Gelegenheitssex kommt ohne Namen aus

In zahllosen Schilderungen von Gelegenheitssex wird die Tatsache betont, dass Menschen Geschlechtsverkehr haben, ohne den Namen ihres Partners zu kennen. Männer signalisieren zum Beispiel ihre sexuellen Absichten auf Partys dadurch, dass sie Frauen von hinten mit ihren Genitalien streifen. Als soziale Form zeichnet sich Gelegenheitssex durch symbolische Strategien aus. Diese desingularisieren den Geschlechtspartner und sollen ihn also weniger einzigartig machen. Eva Illouz erläutert: „Die Funktion von Namen besteht gerade darin, eine Person zu identifizieren und einzigartig zu machen.“ In dieser Hinsicht imitiert Gelegenheitssex die Anonymität und Flüchtigkeit von Interaktionen in der Sphäre des Konsums. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Außerdem ist sie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.

Gelegenheitssex hat manchmal berauschende Züge

Wenn sie ihn in seiner reinen Form praktizieren, müssen Menschen beim Gelegenheitssex Fremde füreinander bleiben. Zudem vermengt diese Art des Geschlechtsverkehrs die Eigenschaften zweier entgegengesetzter Pole. Distanz und Fremdheit auf der einen Seite und Nähe auf der anderen. Eva Illouz stellt fest: „Gelegenheitssex trennt den Körper vom Selbst, da er ihm als eine autonome Quelle von Lust und damit als reine Materialität gilt. Schließlich macht es Gelegenheitssex zwingend erforderlich, dass die Beteiligten auf jeden Zukunftsentwurf verzichten.“

Denn alle Interaktionen sind hier billigerweise kurzlebig, lustbetont, selbstreferentiell und werden um ihrer selbst willen verfolgt. Infolgedessen verfügt Gelegenheitssex – wie alle anonymen Beziehungen – über ein entscheidendes Merkmal: Er schwächt die Regeln der Reziprozität. Manchmal hat Gelegenheitssex berauschende Züge, denn er bejaht die Freiheit des Subjekts und die kontinuierliche Versorgung mit neuen Gelüsten. Die Möglichkeit der Reziprozität, Verbundenheit und zwischenmenschlicher Beziehung aber löscht er aus.

Gelegenheitssex ist auf die eigene Lust zentriert

Ja, wahrscheinlich besteht eine der Freuden solcher Interaktionen gerade in dem Umstand, dass sie das Selbst nicht einbeziehen und keine Gegenseitigkeit voraussetzen. Wie der Soziologe Steven Seidman sagt, ist Gelegenheitssex „auf die eigene Lust zentriert“, aktbasiert, austauschbar, und „jegliche Erwartungen bezüglich Intimität, Hingabe und Verantwortung bleiben auf die Begegnung beschränkt“. So gesehen ist Gelegenheitssex eine idealtypische Verkörperung einer Fülle von Verhältnissen zu Fremden.

Diese zeichnen sich durch die modernen urbanen Schauplätze des Konsums aus, bei denen Anonymität eine zentrale Rolle spielt. Die Maximierung der körperlichen Lust steht bei dieser Art der sexuellen Begegnung im Mittelpunkt. Als soziale Form hat sich Gelegenheitssex seit Erica Jongs „Spontanfick“ weiterentwickelt. Der Gelegenheitssex löscht die narrative Linearität aus, die traditionellen heterosexuellen Beziehungen innewohnte. Er wird als punktuelle Episode gelebt, die nicht auf eine bestimmte Person, sondern vielmehr auf einen allgemeinen attraktiven triebhaften Körper zielt. Quelle: „Warum Liebe endet“ von Eva Illouz

Von Hans Klumbies

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