Die überdramatisierte Weltsicht boomt

Unzählige Parameter wie Bildung, Gesundheit, Lebenserwartung, Chancengleichheit, Sicherheit, Wohlstand, Freiheit und viele andere haben sich in den letzten Jahren sehr verbessert. Der Menschheit ging es noch nie so gut wie heute. Dennoch glauben die meisten Menschen immer noch: „Früher war alles besser.“ Markus Hengstschläger erläutert: „Der moderne Homo sapiens denkt mehrheitlich, dass er in einer Welt zunehmender Kriege, Gewaltverbrechen, Naturkatastrophen, menschengemachter Katastrophen, Korruption, Armut und Ungerechtigkeit lebt.“ Hans Rosling nennt das die überdramatisierte Weltsicht und gibt die Schuld nicht den böswilligen Medien, nie nur mehr Negativschlagzeilen und Katastrophenberichte bieten, oder der Propaganda, den Fake News oder den „alternativen Fakten“. Er schreibt es jenen menschlichen Instinkten zu, die während Millionen von Jahren andauernder Evolution im menschlichen Gehirn verankert wurden. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUni Wien.

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Die Introspektion hat keine Konkurrenz

Antonio Damasio erklärt in seinem Buch „Wie wir denken, wie wir fühlen“ wie er die Untersuchung mentaler Phänomene angeht: „Die Methode beginnt natürlich bei den mentalen Phänomenen selbst – eine einzelne Person betreibt Introspektion und berichtet über ihre Beobachtungen.“ Die Introspektion hat ihre Grenzen, aber keine Konkurrenz, und erst recht gibt es keinen Ersatz. Sie bildet das einzige direkte Fenster zu den Phänomenen, welche die Psychologie verstehen will. Und sie leistet wissenschaftlichen und künstlerischen Genies wie William James, Sigmund Freud, Marcel Proust und Virginia Woolf denkwürdig gute Dienste. Heute, über ein Jahrhundert später, kann die Wissenschaft auf einige Fortschritte verweisen, aber ihre Errungenschaften bleiben außergewöhnlich. Antonio Damasio ist Dornsife Professor für Neurologie, Psychologie und Philosophie und Direktor des Brain and Creativity Institute an der University of Southern California.

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Überall gibt es Grenzen

Kevin Dutton stellt fest: „Wir leben in einer gespaltenen Welt. Wohin wir auch schauen, gibt es Grenzen. Allen voran haben Länder Grenzen. Auf der einen Seite wir auf der anderen sie.“ Städte haben Bezirke und Stadtviertel. Auch im Alltagsleben ziehen Menschen unzählige Grenzen. Sie entscheiden auf der Grundlage von Geschlecht und Hautfarbe, wo sie Grenzen ziehen. Das menschliche Gehirn ist mit einer Formatierungspalette ausgestattet. Durch ihre lange und vielfältige evolutionäre Vergangenheit sind Menschen darauf programmiert, Grenzen zu ziehen. Doch wie kann man sicher sein, dass die Grenzen, die man zieht, die richtigen sind? Und woher weiß man, wo man sie ziehen soll? Die Antwort von Kevin Dutton lautet ganz einfach: „Wir können es nicht wissen.“ Kevin Dutton ist Forschungspsychologe an der University of Oxford und Mitglied der British Psychological Society.

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Psychisch Kranke sind leidende Menschen

Gewiss gab es auch in längst vergangenen Zeiten eindeutig psychisch Kranke. Doch die wurden als solche nicht wahrgenommen. Denn die Psychiatrie war noch gar nicht erfunden. Manfred Lütz blickt zurück: „Und so wurden psychisch Kranke als von bösen Geistern besessen oder schlicht als kriminell betrachtet und entsprechend behandelt. Einige stellte man auf Jahrmärkten zur Schau.“ Noch in den Jahren 1807 bis zu seinem Tod 1843 wurde der psychisch erkrankte Friedrich Hölderlin in seinem „Narrenturm“ in Tübingen trotz aller Freundlichkeit der Wirtsleute im Grunde wie ein Tier gefangen gehalten. ES war nicht die Wissenschaft, sondern es waren unstudierte christliche Ordensleute, die zuerst erkannten, dass psychisch Kranke in Wirklichkeit leidende Menschen waren, und nahmen sich ihrer an. Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz ist Psychiater, Psychotherapeut, Kabarettist und Theologe.

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Liebe braucht keine Anhänglichkeit

Einen Menschen wahrhaftig zu lieben bedeutet, sein Glück zu wollen. Das ist für eine Paarbeziehung und eine Freundschaft notwendig. Frédéric Lenoir erklärt: „Wir freuen uns über das Glück unserer Angehörigen, selbst wenn sie eine andere Wahl als wir selbst treffen.“ Der libanesische Dichter Khalil Gibran drückt das perfekt in seinem Buch „Der Prophet“ aus. Er schreibt: „Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind Söhne und Töchter der Sehnsucht allen Lebens nach sich selbst.“ Deshalb fordern Weisheitslehren ihre Leser auf, zu lieben, ohne anhänglich zu sein. Dass man mit dem Herzen an seinen Angehörigen und Freunden hängt, ist jedoch völlig normal. Das Gegenteil wäre ja beunruhigend. Wenn man in einer Weisheitslehre von „Gleichgültigkeit“ spricht, ist damit eine Haltung gemeint, in der man den anderen nicht an sich reißt und ihn nicht als sein Eigentum betrachtet. Frédéric Lenoir ist Philosoph, Religionswissenschaftler, Soziologe und Schriftsteller.

