Sobald Menschen etwas aktiv gestalten, wählen und kontrollieren können, fühlen sie sich weniger machtlos, hilflos und ausgeliefert. Wer die Schuld von Ursachen, Moral oder Regel bei sich findet, akzeptiert nicht nur deren Last: „Ich habe etwas falsch gemacht.“ Helga Kernstock-Redl fügt hinzu: „Indirekt suggeriert uns die bloße Existenz eines Schuldgefühls eine verpasste Chance auf Kontrolle.“ Denn man hätte es ja auch richtig machen können und man hat möglicherweise das nächste Mal Einfluss darauf. Dann wird es einem vielleicht nicht mehr passieren, denn man kann diesen Fehler vermeiden. Dadurch entsteht Hoffnung. Sogar wenn es in Wahrheit keine Einflussmöglichkeit und damit keinen eigenen Fehler gibt, kann das Gehirn dem Bewusstsein Schuldgefühle zuwerfen wie ein rettendes Seil. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Hans Klumbies
Die Begegnung mit dem Selbst erzeugt Angst
Es mit sich selbst auszuhalten, bei sich selbst zu sein, ist für viele Menschen eine der schwierigsten Herausforderungen überhaupt. Warum löst die Vorstellung, sich selbst zu begegnen, bei ihnen – ob zu Recht oder Unrecht – Angst aus? Joachim Bauer erläutert: „Das Selbst ist nicht unbedingt eine Oase der Ruhe, sondern, jedenfalls bei vielen Menschen, ein unruhiges oder gar von ständigen Erdbeben erschüttertes und von schweren Verwerfungen betroffenes Terrain.“ Ein Grund dafür sind „negativ geladene“ Selbst-Teilstücke, die in den ersten Lebensjahren von Bezugspersonen ausgesandt und im Laufe des Lebens von bedeutsamen Anderen in die eigene Persönlichkeit hineinlanciert wurden. Sie sind zu einem Teil des eigenen Selbst geworden und geben seither keine Ruhe. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.
Das Leben ist eine einzige Manipulation
Über Manipulation sagte der Hypnosetherapeut Milton H. Erickson: „Man hat mir vorgeworfen, Menschen zu manipulieren, worauf ich antworte: Jede Mutter manipuliert ihr Baby, wenn sie möchte, dass es überlebt. Und jedes Mal, wenn du einkaufen gehst, manipulierst du den Angestellten, deinen Anweisungen zu folgen. Und wenn du ins Restaurant gehst, manipulierst du den Kellner. Und der Lehrer in der Schule manipulierte dich, damit du lesen und schreiben lerntest. Das Leben ist eine einzige große Manipulation.“ Thorsten Havener definiert die Manipulation wie folgt: „Der Begriff Manipulation setzt sich zusammen aus den lateinischen Wörtern „manus“ (Hand) und „plere“ (füllen).“ Schlicht übersetzt heißt es also „eine Handvoll (haben)“ und „etwas in der Hand haben“. Übertragen würde es Thorsten Havener mit „Handgriff“ oder auch „Kunstgriff“ übersetzen. Thorsten Havener ist Deutschlands bekanntester Mentalist.
Kontrollverlust führt zur Selbstabwertung
Wenn man fragt, warum es bei manchen Menschen immer wieder zu Kontrollverlusten kommt, dann sind Teufelskreise zu beobachten. Heinz-Peter Röher erklärt: „Wer unter einem Kontrollverlust oder den Folgen leidet, tendiert zur Selbstabwertung. Er macht sich Vorwürfe und redet negativ mit sich selbst.“ Durch die Selbstabwertung labilisiert sich die Psyche. Dies ist wiederum die Basis dafür, dass es zu neuen Kontrollverlusten kommt. Der Vorsatz, dass es so etwas nicht mehr geben wird – nie mehr –, gehört in aller Regel auch dazu. Typischerweise gibt es nach dem oder schon während des Kontrollverlustes ein „Erklärsystem“, eine Rechtfertigung, eine Beweisführung, warum alles so kommen musste. Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.
Auch Gefühle kann man lernen
Jeder Mensch hat die Fähigkeit, Zuneigung zu fassen und Zuneigung zu wecken. Dadurch entstehen die möglichen Bahnen, auf denen sich im Geflecht seiner unendlichen Lebensbeziehungen Sinn materialisiert. Isabella Guanzini erklärt: „Wir kommen in der Sprache der ursprünglichen Zärtlichkeit zur Welt. Und so können wir auch nur dank der Sprache der alltäglichen Zärtlichkeit in der Welt leben und sie menschlich gestalten.“ Der Unterricht in der Schule setzt immer mehr auf kognitive Techniken wie Mind Maps. Man muss jedoch auch eine Bildung fördern, die Landkarten der Gefühle entwirft. Diese kann der Gefühlswelt der aufwachsenden Generationen eine Orientierung geben und Triebe in Begehren verwandeln. Das Wichtigste ist heute die lustvolle Fähigkeit zum kollektiven Aufbau, damit eine Politik des Gemeinsinns entstehen kann. Isabella Guanzini ist Professorin für Fundamentaltheologie an der Universität Graz.
