Gelegenheitssex ist nichts Neues

An sich ist Gelegenheitssex historisch nichts Neues. Heutzutage verdankte er sich der politischen und moralischen Forderung nach der Befreiung der Sexualität von religiösen Tabus und ökonomischen Austausch. Eva Illouz erläutert: „Er war zumindest dem Grundsatz nach geschlechtsneutral. Und er verband sich mit umfassenderen Praktiken der Selbstbestätigung, Authentizität und Autonomie.“ Gelegenheitssex fand in modernen räumlichen Umgebungen statt, in Städten oder auf Universitätsgeländen. Er ermöglichte es Männern und Frauen unterschiedlicher geographischer, ethnischer und sozialer Herkunft miteinander in Kontakt zu kommen. Das geschah fern der formalen oder informellen sozialen Kontrolle durch die eigene Primär- oder Sekundärgruppe. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Außerdem ist sie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.

Gelegenheitssex drückt individuelle Freiheit aus

In diesem Sinne war Gelegenheitssex ein prägnanter Ausdruck der demokratischen Aufhebung gesellschaftlicher, ethnischer und religiöser Grenzen. Eva Illouz ergänzt: „Gelegenheitssex brachte somit neue moralische Normen mit sich und machte gleichzeitig ausgiebigen Gebrauch von der kommerzialisierten Sphäre der Freizeit.“ Beide Aspekte verschmolzen zu einer einzigen Matrix. Gelegenheitssex war nun ein Ausdruck von individueller Freiheit. Als ultimativen Ausweis der Freiheit brachte Erica Jong Gelegenheitssex mit ihrer Formel vom „Spontanfick“ auf den Punkt.

Erica Jong verstand darunter eine schuld- und schamfreie sexuelle Interaktion, die kein über ihre Erlebnishaftigkeit hinausweisendes Motiv hat. Jenseits der unmittelbaren sexuellen Interaktion verfolgt sie kein Ziel. Der Gelegenheitssex blieb freilich kein statisches Gebilde, sondern entfaltete sich zu einer eigenen sozialen Form. Sie ist unter verschiedenen Bezeichnungen wie „Abschleppen“, „Freundschaft Plus“ oder „Fickbeziehung“ bekannt. Im Französischen spricht man in diesem Zusammenhang von einem „plan cul“, was wörtlich vielleicht mit „Pussy-Date“ zu übersetzen wäre.

Das Internet hat den Sex in eine Ware verwandelt

Der Ausdruck „Pussy-Date“ deutet auf eine offensichtlich männliche Prägung des Gelegenheitssexes hin. Wie der Sexualhistoriker Barry Reay sagt, ist Gelegenheitssex „flüchtig, kurzlebig und steht außerhalb des Kontexts einer langfristigen sexuellen Beziehung oder ergänzt diese.“ Eva Illouz fügt hinzu: „Weil Gelegenheitssex kurzlebig und zeitlich relativ gut strukturiert ist, kann er leicht Warencharakter annehmen. Er ist potenziell für die hohe Umschlagsgeschwindigkeit des Konsums von Konsumschauplätzen, Abenteuern und Erlebnissen bestens geeignet.“

Unübersehbar wurde die Wahlverwandtschaft zwischen Gelegenheitssex und Konsum durch die Internettechnologie. Mit dieser beschleunigte sich die Organisation sexueller Begegnungen als ein Markt, in dem Menschen entsprechend der Zuschreibung von Wert zusammenkommen. Die sexuelle Begegnung wurde dadurch in eine Ware verwandelt, die man erwerben und auch wieder loswerden kann. Dies geht besonders drastisch aus dem breiten Spektrum von Internet-Sexportalen und Dating-Apps wie Tinder hervor. Quelle: „Warum Liebe endet“ von Eva Illouz

Von Hans Klumbies

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