Selbstverwirklichung ist verbreitetes Ziel

Der Lebensstil des spätmodernen Subjekts in der neuen Mittelklasse ist vom Ideal der Selbstverwirklichung in möglichst allen seinen alltäglichen Praktiken geprägt. Andreas Reckwitz weiß: „Dabei geht es jedoch nicht um eine Selbstverwirklichung, die sich in Opposition zur modernen Welt vollzieht. Sie soll vielmehr sozial erfolgreich und anerkannt in dieser Welt stattfinden.“ Der Lebensstil folgt damit dem widersprüchlichen Muster der „erfolgreichen Selbstverwirklichung“. Das klassische Subjekt des Bürgertums, das auf sozialen Status und Erfolg aus war, musste dagegen häufig seine eigentlichen Wünsche zugunsten von Pflichten und Konventionen hintanstellen. Das romantische Subjekt probierte sich zwar experimentell aus, jedoch geschah das um den Preis eines Lebens am Rand der Gesellschaft. Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt / Oder.

Die Vorstellung eines Selbst ist eine Erfindung der Romantik

Das spätmoderne Subjekt will beides: sich selbst entfalten und sozial anerkannt und erfolgreich sein. Selbstverwirklichung ist zu einem vieldeutigen Begriff geworden, der alltagsweltlich inflationär verwendet wird. Andreas Reckwitz möchte daher zunächst daran erinnern, dass die Vorstellung eines Selbst eine ungewöhnliche semantische Erfindung der Romantik und des Sturm und Drang war. Dieses Selbst strebt legitimerweise danach, seine ganz eigenen, vorgeblich innersten, in jedem Fall aber besonderen Wünsche und Gedanken in die Tat umzusetzen.

Wissenschaftlich erforscht wurde diese Vorstellung in der Psychologie der Selbstverwirklichung und des Selbstwachstums in den 1950er und 1960er Jahren. Dieser zufolge lassen sich zwei diametral entgegengesetzte Selbst- und Weltverhältnisse unterscheiden. Einerseits ein zweckrationales und normatives Verhältnis. Bei diesem geht es in erster Linie darum, Zwecke zu verfolgen, um primäre Bedürfnisse oder materielle Interessen zu befriedigen. Oder den von außen herangetragenen Normen der Gesellschaft zu entsprechen.

Das Selbst strebt nach „Gipfelerfahrungen“

Andererseits ein Weltverhältnis der Selbstverwirklichung, das danach strebt, etwas um seiner selbst willen zu erleben und erfahren – schöpferische Arbeit, Liebe, Religion, Natur, Kunst und vieles mehr. Das sich selbst verwirklichende Subjekt will nicht „haben“ oder „scheinen“, sondern in seinen Praktiken und im jeweiligen Moment „sein“ und idealerweise dabei „Gipfelerfahrungen“ erleben. In der Tat haben die Ideen der Psychologie der Selbstverwirklichung maßgeblich zur Herausbildung der spätmodernen Subjektstruktur beigetragen.

Andreas Reckwitz drückt dies zugespitzt aus: „Der Gedanke der Selbstverwirklichung ist das „gesunkene Kulturgut“ der Kultur der Spätmoderne und ihrer neuen Mittelklasse nach 1968. Das Subjekt setzt sich hier als befähigt und berechtigt zur Selbstverwirklichung voraus.“ Es sieht sich als Ort von Potenzialen und nimmt für sich gewissermaßen ein moralisches Recht in Anspruch, sich so zu entfalten, wie es ihm in seiner Besonderheit entspricht. Mit diesem Bewusstsein der Berechtigung ist ein entsprechend hohes Selbstwertgefühl verbunden. Quelle: „Die Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz

Von Hans Klumbies

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