Irgendwo, tief verwurzelt in den ältesten und innersten Regionen des Gehirns, schlummern die fundamentalen Antriebe der Natur. Helga Kernstock-Redl vermutet: „Es sind wohl Selbsterhaltung und Arterhaltung. Doch diese beiden reichen nicht, um uns selbst und die Funktion von Schuldgefühlen gut zu verstehen.“ Das menschliche Gehirn mag offene Geschichten nicht. Die Wahrnehmungspsychologie nennt diese Dynamik die Suche nach der „guten Gestalt“. Gute Gestalten sind in sich schlüssig. Man kennt sich aus, sie sind „fertig“. Ein weiteres Nachdenken ist nicht notwendig. Logische Brüche und offene Enden zum Beispiel in Filmen und Büchern irritieren. Das kann natürlich manchmal sogar beabsichtigt sein, damit man sie eben nicht so leicht aus dem Kopf kriegen kann. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Hans Klumbies
Autonomie ist nicht gerade bequem
Pflichterfüllung und Gehorsamsbereitschaft führen zu Anpassung, zu Unterordnung und Einordnung, zum Mitläufertum, zum Mitschwimmen im Strom der Mehrheit und zum Wegschauen. Klaus-Peter Hufer betont: „Zweifel, Urteilsfähigkeit, eine eigene Meinung und kritische Reflexion sind da nicht erwünscht – im Gegenteil, sie stören den reibungslosen Ablauf.“ Doch wer Zivilcourage zeigt, muss eine eigene Meinung und den Mut zum Widerspruch haben. Gut beschrieben wird dieses Verhaltensmuster bzw. Persönlichkeitsmerkmal mit dem Begriff „Autonomie“. Von der Wortbedeutung her meint Autonomie Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Willensfreiheit. Damit befindet man sich ganz in der Nähe der Idee der Aufklärung, deren berühmteste Definition von Immanuel Kant stammt. Klaus-Peter Hufer promovierte 1984 in Politikwissenschaften, 2001 folgte die Habilitation in Erziehungswissenschaften. Danach lehrte er als außerplanmäßiger Professor an der Uni Duisburg-Essen.
Routinen sind Gift für die Liebe
Wenn sich ein verliebter Partner mit einem Gegenüber abmüht, das sich nicht entflammen lässt, endet die Liebe im Burn-out. Psyche und Gehirn des Menschen raffen sich nur dann zu besonderen Leistungen auf, wenn sich neue, unbekannte Aufgaben stellen und es dabei etwas Besonderes zu gewinnen gibt. Joachim Bauer weiß: „In der Frühphase einer Bekanntschaft schnellt man hoch und eilt zur Tür, wenn der Partner von der Arbeit kommt. Der oder die nach Hause Gekommene wird gebeten, vom Tag zu erzählen, um ihm oder ihr dazu möglichst viel zurückzuspiegeln.“ Betritt einer der Partner einige Monate später die Wohnung, erfolgt der Gruß oft nur noch von der Couch, schließlich laufen im Fernsehen gerade die Nachrichten. Joachim Bauer ist Arzt, Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Bestsellerautor von Sachbüchern.
Lernvorgänge können automatisch ablaufen
Konditionierung ist der Fachbegriff dafür, dass das Gehirn lernt, wie auf Knopfdruck bestimmte Reaktionen zu zeigen. Das berühmteste Beispiel war der Pawlow`sche Hund. Dem russischen Verhaltensforscher Iwan Pawlow war es gelungen, zu beweisen, dass ein bestimmter Reiz, in dem Fall ein Glockenton, zu Speichelfluss bei einem Hund führte, da dieser Ton immer in Verbindung mit der Futterausgabe erfolgte. Der Glockenton löste schon nach kurzer Zeit den Speichelfluss auch dann aus, wenn noch kein Futter angeboten wurde. Heinz-Peter Röhr erklärt: „Das war der Beweis, dass das Gehirn auf bestimmte Reize reagiert, weil es sich erinnert.“ Unter Konditionierung ist deshalb ein Lernvorgang zu verstehen, der automatisch abläuft, wenn bestimmte Reize eintreten. Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.
Bei Traurigkeit ist man erledigt
Die Wissenschaft weiß auch heute noch nicht, wie die menschlichen Gefühle genau funktionieren. Weil man ihre Ursachen nicht erforscht, kann man ihre Wirkung nicht verstehen. Isabella Guanzini stellt fest: „So leben wir in der Verworrenheit eines Lebens, das wir dem Zufall überlassen.“ Viele Menschen folgen inadäquaten Ideen und werden so allzu leicht melancholisch und traurig.“ Baruch de Spinoza sagt dazu etwas sehr einfaches. Nämlich, dass Traurigkeit nicht intelligent macht: „Bei Traurigkeit ist man erledigt. Darum brauchen Machthaber traurige Untertanen. Angst hat noch nie zu Kultur, Intelligenz oder Lebendigkeit beigetragen.“ Die Menschen sollten also jenen Ereignissen mehr Raum geben, die zusammenführen statt zu zersetzen. Es gilt, fröhliche Übereinstimmung zu fördern. Isabella Guanzini ist Professorin für Fundamentaltheologie an der Universität Graz.
