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Die Beschleunigung prägt die Gegenwart

Immer mehr Menschen entwickeln das Gefühl, dem Veränderungstempo in der Arbeitswelt nicht länger gewachsen zu sein und abgehängt zu werden. Immer ausgefeiltere Techniken helfen ihnen, immer mehr Zeit zu „sparen“, und doch haben sie immer weniger davon. Daniel Goeudevert erklärt: „Dieses seltsame Paradox scheint mir geradezu eine Grunderfahrung der Gegenwart zu sein, deren prägendstes Merkmal ja tatsächlich die Beschleunigung ist.“ Immer mehr in immer kürzerer Zeit zu schaffen, ist das mantramäßig gepredigte Ideal des Industriezeitalters. Denn die permanente Temposteigerung prägt ja längst nicht mehr nur Wirtschaft und Arbeitswelt. Sie hat ebenso das soziale wie das ganz private Leben erfasst. Auch die „freie“ Zeit ist zum Teil auf das Engste durchgetaktet. Daniel Goeudevert war Vorsitzender der deutschen Vorstände von Citroën, Renault und Ford sowie Mitglied des Konzernvorstands von VW.

Immer mehr Menschen haben Angst vor der Zukunft

Der Tag ist nicht selten zu kurz, um zu erledigen, was man sich vorgenommen hat. Erwerbstätige wie nichterwerbstätige Menschen klagen daher zunehmend über Stresssymptome. Aber was oder wer treibt die sich steigernde Dynamik an? Und wohin wird sie die Menschheit führen? Eine Antwort auf diese Fragen ist dringender denn je. Denn die Menschheit hat ja tatsächlich auch in anderen Hinsicht keine Zeit mehr. Daniel Goeudevert warnt: „Wenn die sich mittlerweile selbst beschleunigenden Prozesse ungehemmt weiterlaufen, werden wir schon sehr bald völlig unvorbereitet vor Verwerfungen stehen, die wir gar nicht mehr durchschauen und also auch nicht beherrschen können.“

Aber wie soll man an das morgen denken, wenn einen das Heute schon überfordert? Diese Frage berührt ein Grundproblem des gegenwärtigen Lebens und Wirtschaftens. Denn wer der Zukunft kein Ziel gibt, an dem er sein Handeln gestaltend ausrichtet, wird im Geschwindigkeitsrausch umkommen. Immer mehr Menschen entwickeln schon gegenwärtig eine Art Tsunami-Gefühl. Der „Fortschritt“ schwemmt ihre Zukunft weg. Das erzeugt Angst. Und wer Angst hat, findet nichts Eigenes mehr, woran er sich ausrichten könnte.

Die Uhren ticken scheinbar immer schneller

Daniel Goeudevert stellt fest: „Unser Alltag ist durch viele sich verschärfende Paradoxien geprägt, an deren Zustandekommen wir sicher ungewollt, aber tatkräftig mitwirken.“ Es entsteht dabei ein Unbehagen an der Gegenwart, in der sich viele Menschen nicht mehr recht zu orientieren wissen. Eine große Rolle spielt das Gefühl, dass die Uhren scheinbar immer schneller ticken. Trotz aller neuen technischen Hilfsmittel hat man immer weniger Zeit und muss irgendwie auch immer mehr arbeiten.

Von Entlastung ist jedenfalls im Alltag nicht zu spüren. Das ist seltsam und doch laut Daniel Goeudevert leicht zu erklären: „Zum einen sind wir aufgrund vieler lässlicher Unvernünftigkeiten selbst schuld daran.“ Was tut man heute nicht alles quasi freiwillig und ohne jede Vergütung, was einst bezahlte Arbeit gewesen ist. Und die Zeit, die man da leistet, sowie die Zeit, die man dafür aufbringt, fallen eben auf der Anbieterseite nicht mehr an. Dadurch wird deren Produktion enorm gesteigert, bei sinkender Kostenquote. Quelle: „Sackgasse“ von Daniel Goeudevert

Von Hans Klumbies

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