Das Gewissen ist ein Produkt der Erziehung

Der australische Philosoph Peter Singer zweifelt daran, dass das Gewissen immer eine Richtschnur sein kann: „Der Satz, wir sollten unserem Gewissen folgen, ist nicht zu bestreiten. Aber er ist auch nicht hilfreich, wenn dem Gewissen folgen heißt, das zu tun, was man nach reiflicher Überlegung für richtig hält.“ Dem eigenen Gewissen folgen, heißt dann allerdings auch, seiner Verantwortlichkeit als rational Handelnder abzuschwören. Für Klaus-Peter Hufer folgt daraus, die Berücksichtigung aller relevanter Faktoren zu vernachlässigen. Und somit nicht gemäß der besten Beurteilung des in der Situation Richtigen oder Falschen zu handeln. Die „innere Stimme“ ist laut Peter Singer wahrscheinlich eher ein Produkt von Erziehung und Ausbildung. Wahrscheinlich ist sie keine Quelle genuiner moralischer Einsicht. Klaus-Peter Hufer promovierte 1984 in Politikwissenschaften, 2001 folgte die Habilitation in Erziehungswissenschaften. Danach lehrte er als außerplanmäßiger Professor an der Uni Duisburg-Essen.

Das Gewissen ist sehr persönlicher Natur

Hier stellt sich für Klaus-Peter Hufer die Frage, inwieweit Rationalität die Gewähr für „richtiges“ Handeln ist. Rationalität allein kann auch zu bloßer Funktionalität und damit zu dem führen, was nur „nützlich“ ist. Das muss aber nicht immer „gut“ sein. Bertrand Russell misst dem Gewissen subjektive Gründe bei, die zwar von außen festgelegt werden, aber von sehr persönlicher Natur sind: „Das Gewissen kann man wohl definieren als Lob und Tadel, die man sich bei der Erwägung einer Handlung selbst erteilt.“

Bertrand Russell fährt fort: „Bei den meisten Leuten sind es nur Reflexe des Lobes und Tadelsihrer jeweiligen Gemeinschaft. Bei manchen aber haben sie infolge emotionaler oder geistiger Besonderheiten eine persönliche Färbung.“ Einen anderen Vorschlag, was das Gewissen ausmacht, findet man bei dem Psychoanalytiker und Sozialpsychologen Erich Fromm (1900 – 1980). Für ihn gibt es nicht ein Gewissen, sondern gleich zwei. Das erste ist das autoritäre Gewissen: „Die Inhalte des autoritären Gewissens werden aus Geboten und Tabus der Autorität abgeleitet.“

Das humanistische Gewissen ist die eigene Stimme

Die Stärke des autoritären Gewissens wurzelt laut Erich Fromm in Angstgefühlen vor der Autorität und in Bewunderung für sie. Ein gutes Gewissen ist das Bewusstsein, der Autorität zu gefallen, ein schlechtes Gewissen, ihr zu missfallen. Das gute Gewissen ruft ein Gefühl des Wohlbehagens und der Sicherheit hervor. Denn es bedeutet die Zustimmung seitens der Autorität und eine nähere Verbindung zu ihr. Das schlechte Gewissen ruft Furcht und Verunsicherung hervor, weil ein Handeln gegen den Willen der Autorität die Gefahr einschließt, bestraft oder von der Autorität verlassen zu werden.

Das zweite ist das humanistische Gewissen: „Das humanistische Gewissen ist nicht die nach innen verlegte Stimme einer Autorität, der wir gefallen wollen und der zu missfallen wir fürchten. Es ist die eigene Stimme, die in jedem Menschen gegenwärtig ist und die von keinen äußeren Strafen und Belohnungen abhängt.“ Das humanistische Gewissen ist die Reaktion der Gesamtpersönlichkeit auf deren richtiges oder gestörtes Funktionieren. Gewissen ist für Erich Fromm die Reaktion des eigenen Selbst auf sich selbst. Quelle: „Zivilcourage“ von Klaus-Peter Hufer

Von Hans Klumbies

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