Das Gehirn mag offene Geschichten nicht

Irgendwo, tief verwurzelt in den ältesten und innersten Regionen des Gehirns, schlummern die fundamentalen Antriebe der Natur. Helga Kernstock-Redl vermutet: „Es sind wohl Selbsterhaltung und Arterhaltung. Doch diese beiden reichen nicht, um uns selbst und die Funktion von Schuldgefühlen gut zu verstehen.“ Das menschliche Gehirn mag offene Geschichten nicht. Die Wahrnehmungspsychologie nennt diese Dynamik die Suche nach der „guten Gestalt“. Gute Gestalten sind in sich schlüssig. Man kennt sich aus, sie sind „fertig“. Ein weiteres Nachdenken ist nicht notwendig. Logische Brüche und offene Enden zum Beispiel in Filmen und Büchern irritieren. Das kann natürlich manchmal sogar beabsichtigt sein, damit man sie eben nicht so leicht aus dem Kopf kriegen kann. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.

Das Gehirn sucht nach der guten Gestalt

Dadurch denken die Zuschauer oder Leser weiter nach oder sehnen neugierig die Fortsetzung herbei. Helga Kernstock-Redl weiß: „Medien, TV-Serien und Filme nutzen das und bauen unbeantwortete Fragen und offen Ende, „Cliffhanger“, ein.“ Wichtige Elemente einer guten Gestalt sind das Ende und die Klärung der Warum- beziehungsweise der Ursachen- und der Schuldfrage. Bietet man dem Gehirn keine gute Gestalt, sucht es verbissen weiter, vielleicht erfindet es sich die fehlenden Bestandteile sogar.

Beim Sehsinn ist dieser Automatismus besonders beeindruckend. Erkrankungen mit Gesichtsfeldausfällen werden einige Zeit von Betroffenen selbst nicht erkannt, denn das Gehirn konstruiert einfach die fehlenden Teile des Bildes. Augenärztliche Untersuchungen müssen erst einmal diesen Mechanismus austricksen. Auch bei einem Spielfilm sieht man im Prinzip nur einzelne, wenige Szenen. Alles dazwischen „erfindet“ der Zuschauer innerhalb von Sekunden. Helga Kernstock-Redl vermutet, dass die Suche nach der guten Gestalt deshalb für einen Menschen so wichtig ist, weil das Gehirn schließlich aus der Vergangenheit eine möglichst passende Erwartung für die Zukunft bilden möchte.

Menschen sehnen sich nach sozialen Kontakten

Erst danach können Ereignisse als „erledigt“ archiviert werden. Die Frage: „Was kann ich daraus lernen?“ ist daher ein außerordentlich effektiver, hirnfreundlicher Weg, einen solchen Schlusspunkt bewusst zu setzen. Sogar ein allfälliges Schuldgefühl lässt sich vielleicht auf diese Weise ablegen. Denn es folgt die Erkenntnis: „Das wird mir nicht mehr passieren. Ich habe daraus gelernt.“ In jedem Fall ist man um eine Erfahrung reicher. Um die Kräfte zu verstehen, die einen Menschen über Selbst- und Arterhaltung hinaus antreiben, hilft das Koordinatensystem der Bedürfnisse.

Es besteht aus der Sehnsucht nach sozialem Kontakt, dem Bedürfnis nach Sicherheit und, als dritte Achse, dem Wunsch nach Einfluss und Kontrolle über das eigene Leben. Die Schuldthematik hilft auf ihre eigene, geniale Weise, in allen drei Bereichen mehr Lebensqualität zu gewinnen. Menschen haben von Natur aus ein auf den sozialen Kontakt ausgerichtetes Gehirn, beweist die Hirnforschung: Intensive Sozialkontakte schützen nachweislich vor vielen Demenzerkrankungen. Quelle: „Schuldgefühle“ von Helga Kernstock-Redl

Von Hans Klumbies

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