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Die Bedeutung der Mutter ist gigantisch

Aus der gesamten Entwicklungspsychologie ist die Bedeutung der elterlichen, insbesondere der mütterlichen Emotionen für das Kind bekannt. Vor allem die Zuneigung vonseiten der Mutter ist von höchster Bedeutung, da diese für die Ausgestaltung des Gefühllebens maßgebend ist. Reinhard Haller betont: „Keine der Wurzeln des Bösen ist so stark, wie es Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern durch Väter und insbesondere durch die Mütter sind.“ Unter Kindesmisshandlung versteht man gewaltsame psychische oder physische Beeinträchtigungen von Kindern durch ihre Eltern und Erziehungsberechtigten. Diese Beeinträchtigungen können durch konkrete Handlungen, etwa sexuellen Missbrauch und körperliche Misshandlung, oder durch Unterlassungen, vor allem emotionaler und physischer Natur, zustande kommen. Misshandlungen im engeren Sinne umfassen jene Fälle, in denen die Kinder körperlich verletzt werden, etwa durch Schläge, Stöße, Schütteln, Verbrennungen oder gar Stiche. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

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Die Menschen werden immer älter

Es ist eine angenehme Vorstellung, wenn man von der Zeit ab seinem 60. Lebensjahr als „der zweiten Hälfte des Lebens“ redet statt von der letzten Lebensphase, auch wenn das statistisch nicht ganz korrekt ist. Andreas Salcher erklärt: „Vor hundert Jahren war man mit 60 seit 13 Jahren tot, im Jahr 2000 hatte man noch 17 Jahre vor sich. Und wer im Jahr 2018 seinen Sechzigsten feiert, der hat mit etwas Glück und gesunder Lebensweise vielleicht sogar noch 30 Jahre vor sich.“ Spätestens bei diesem Gedanken werden viele Menschen zu rechnen beginnen und sich fragen: Wie lange werde ich mir meinen Lebensstandard mit meiner staatlichen Pension leisten können? Worauf muss ich vielleicht verzichten? Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestseller-Autor und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.

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Liebe und Rationalität prägen Beziehungen

Tinder verspricht eher einen One-Night-Stand als eine eigentliche Partnerschaft. Daher scheint die Dating-App sehr nahe am Realismus des flüchtigen Begehrens zu sein. Peter Trawny kritisiert: „Apps wie Parship oder, schlimmer noch, Eliteparter werben mit festen Bindungen.“ Eva Illouz spricht bei alledem von „Technologien der Wahl“. Sie weist zutreffend darauf hin, dass es falsch ist anzunehmen, eine auf „Liebe beruhende Partnerwahl“ bringe „einen Rückgang rationaler Kriterien in der Partnerwahl“ mit sich. Für Eva Illouz strukturieren zusammenwirkend Liebe und Rationalität moderne Beziehungen. Peter Trawny ist sich sicher, dass die Soziologin recht hat. Auch viel früher schon haben rationale Kriterien in der Partnerwahl eine Rolle gespielt. Peter Trawny gründete 2012 das Martin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, das er seitdem leitet.

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Beziehungen kennen keine Grenzen mehr

Die Gegenwart ist von einer Sexualisierung gekennzeichnet, die Verwirrung stiftet. Eva Illouz erläutert: „Dadurch, dass sie eine Anhäufung sexueller Erlebnisse ermöglicht, ja zu ihr ermutigt, verwischt sie die Grenzen zwischen Beziehungen. Der moderne Weg, Beziehungen aufzubauen, lebte von der Fähigkeit, Grenzen zwischen ihnen zu ziehen, also zu definieren, wie und wo verschiedene Beziehungen beginnen und enden.“ Die Anhäufung von Beziehungen erschwert es nun allerdings enorm, an klaren emotionalen und begrifflichen Kategorien festzuhalten. Etwa um Grenzen zwischen Beziehungen abstecken zu können, wie man es beispielsweise tut, wenn man strikt zwischen Freunden und Liebhabern unterscheidet. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Außerdem ist sie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.

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Scham hat immer einen fassbaren Grund

Scham, Schämen und Beschämung gehören zum großen Kreis dessen, was die Kränkung erfasst. Reinhard Haller erläutert: „Wenn man sich schämt oder beschämt wird, leidet man an einem Zustand des Unwohlseins, der Peinlichkeit, der Unruhe, der Depressivität. Man fühlt sich unsicher, schuldig und bloßgestellt, man ist gekränkt.“ Die Auslöser dieser Kränkungsreaktion sind in Mängeln, Fehlern oder Peinlichkeiten, im Verletzten basaler Gebote oder in gesellschaftlich nicht akzeptierten Verhaltensweisen zu sehen. Wenn aufgezeigt wird, dass persönliche Ziele nicht erreicht, Erwartungen der Mitmenschen nicht erfüllt und gesellschaftliche Normen nicht eingehalten worden sind, fühlt man sich beschämt. Kränkungen können völlig unbewusst, ohne eigenes Zutun und ohne wesentliche Fehler ausgelöst werden. Schämen hat immer einen fassbaren Grund, der aber nicht unbedingt mit Schuld zu tun haben muss. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

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