Dauerhaftes Glück gibt es nicht
Das Gefühl von Glück kann im Gehirn nur dann entstehen, wenn sich das, was man im Augenblick erlebt, sehr positiv von dem unterscheidet, was man vorher erlebt hat. Würde man in einem Schlaraffenland leben, in dem es einem an nichts fehlt, bliebe die Tür für das allerwinzigste Glücksgefühl für immer völlig verschlossen. Gerald Hüther betont: „Diesen von uns allen ersehnten Zustand, in dem wirklich alles dauerhaft zusammenpasst, werden wir niemals erreichen, solange wir noch am Leben sind. Wir brauchen diese ständigen Störungen, diese unangenehme Erfahrung, dass schon wieder etwas nicht so ist, wie wir uns das wünschen.“ Nur wer hinreichend stark unglücklich war, kann erleben, wie es sich anfühlt, nun auf einmal glücklich zu sein. Gerald Hüther ist Neurobiologe und Verfasser zahlreicher Sachbücher und Fachpublikationen.
Vertrauen kann Verletzungen hervorrufen
Vertrauen heißt in gewisser Weise, jemanden etwas tun lassen, was nicht jeder tun darf. Dabei geht es Martin Hartmann hier wieder um Verletzungen, die man einem Menschen zufügen kann, weil er vertraut: „Oft wissen wir gar nicht so genau, welche Verletzungen durch Vertrauen entstehen können, weil in einer Beziehung eben auch ganz neue Verletzlichkeiten entstehen, die vorher gar nicht gegeben waren.“ Mit anderen Worten, im Vertrauen räumt man anderen Freiheiten ein, von denen man nicht genau weiß, wie sie diese Freiheiten nutzen werden. Man weiß folglich auch nicht genau, worauf man sein Vertrauen eigentlich richtet. Es ist nicht einfach so, dass der andere vertrauenswürdig ist und man deswegen vertraut. Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern.
Auch verschobene Rache kann süß sein
Nachdem wissenschaftlich lange Zeit darüber diskutiert wurde, ob verschobene Rache dieselbe Befriedigung bringe wie das direkte Zurückzahlen an den Schädiger, konnte eine Forschergruppe um Mario Gollwitzer nachweisen, dass auch verschobene Rache recht süß sein kann. Reinhard Haller weiß: „Direkte Rache löst beim Rächer weniger Schuldgefühle aus und führt zu mehr Befriedigung als verschobene Rache.“ Diese wird nur dann als mäßig befriedigend erlebt, wenn das unbeteiligte Opfer und der ursprüngliche Übertäter einer untereinander eng verbundenen Gruppe angehörten. Nach Mario Gollwitzer ist deshalb verschobene Rache, die wohl auch der Sippenhaft zugrunde liegt, nicht nur das Ausleben der eigenen Frustrationen an irgendeiner anderen Person und auch nicht als irrationaler Impuls zu betrachten. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.
Das Unbehagen an der Kultur wächst
Die Anforderungen an den Einzelnen durch die Kultur werden immer größer. Denn er muss ständig entsprechende Gruppennormen erfüllen. Der Preis des kulturellen Fortschritts besteht dann laut Sigmund Freud darin, dass der Mensch den hohen und differenzierten Anforderungen einer solchen Kultur nicht gerecht werden kann. Deshalb muss er Schuldgefühle entwickeln, die auf anderem Wege zu kompensieren sind. Armin Nassehi ergänzt: „Die Kulturentwicklung verlangt mit zunehmender Komplexität mehr Normenerfüllung und überfordert den Einzelnen dadurch, dass er gewissermaßen haltlos wird.“ Forderungen der Zugehörigkeit entwickeln sich damit zu Problem und Lösung zugleich. Sie sind Lösung, weil sie dem Einzelnen Anerkennung versprechen. Sie sind das Problem, weil sie letztlich so eine starke Selbstkontrolle verlangen, die Sigmund Freud für geradezu widernatürlich hält. Armin Nassehi ist Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Soziologie und Gesellschaftstheorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Geteilte Gefühle verbinden Menschen
Gähnt ein Mensch, der einem gegenübersitzt, fängt man auch selbst zu gähnen an und fühlt sich plötzlich müde. Hans-Otto Thomashoff erklärt: „Unbewusst ahmt unser Gehirn die Handlung nach, die es bei dem anderen erkennt, und versteht sie dadurch.“ Genau dieser Mechanismus ist die Ursache für das Ansteckungspotenzial von Gefühlen, die sogenannte Resonanz. Geteilte Gefühle, also Resonanzerlebnisse, sind der entscheidende Kitt für den Aufbau von Bindungen, die ihrerseits Ausgangspunkt für unzählige weitere Resonanzerlebnisse sind. Geteilte Gefühle binden Menschen aneinander. So entsteht Zusammengehörigkeit. Umgekehrt droht beim Fehlen von Bindungen zunehmende Vereinsamung. Dies ist oft das Schicksal vieler isolierter Bewohner in anonymen Hochhaussiedlungen und alleinstehender Menschen im hohen Alter. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.