem Dienst am anderen. Das mag tatsächlich auf die Eltern-Kind-Liebe zutreffen, die in manchen Punkten fast einen notwenigen Liebesverrat – der Kinder an den Eltern – in sich birgt. Aber es ist problematisch, wenn es um die Liebe zwischen Erwachsenen geht. Denkt man über diese Liebe nach, dürfen Sexualität und Intimität nicht fehlen.

Denn sie sind ein Teil dessen, was aus dem Vertrauen der Liebe ein besonderes Vertrauen macht. Auch bricht die Rücksicht auf die Sexualität die Tendenz der Philosophe, in Liebe und Freundschaft immer nur Selbstzwecke wirken zu sehen. Denn wie man es dreht und wendet: In der Sexualität geht es nicht nur um das Wohl des anderen, sie macht im besten Fall auch dem eigenen Selbst ein wenig Spaß. Das Gewicht des Selbst und seines Verlangens nach sexueller Zufriedenheit scheint Martin Hartmann hier einfach größer zu sein als bei manchen Freundschafts- oder Elterndiensten.

Vertrauen ist eine Form der akzeptierten Verletzlichkeit

Warum erwähnt Martin Hartmann diese Dinge? Weil zu den vielen Dimensionen, eben auch die körperliche und sexuelle Dimension gehören. Nirgendwo sind wir so verletzbar wie an diesem Punkt, nirgendwo schützt und die Vertrauenswürdigkeit des anderen so sehr wie hier. Dabei muss man nicht einmal nur an die Sexualität im engeren Sinne denken. Eine kluge Person hat Martin Hartmann einmal verraten, der eigentliche Vertrauensakt sei nicht, mit dem anderen zu schlafen, sondern neben ihm einzuschlafen.

Der Verrat des Vertrauens betrifft zumeist genau diese Dimension, sei es durch Fremdgehen und Betrug, durch Liebesentzug und Verlassen oder durch den gewaltsamen Missbrauch. Was zeichnet das Vertrauen in nahen Beziehungen aus? Martin Hartmann beschreibt Vertrauen als eine Form der akzeptierten Verletzlichkeit: „Wir wollen im Vertrauen nicht verletzt werden, aber wir tun nichts, um diese Verletzlichkeit zu vermeiden.“ So offenbart man in einer intakten Vertrauensbeziehung unter anderem seine Schwächen, Wünsche, Vorlieben und Neigungen. Quelle: „Vertrauen“ von Martin Hartmann

Von Hans Klumbies

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