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Der Zweck der Diagnose ist die Therapie

Der Begriff Psychiatrie kommt aus dem Griechischen. Psyche heißt Seele und latros heißt Arzt. Manfred Lütz betont: „Die einzige wirkliche Aufgabe von Ärzten ist es, leidende Menschen zu helfen oder ihr Leid wenigstens zu lindern. Zu diesem Zweck – und nur zu diesem Zweck! – brauchen Ärzte Diagnosen.“ Die Diagnose ist also, wie schon Aristoteles erkannt hat, eine ganz besondere Erkenntnisform. Eine Diagnose ist keine Erkenntnis an sich, wie die Erkenntnisse der Naturwissenschaft. Die Diagnose ist von ihrem Wesen her eine zweckgerichtete Erkenntnis. Und der einzige Zweck der Diagnose ist die Therapie, die Behandlung von leidenden Menschen. Das Leid psychisch kranker Menschen besteht nicht nur in der Last der sie bedrängenden außergewöhnlichen Phänomene. Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz ist Psychiater, Psychotherapeut, Kabarettist und Theologe.

Psychisch Kranke verschließen sich in ihrer eigenen Welt

Ihr Leid besteht auch in einer oft tief greifenden Störung der Kommunikation mit anderen, mit der normalen Welt. Manche psychisch Kranke verschließen sich ganz in ihrer eigenen Welt. Sie haben felsenfeste Überzeugungen, die kein anderer Mensch mit ihnen teilt. Sie scheuen aus einem Gefühl der Unfähigkeit heraus den mitmenschlichen Kontakt. Erfolgreiche Therapie heißt dann in der Psychiatrie nicht nur, dass die psychische Störung selbst beseitigt oder wenigstens gelindert ist, sondern Therapie betrifft auch die sozialen Folgen.

Manfred Lütz erläutert: „Der Mensch muss sich wieder befreit als kommunikatives soziales Wesen erleben dürfen. Mit allen Mitteln der Psychotherapie, der medikamentösen Therapie und vieler anderer Methoden das zu erreichen, das ist, kurz gesagt, die ganze Aufgabe der Psychiatrie.“ Dabei ist es gefährlich, Einsichten, zu denen die Psychiatrie bei leidenden Menschen gelangt ist, umstandslos auf nicht leidende Menschen zu übertragen. Die Unart mancher Psychoexperten, Diagnosen auch auf Leute anzuwenden, die bei ihnen gar nicht den Krankenschein abgegeben haben, ist ein Missbrauch von Diagnosen.

Im Zweifel ist ein Mensch gesund

Es muss der Grundsatz gelten, dass ein Mensch im Zweifel gesund ist. Sonst wird die Welt zur Diktatur der langweiligen Normopathen, der grauen Mäuse jeder Gesellschaft, die mit einer Ideologie korrekter Normalität alles Außerordentliche einebnen. Zudem missbrauchen sie eine willfährige Psychiatrie dazu, alles Irritierende in diagnostische Schubladen zu sperren. Dann würde diese ganze bunte Welt totalitär mit nicht erwünschten Behandlungen überzogen – und für die wirklich Leidenden bliebe keine Zeit mehr.

Wissenschaft ist im Sinn moderner Wissenschaftstheorie keine Wahrheitslehre. Und die Psychiatrie beruht auf einer hermeneutischen Methode. Das heißt, sie liefert mehr oder weniger nützliche Bildbeschreibungen – aus denen man gewisse Schlüsse für die Therapie leidender Menschen ziehen kann. Nicht mehr und nicht weniger. Eine imperialistisch werdende Psychiatrie würde nicht nur einen so fantasievollen Menschen wie Franz von Assisi grandios missverstehen. Quelle: „Neue Irre!“ von Manfred Lütz

Von Hans Klumbies

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