Die Macht des Patriarchats ist groß

Eva Illouz stellt fest: „Die Existenz negativer Gefühle von Frauen beim Gelegenheitssex wurde oft zu einem Indiz für die immer noch mächtige Kultur der sexuellen Scham.“ Und sie erklären die Last der Doppelmoral, die insbesondere Frauen zu spüren bekommen, wohingegen Männer sich solchen sexuellen Abenteuern ohne symbolische Bestrafung hingeben können. Der Hauptverdienst dieser Interpretation besteht in der Erinnerung daran, dass die Macht des Patriarchats nach wie vor eine große Rolle spielt. Frauen und Männer unterliegen hier unterschiedlichen sexuellen Normen. Männer genießen dabei größere sexuelle Freiheiten, während die weibliche Sexualität von normativen und sexistischen Zwängen beengt ist. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Außerdem ist sie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.

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Die Resonanz bildet das Urmotiv der Liebe

Resonanz zu erhalten, ist die tiefste Sehnsucht des Menschen. Sie ist neurobiologisch verankert und bildet das Urmotiv für Liebe, Sexualität und Partnerschaft. Joachim Bauer nennt Beispiele: „Nirgendwo zeigt sich die Resonanz derart intensiv wie in Momenten des Flirts, in Phasen frischer Verliebtheit oder dort, wo zwei Menschen in einer gereiften, glücklichen und oft auch sexuell erfüllten Partnerschaft angekommen sind.“ Schwierig wird es oft dazwischen, in der Phase, wenn die Verliebtheit abgeklungen ist, aber noch keine Vertrautheit und Liebe entstanden ist. Was die beteiligten Partner am Beginn einer Liebesbeziehung wechselseitig bespielen, ist das System der Spiegelnervenzellen. Das Resonanzgeschehen beginnt meist nonverbal, statt Worten kommen zunächst vor allem körpersprachliche Zeichen zum Einsatz: Blicke, Mimik und Körperposen. Joachim Bauer ist Arzt, Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Bestsellerautor von Sachbüchern.

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Das moderne Selbst will sich frei entfalten

Das spätmoderne Subjekt spricht sich selbst einen Wert als Individuum zu. Vor diesem Hintergrund steht die Legitimität der freien Entfaltung dieses Selbst überhaupt nicht in Frage. Sie scheint sozusagen natürlich zu sein. Andreas Reckwitz weiß: „Gesellschaftlich realisieren lässt sich das sich selbst verwirklichende Subjekt prinzipiell auf zwei Wegen.“ Der eine wurde von der Counter Culture der 1970er Jahre gegangen, wohingegen der andere mit der neuen Mittelklasse dominant wird. Die weltabgewandte Selbstverwirklichung der Gegenkulturen bewegte sich in subkulturellen Nischen. Es war gegen das System der Mehrheitsgesellschaft und deren entfremdete, spießige Praktiken gerichtet. Zugleich wurde das Selbst hier als ein Gegenstand extensiver Selbstexploration verstanden, in deren Verlauf die wahren, authentischen Wünsche zu entdecken waren. Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt / Oder.

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Zwangsstörungen führen zu Kontrollverlust

Händewaschen kann die Angst vor Infektionen oder Schmutz beruhigen und spielt aktuell gerade in Zeiten von Corona eine wichtige Rolle bei prophylaktischen Hygienemaßnahmen. Wenn die Angst vor einer möglichen Infektion jedoch bald wieder da ist muss man erneut die Hände waschen. Heinz-Peter Stöhr stellt fest: „Ständiges Händewaschen führt zu einer Zwangsstörung mit typischen Kontrollverlusten. Patienten mit Waschzwang müssen ihre Hände täglich viele Male waschen.“ Emotional stabile Menschen nehmen sinnvolle Maßnahmen zum Schutz vor Infektionen in Anspruch, etwa Händewaschen. Emotional instabile Menschen entwickeln dagegen leicht übertriebene Ängste, zum Beispiel vor Infektionen. Das häufige Händewaschen ist jedoch das falsche Beruhigungsmittel. Perfektionismus fördert letztlich die Ängste, da man nie gut genug ist und es keine absolute Sicherheit geben kann. Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.

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Die Gefolgschaft der Kränkung ist zahlreich

Die Gefolgschaft der Kränkung bildet eine Reihe von abwertenden, ausgrenzenden und entwürdigenden sozialen Interaktionen, denen alle Kränkungselemente eigen sind. Reinhard Haller nennt Beispiele: „Dazu gehören Diffamierung und Diskreditierung, Verleumdung und üble Nachrede, besonders aber die Diskriminierung.“ Letztere bedeutet soziale Benachteiligung aufgrund von Faktoren wie ethnische Zugehörigkeit, Geschlecht, Alter, Behinderung, religiöses Bekenntnis oder sexuelle Präferenz. Heute versucht man, diesen mit gesetzlichen Regelungen zur Gleichbehandlung, Gleichberechtigung und Gleichstellung entgegenzutreten. Aktuell erlebt man sie neben den scheinbar zeitlosen systematischen Diskriminierungen auf allen Ebenen des sozialen Bereichs in erster Linie im Umgang mit Kriegsflüchtlingen, Asylanten und Migranten. Andere Formen der Kränkung von großer individueller oder gesellschaftlicher Bedeutung sind Beleidigungen, Beschämung und im weiteren Sinn auch die Eifersucht. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

