In der Liebe herrscht wunderbare Intimität

Es gibt in jeder Liebe den Moment, in dem die Grenze zum Körper des Anderen überschritten wird. Dann beginnt eine einzigartige Intimität, eine Nähe, in der die Liebenden beinahe ganz angekommen sind. Peter Trawny erläutert: „Diese Nähe, ihre Erfahrung, ruft etwas hervor, das zuerst und zuletzt unsagbar bleibt. Wer darauf achtet, wird merken, dass es mehr ist als ein bloßes Gefühl.“ Zunächst wird die Berührung offenbar. Man wendet sich dem Körper der Geliebten zu und streichelt ihn. Nun verändert sich die gemeinsame Situation. Mit dem Streicheln ist der Geliebte nicht mehr der Körper, der er vorher war. Er wird Fleisch, ein Körper, der begehrt und dieses Begehren zeigt. Peter Trawny gründete 2012 das Martin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, das er seitdem leitet.

Die Sexualität ist weder Wissen noch Können

Zugleich aber wird man selbst Fleisch, denn mit dem Streicheln verändert sich auch der eigene Körper. Die Fleischwerdung ist doppelt, weil es das eigene Fleisch und das der Geliebten ist. Und sie ist wechselseitig, weil man den anderen Fleisch werden lasse, indem er es einen selbst werden lässt. Das alles geschieht, wenn die Berührung zum Genuss wird, zum ohne Zweifel größten Genuss, der einem Menschen möglich ist. Die Nähe in der Intimität des orgiastischen Berührens bleibt ein einzigartiges Versprechen.

Die intime Berührung im Beischlaf ist für Peter Trawny die totale Entblößung, Nacktheit und damit Schutzlosigkeit. In dieser gegenseitigen Aussetzung spielt es keine Rolle mehr, was jemand weiß oder kann. Emmanuel Levinas schreibt: „Die Sexualität ist uns weder Wissen noch Können.“ Man lässt demnach all das zurück, was einen als Individuum vom Anderen trennt. Auch die persönliche Macht, sei sie politisch oder ökonomisch oder durch beides charakterisiert, verschwindet.

Die Ekstase rührt ans Heilige

In dieser Ausgeliefertheit verlässt der Mensch seine Ordnung. Die Blöße setzt ihn frei über die nur bornierte Unabhängigkeit des Individuums hinaus. In der Ekstase und der auf sie folgenden Stille rührt man ans Heilige. Peter Trawny meint: „Vielleicht gibt es nur in der intimsten Berührung jenes Unberührbare, was falsche Priester ins Jenseits verbannen.“ Es handelt sich dabei um eine Vertrautheit, die in eine seltsame Fremdheit umschlagen kann, ohne einen selbst zu befremden.

In diesen intimsten Minuten oder Stunden des Lebens gibt es eine magische Choreografie. Diese kann kein pornografisches Bild jemals einfangen. Es entstehen Augenblicke, die unvergesslich bleiben, obwohl man nicht weiß, was eigentlich geschah. Das Spektrum der Berührungen geht über diese intimste Form sogar noch hinaus. Noch die flüchtigste Umarmung, das selbstverständliche Berühren eines Kindes, das ohne Berührung vermutlich wortlos sterben würde, gehört zu den menschlichsten Möglichkeiten des Daseins. Quelle: „Philosophie der Liebe“ von Peter Trawny

Von Hans Klumbies

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