Die Sprache erlebt eine enorme Müdigkeit

Eine Sprache muss fähig sein, den Seelenregungen in all ihren Facetten zwischen Hochgefühlen und Niedergeschlagenheit Raum zu geben. So können sie eine persönliche Form annehmen, bis allmählich eine Geschichte daraus wird. Doch auch die Sprache erlebt zwischenzeitlich eine außerordentliche Müdigkeit. Sie setzt ihre Hoffnungen auf neue Ausdrucksformen und kreativer Kommunikation, die Verbindung zwischen Menschen schafft, statt zu zersetzen. Isabella Guanzini erklärt: „Heute fehlen uns noch die Worte für eine gemeinsame Welt, denn es fehlt ein Wortschatz, der der Macht der Gefühle gewachsen ist.“ Ohne geeignete Form zerstreut sich die Kraft oder degeneriert zu Gewalt. Wenn sie keine Sprache findet, löst sie sich melancholisch im Enthusiasmus eines Moments auf oder in einer schockierenden Tat. Isabella Guanzini ist Professorin für Fundamentaltheologie an der Universität Graz.

Das Gefühlsleben hat viele Geheimnisse

Man müsste regelrechte Landkarten erstellen. Mit deren Hilfe könnte man sich zumindest in der überbordenden und unbeherrschbaren Welt der möglichen Gefühle und Affekte orientieren. Hier kann einem Menschen weder ein Roman noch eine Gedichtsammlung helfen. Ebenso wenig hilft ein psychopädagogischer Ratgeber für verkümmerte Herzen. Vielleicht ist ein Buch für mutige Geister, ein schwieriger Text, eher hilfreich. Denn dieser kann wertvolle Hinweise geben, die helfen, ein Bewusstsein für das Geheimnis des Gefühlslebens zu entwickeln.

In seiner „Ethik“ unternimmt Baruch de Spinoza eine außergewöhnliche Analyse der vielfältigen Variationen der Gefühle. Er zeigt, dass es bestimmte Gefühlszustände gibt, welche die Vitalität eines Menschen steigern, und andere, die sie hemmen. Die Hemmenden hindern einen Menschen daran, ein freies Leben zu führen. Es gibt Ideen, Welten und Menschen, die einen froh stimmen und dabei das Gefühlspotential erweitern. Andere engen es ein, machen einen Menschen traurig, so dass man sich in dunkle Einsamkeit zurückzieht.

Die zweit Hauptstimmungen sind Freude und Traurigkeit

Isabella Guanzini weiß: „Es gibt zärtliche Gesten, die uns zu dem erwecken, wie wir gemeint sind. Sie geben uns die Kraft, plötzlich den Kopf zu heben, und verändern so die Perspektive unserer Gedanken und Begegnungen.“ Es gibt Nahrung oder Ideen, welche die Vitalität eines Menschen steigern, und andere, die sie unterdrücken. Es ist ein ständiges Auf und Ab, das dem individuellen Gefühls- und Geistesleben einen Rhythmus verleiht. Denn jeder einzelne Mensch erlebt eine fortwährende Variation von Zuständen und Gefühlen.

Diese können sich zu Antriebskräften des Verstehens entwickeln und zu Sprungbrettern für mutige Taten. Sie können aber auch Fesseln aus traurigen Gedanken sein, die jede Entscheidung hemmen. Auf der Partitur der Gefühle sieht Baruch de Spinoza zwei Hauptstimmungen, Freude und Traurigkeit. Sie sind die beiden Vektoren der Gefühlsvariation, die eine erhöht die Vitalität, die andere verringert sie. Wer von Traurigkeit betroffen ist, hat keinen Zugang zu seinem Tätigkeitsvermögen. Quelle: „Zärtlichkeit“ von Isabella Guanzini

Von Hans Klumbies

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