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Der Arbeiter wird manipuliert

Herbert Marcuse stellte eine Verbindung zwischen freudscher Verdrängung und dem marxistischen Entfremdungsbegriff her. Der Arbeiter wird dergestalt manipuliert, dass die Einschränkungen seiner Libido als vernünftige Gesetze erscheinen, die dann internalisiert werden. Stuart Jeffries erklärt: „Das Unnatürliche – dass es unsere vorherbestimmte Funktion sein soll, Waren und Gewinn für den Kapitalisten zu produzieren – wird für uns natürlich, zur zweiten Natur. Das Individuum definiert sich also in Übereinstimmung mit dem Apparat.“ Herbert Marcuse schrieb im Amerika der 1950er Jahre, zu einer Zeit, da, wie er annahm, Werbung, Verbrauchermentalität, Massenkultur und Ideologie die Amerikaner in eine friedliche Unterwerfung unter das Gesellschaftssystem der bürgerlichen Welt einbänden. Die amerikanischen Konsumenten wünschten sich Dinge, die sie eigentlich nicht brauchten. Stuart Jeffries arbeitete zwanzig Jahre für den „Guardian“, die „Financial Times“ und „Psychologies“.

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Vertrauen setzt Vertrauenswürdigkeit voraus

Vertrauen entsteht nicht, weil es wichtig ist. Mit anderen Worten, nur weil man es braucht oder weil es fehlt, tritt es nicht in Erscheinung. Man schenkt Vertrauen auch nicht, weil es wichtig ist. Martin Hartmann erklärt: „Wir schenken Vertrauen, wenn jemand vertrauenswürdig ist. Gleiches gilt für die Liebe. Liebe ist wichtig, aber wir lieben nicht, weil es wichtig ist, sondern weil wir jemanden für der Liebe würdig erachten oder weil wir uns Hals über Kopf verlieben.“ Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit schaffen sich nicht von selbst, wenn sie benötigt werden. So freundlich sind sie nicht. Man muss sie schon selbst durch seine Praktiken ins Leben rufen. Einstellungen des Vertrauens sind immer eingebettet in ein System anderer Werte und Einstellungen. Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern.

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Keine Software kann die Eltern ersetzen

Wie einfach es ist, seinem Kind Gutes zu tun, bringt Andrew Meltzoff von der Universität Washington auf den Punkt: „Eltern haben alles was nötig ist, um Kinder zur Entdeckung ihrer sozialen Umwelt anzuregen: Gesichter und Mimik, eine Stimme, Hände, Körperwärme. Keine Software, kein elektronisches Spielzeug kann das ersetzen.“ Mihaly Csíkszentmihályi hat empirisch nachgewiesen, dass das familiäre Umfeld einen wesentlichen Einfluss darauf hat, ob sich das Talent eines Kindes entfalten kann. Andreas Salcher betont: „Entbehrungen, Konflikte und Ablehnung des Kindes durch die Eltern sind die ganz großen Feinde des talentierten Kindes.“ Eine harmonische Familie dagegen, die das talentierte Kind unterstützt, aber auch im richtigen Ausmaß fordert, erhöht maßgeblich die Chance dafür, dass sich dieses auf die Ausübung seines Talents konzentrieren kann. Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Autor von Bestsellern und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.

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Die Rache ist nicht nur ein Gefühl

Bei keinem anderen Gefühl ist das Zusammenspiel von emotionalen und rationalen Elementen so komplex wie bei der Rache. Reinhard Haller weiß: „Sie ist nicht nur ein Gefühl, sondern auch ein Gedankengebilde und ein kognitiver Prozess. Sie erfasst sowohl das Gemüt als auch den Verstand.“ Die Liebe zum Beispiel folgt keinen logischen Gesetzen, kann nicht erdacht und gedanklich kaum gesteuert werden. Sie überwältigt den Menschen in seiner Gesamtheit, und sie macht ihn gleichsam blind. Und erst recht das Glück, diese einzigartige Erfüllung menschlichen Wünschens und Strebens, das man allen Definitionen zum Trotz nicht kognitiv erfassen und mit unzähligen Glücksanleitungen nicht lernen können, weil es sich letztlich um reine Emotionalität handelt. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

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Alle wollen das Vertrauen der anderen

Alle wollen Vertrauen. Die Banken wollen es. Die Politik will es. Auch die Kirchen wollen es. Ebenso will es die Wissenschaft, die Technik, die Ärzte, das Internet, die Liebe, das Recht, die Unternehmen und die Polizei. In der Schweiz vertraut man der Polizei und der Feuerwehr auch. Die Europäische Union hingegen hat wenig Vertrauen, weder in der Schweiz noch sonst wo. Martin Hartmann ergänzt: „Das Bundesverfassungsgericht in Deutschland hat es. Migrantinnen und Migranten haben es oft nicht. Medien, Systeme, Institutionen wollen es. Sprache und Wissen brauchen es.“ Wenn jemand etwas weiß, aber niemand denjenigen für glaubwürdig hält, hat er ein Problem. Notare wollen Vertrauen. Das Geld will Vertrauen. Manager wollen Vertrauen und sogar Donald Trump will es. Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern.

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