Liebe und Freundschaft verlangen Vertrauen
Martin Hartmann erwähnt, dass Vertrauen durchaus scharfe Grenzen um sich herum aufbauen kann, um dann einen als bedrohlich empfundenen Außen misstrauisch zu begegnen. Wer nur denen vertraut, die ähnlich sind wie man selbst, wird in mancher Hinsicht nicht schlecht fahren. Es wäre für Martin Hartmann vermessen, diese Orientierung am Ähnlichen moralisch verwerflich zu finden. Wieder gilt, wie gut oder schlecht Gründe des Vertrauens sind, zeigt sich erst im Vertrauen selbst. Es gewinnt oder verliert seine Moral im Akt des Vertrauens selbst. Es ist sinnvoll, von den rein begrifflichen Überlegungen einige Beziehungsmuster zu erwähnen, die häufig den eigentlichen Ort des Vertrauens markieren. Dazu zählt Martin Hartmann die Liebe, die Freundschaft oder die persönliche Nähe. Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern.
Die Sprache erlebt eine enorme Müdigkeit
Eine Sprache muss fähig sein, den Seelenregungen in all ihren Facetten zwischen Hochgefühlen und Niedergeschlagenheit Raum zu geben. So können sie eine persönliche Form annehmen, bis allmählich eine Geschichte daraus wird. Doch auch die Sprache erlebt zwischenzeitlich eine außerordentliche Müdigkeit. Sie setzt ihre Hoffnungen auf neue Ausdrucksformen und kreativer Kommunikation, die Verbindung zwischen Menschen schafft, statt zu zersetzen. Isabella Guanzini erklärt: „Heute fehlen uns noch die Worte für eine gemeinsame Welt, denn es fehlt ein Wortschatz, der der Macht der Gefühle gewachsen ist.“ Ohne geeignete Form zerstreut sich die Kraft oder degeneriert zu Gewalt. Wenn sie keine Sprache findet, löst sie sich melancholisch im Enthusiasmus eines Moments auf oder in einer schockierenden Tat. Isabella Guanzini ist Professorin für Fundamentaltheologie an der Universität Graz.
Das Gehirn bleibt zeitlebens lernfähig
Kein anderes Lebewesen verändert seinen eigenen Lebensraum und seine eigenen Lebensbedingungen do grundlegend, so nachhaltig und auch inzwischen so rasch wie der Mensch. Gerald Hüther fügt hinzu: „Unsere Spezies ist daher die einzige, die nur überleben kann, indem sich ihre Mitglieder selbst ständig weiterentwickeln.“ Und Menschen können sich nicht als Einzelkämpfer weiterentwickeln. Also die in ihnen angelegten Potenziale entfalten und nicht nur ständig neue Technologien und Überlebensstrategien erfinden. Das gelingt nur gemeinsam. Wenn die Menschheit also auf diesem Planeten überleben will, muss sie lernen, das Zusammenleben konstruktiver als bisher zu gestalten. Die Devise muss lauten: miteinander statt gegeneinander, verbindend statt trennend, achtsam statt rücksichtslos. Gerald Hüther weiß: „Dass unser Gehirn nicht durch genetische Anlagen programmiert wird, sondern zeitlebens umbaufähig, also lernfähig bleibt, ist eine atemberaubende Erkenntnis.“ Gerald Hüther ist Neurobiologe und Verfasser zahlreicher Sachbücher und Fachpublikationen.
Die Rache begleitet ein innerer Konflikt
Viele Menschen jagen ständig positiven Gefühlen hinterher und bekommen von ihnen doch nicht genug. Reinhard Haller ergänzt: „Von Wertschätzung und Anerkennung lässt man sich tragen, und von positiver Resonanz werden wir nie satt.“ Auf der anderen Seite will man der drückenden Depression entfliehen und sich von Kränkungen oder Ängsten mit allen Mitteln lösen. Der Rache hingegen begegnen die meisten Menschen mit großer Ambivalenz. Sie treibt den Rächer in einen Zwiespalt. Auf der einen Seite steht das Versprechen von anhaltender Genugtuung und unmittelbarer Befriedigung. Auf der anderen Seite gibt es das schlechte Gewissen. Für Rachegedanken muss man sich vor dem eigenen Gewissen geradezu rechtfertigen. Denn sie behalten ja immer destruktive Strebungen, zielen auf die Schädigung eines Mitmenschen ab und sind ein Zeugnis für das in einem schlummernde Böse. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.
Der Mensch ist ein vernunftbegabtes Wesen
Der Mensch ist nicht nur lösungsbegabt, sondern auch an sich vernunftbegabt mit den höchsten kognitiven Fähigkeiten auf dem Planeten Erde. Markus Hengstschläger schränkt ein: „Auch wenn seine enormen Potenziale, logisch zu denken und rational zu reflektieren, den Homo sapiens geradezu auszeichnen, so ist andererseits auch klar, dass gerade sein immer wieder vollkommen irrationales Verhalten viele der Probleme der Menschheit, die es zu lösen gilt, erst verursacht hat.“ Wenn genügend Information zu einem Sachverhalt vorliegt, kann eine detaillierte, komplexe Analyse erfolgen. Das macht dann besonderen Sinn, wenn man etwa die Vergangenheit erklären will oder wenn die Zukunft mehr oder weniger vollständig vorhersehbar ist. In diesem Fall ist es nicht nur wünschenswert, sondern eigentlich auch einzumahnen, reflektierend und rational an die Sache heranzugehen. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUniWien.